Ausstellung in Stuttgart Fotograf des arabischen Frühlings

Von Philipp Weingand 

Der tunesische Fotograf Hamideddine Bouali ist zu Gast in Stuttgart. Im Rathaus sind seine Fotos aus der Revolution zu sehen, die um die ganze Welt gingen.

Der tunesische Fotograf Hamideddine Bouali in Stuttgart Foto: Philipp Weingand
Der tunesische Fotograf Hamideddine Bouali in Stuttgart Foto: Philipp Weingand

Stuttgart - Das Klischee des Fotografen in Krisengebieten ist das eines einsamen Wolfs. Eines Draufgängers, der Sätze von sich gibt wie Robert Capas berühmtes Zitat: „Wenn deine Bilder nicht gut sind, warst du nicht nahe genug dran.“

Doch Hamideddine Bouali ist anders. Der fünfzigjährige Tunesier ist elegant gekleidet, höflich, bescheiden. Seine Bilder sind auf der ganzen Welt gezeigt worden, doch er selbst – berühmt? Darüber habe er noch nie nachgedacht. Für Bouali zählt nie der Fotograf als Person, sondern seine Fotografien.

Hat er selbst Vorbilder? „Robert Doisneau und James Nachtwey haben Bilder gemacht, von denen sich jeder Fotograf wünscht, es wären seine eigenen“, sagt Bouali. „Diese Bilder bewundere ich, nicht die Persönlichkeiten.“ Auch die Frage, ob er sich selbst eher als Künstler oder als Journalist sehe, kann er nicht beantworten. „Diese Grenzen verschwimmen seit gut zwanzig Jahren“, ist er überzeugt. „Pressefotos werden heute genauso auf Ausstellungen gezeigt wie Modefotografien.“Bouali stilisiert sich nicht zum Helden. „Ich bin unpolitisch“, sagt er. „Anders hätte ich niemals den ersten Fotoclub von Tunis gründen können.“ Auch heute ginge es ihm nie um Politik, sondern um die Menschen. Er arbeitet als Kurator im Rathaus von Tunis und als Dozent an der dortigen Hochschule für Fotografie und Kunst. Seine Leidenschaft war schon immer die Streetfotografie. Er liebt es, mit seiner Kamera das Leben der einfachen Tunesier festzuhalten, wie sie leben, lachen, trauern.

Auf der Suche nach dem zeichenhaften Bild

Im Januar 2011 fingen die einfachen Tunesier dann bekanntlich an, auf die Straße zu gehen, um zu protestieren. Damit schrieben sie ein Stück Geschichte. Bouali war dabei. „Mein Ziel war es, ein ikonisches Bild zu schaffen“, sagt er. Eines, das den gesamten Konflikt in sich vereine, ein Symbol. Getrieben von diesem Wunsch, mischte er sich ins Gedränge. Die Bilder, mit denen er zurückkam, zeigen Tränengaswolken, die Beerdigung eines Märtyrers, Stacheldraht, Soldaten und die Menschen auf den Demonstrationen. Auf blutige Aufnahmen von Verletzten und Toten hat der Fotograf verzichtet. Er will Leid und Schmerz indirekt wirken lassen.

Fotografiert hat Bouali mit einer kompakten Superzoomkamera. Die Profikamera hat er absichtlich nicht benutzt. Sie ist groß, schwer – und auffällig. Bouali ist überzeugt: „Viele Bilder konnte ich nur machen, weil ich als Amateur durchgegangen bin, der Souvenirfotos schießt.“

Dennoch war diese Arbeit lebensgefährlich. Nur hundert Meter von Boualis Standort entfernt wurde am 17. Januar vergangenen Jahres der deutsch-französische Pressefotograf Lucas Mebrouk-Dolega von einer Tränengasgranate tödlich am Kopf getroffen. „Ich war bestürzt“, sagt Bouali. Er hatte den Journalisten gekannt und erst später von dessen Tod erfahren.