Architekturprofessor Roland Ostertag geht mit der kommunalen Baupolitik bei der Finissage der Ausstellung „Stuttgart reißt sich ab“ hart ins Gericht und kritisiert, dass die herrschende Geschichtslosigkeit zur Gesichtslosigkeit führe.

Lokales: Sybille Neth (sne)

Stuttgart - Eine Stadt ist wie ein Lesebuch. Sie erzählt Geschichte. Doch aus dem Lesebuch Stuttgart werden unablässig Seiten herausgerissen. So charakterisiert der rührige Gebäuderetter und Architekturprofessor Roland Ostertagdie Bautätigkeit in der Landeshauptstadt. Die Kuratorin Claudia Betke der viel besuchten Ausstellung „Stuttgart reißt sich ab“ in der Architekturgalerie am Weißenhof hatte den unbequemen Redner und Stuttgart-21-Gegner eingeladen, um seine kritische Sicht der Stadtplanung vor dem zahlreich erschienenen Publikum in der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste zu referieren. Ostertags Vortrag war eigentlich als Abschluss der Ausstellung gedacht – doch nun geht die Schau wegen des großen Interesses in die Verlängerung und ist noch bis 9. Oktober zu sehen.

Die Stadt hat viele Resourcen

Was der 85-Jährige von der hiesigen Stadtplanung hält, beschreibt schon der Titel seines jüngsten Buches: „Stuttgart – Zauber der Topographie und Elend der Stadtplanung“. Andererseits lobt er die Ressourcen Stuttgarts: „Wo in der Welt gibt es eine Stadt in solcher Geschlossenheit?“ fragt er. 4500 Denkmäler gibt es hier, 200 davon stehen unter Denkmalschutz. Aber nicht um die gehe es ihm, sondern um die „Räume des qualifizierten Alltags“ und die erleben laut Ostertag seit dem Zweiten Weltkrieg gerade ihre sechste Abrisswelle. Die erste begann in den 1960er-Jahren und zerstörte vieles von dem Wenigen, das im Zweiten Weltkrieg nicht dem Bombenhagel zum Opfer gefallen war: Das Rathaus, die Akademie dahinter und das Kaufhaus Schocken sind die bekanntesten Beispiele.

Derzeit herrscht die sechste Abrisswelle

Zu den Schandtaten späterer Abrisswellen zählt Ostertag auch die Halle 7 des früheren Messegeländes mit ihrem Relief des Stuttgarter Bildhauers Alfred Lörcher. Die Halle stand für die Gräueltaten im Nationalsozialismus. In ihr wurden die jüdischen Mitbürger sowie die Sinti und Roma zusammengetrieben, bevor sie von dort aus in die Vernichtungslager abtransportiert wurden. „Diese Halle wäre es wert gewesen, erhalten zu werden“, mahnte Ostertag. Aber dazu fehle die Sensibilität. Die sucht er auch beim Deutschen Roten Kreuz, das jetzt seine Seniorenresidenz auf dem Killesberg abreißen will. „Eine Rolle spielt anscheinend nur die zu erwartende höhere Mieteinname“, so Ostertag in seiner Rede, die mit zahlreichen historischen Bildern, mit Fotos der Schutthalden ehemaliger Bauwerke und mit den Bauten, die an deren Stelle errichtet wurden, illustriert war.

Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum

Die Vernichtung stadtbildprägender Substanz mache nicht halt: Jetzt soll im Zuge der Generalsanierung des Großen Hauses dessen Südflügel verlagert werden. Auf der Hasenbergsteige verrotte das denkmalgeschützte Haus nebst Anwesen des Künstlers Otto Hajek. Die Zukunft ist ungewiss. Auch das MAN-Stahlhaus in Sillenbuch ist nur knapp der Zerstörung entgangen. Es wird transloziert und ist schon abgebaut. Aber auch Wohnraum mit Geschichte steht immer wieder zur Disposition – und zu diesem Thema schalteten sich in der abschließenden Diskussion die Zuhörer ein. Die stattlichen Wohngebäude an der Klingenstraße im Osten wurde von der Besitzerin, dem Bau- und Heimstättenverein, abgerissen mit der Option, hier mehr Wohnraum schaffen zu können. „Jetzt ist es eine Brache, weil der Investor ausgestiegen ist“, berichtete die Bezirksbeirätin Monika Kneer, und Ursel Beck von der Mieter-Initiative Stuttgart erzählte vom Kampf zweier Mieter, die beim Amtsgericht gegen die Räumungsklage für ihre Wohnungen an der Beethovenstraße in Botnang gewonnen haben. Auch hier sollen zwei große Wohngebäude abgerissen werden, um lukrativeren Neubauten zu weichen. Das jüngste Beispiel ist der geplante Abriss der Arbeiterwohnungen in der Keltersiedlung in Zuffenhausen, gegen den am 23. September rund 200 Demonstranten auf die Straße gegangen waren.

„Die Geschichtsfeindlichkeit bezahlen wir mit Gesichtslosigkeit“, kritisierte Ostertag die Stadtplanung. „Es herrscht städtebaulicher Kannibalismus.“ Neben der gesamten Bürgermeisterriege der Nachkriegszeit galt seine Schelte auch den Stuttgartern, die sich alles schweigend bieten ließen, der Universität, die sich in ihrem Elfenbeinturm verstecke, und last but not least auch der Presse.

Info: Die Ausstellung „Stuttgart reißt sich ab - Plädoyer für den Erhalt stadtbildprägender Gebäude“ ist noch bis Sonntag, 9. Oktober, in der Architekturgalerie am Weißenhof, Am Weißenhof 30, zu sehen. Geöffnet ist samstags, sonn- und feiertags von 12 bis 18 Uhr sowie von Mittwoch bis Freitag von 14 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei.