Ausstellung in Stuttgart Wie es wirklich ist, Mutter zu sein

Nicole Noller (links) und Natalie Stanczak Foto: Sandsack

Nicole Noller und Natalie Stanczak geben ehrliche Einblicke ins Muttersein. Dafür haben sie fast 500 Müttern drei Fragen gestellt – und präsentieren die Antworten in einer Ausstellung, im Podcast und in einem Buch.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Aber das wäre auch paradox, schließlich geht es Nicole Noller und Natalie Stanczak darum, Frauen – und der Gesellschaft – eine ehrliche Sicht auf das Muttersein zu ermöglichen. Oft ist diese verstellt durch Klischees, alte Rollenbilder und die eigenen und gesellschaftlichen Erwartungen.

 

„Was ist dein größter Abfuck?“, fragten deshalb Noller und Stanczek auf ihrem Instagram-Account facesofmoms. Und 481 Mütter, aber auch andere Menschen, die sogenannte Care-Arbeit leisten, schrieben daraufhin, was sie am meisten annervt.

„Ich werde nur als Problem gesehen – als Mutter, als Muslima mit Kopftuch“

Die 27-jährige Tabea, Mutter einer Tochter, schreibt etwa: „Als Hijabi hatte ich es auf dem Arbeitsmarkt schon immer schwer. Jetzt als Mama grenzt es beinahe schon an eine Unmöglichkeit, einen meiner Qualifizierung entsprechenden Job zu finden. Ich werde nur als Problem gesehen.“ Die zweifache Mama Yassamin (29) beklagt patriarchale Strukturen: „Das spezifische, deutsche Bild der Mutter ist auch heute noch sehr mit dem NS-‚Erziehungsratgeber‘ ‚Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind’ verstrickt. Die Mutter als Ikone. Als geschlechtslose, bedürfnislose, hoffnungslos heroisierte Heilige . . . Ich bin keine Ikone. Keine Heilige. Ich schaffe nicht mehr als alle anderen. Bin nicht stärker oder besonders tapfer. Eine Frau mit Bedürfnissen und Grenzen, mit Träumen und Zielen. Ein Mensch eben.“

Aus den Antworten spricht viel Enttäuschung – und Desillusionierung

Gemein ist fast all den Antworten, dass aus ihnen viel Enttäuschung spricht. Vielleicht auch Desillusionierung. Stanczak und Noller sagen von sich selbst, dass sie „unbedacht traditionelle Rollen übernommen“ haben. Sie hätten sich aber von Anfang an ehrlich über diese „Transformation“ ausgetauscht – „über die Sachen, die superschön, aber auch über die, die schwierig oder herausfordernd sind“, sagt Noller, die als Projektmanagerin arbeitet und mit Mann und zwei Kindern in Asperg lebt.

Die Coronapandemie habe dabei wie ein Brennglas gewirkt, das ins Bewusstsein brachte, dass viele Probleme von Müttern strukturell bedingt sind. Zu den strukturellen Ungleichheiten zähle nach wie vor die „Unvereinbarkeit von Arbeit und Familie“, wie die beiden Frauen es gerne auf den Punkt bringen. „Noch immer kann nicht jeder Mensch so leben, wie sie oder er möchte. Dafür müssen endlich die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden“, sagt Stanczak, die Fotografin und Soziologin ist und mit Mann und zwei Kindern in Augsburg lebt – und die weiß, dass sowohl sie als auch Noller sogar noch privilegiert sind, dass sie beide in „einer Bubble“, also der eigenen Blase leben. Also wollten sie ihren Blick weiten. Und gleichzeitig Müttern eine Plattform geben, um sich zu äußern und der Gesellschaft zu zeigen, welchen Herausforderungen sie tagtäglich gegenüberstehen. Facesofmoms wurde schnell zum Selbstläufer. Mittlerweile haben weltweit 481 Frauen die drei Fragen beantwortet. „Wir sind quasi überrannt worden“, sagt Noller. „Wir sagen manchmal, dass wir ein Monster erschaffen haben, aber es fühlt sich total wichtig und richtig an.“

Aus dem Projekt ging das Buch „Bis eine* weint!“ hervor

Zumal ein Buch aus dem Projekt hervorging: „Bis eine* weint!“ stellt 17 verschiedene Mütter vor, egal ob Muslima, queer, Hauptverdienerin, DJane, Hebamme oder Vollzeitmutter. Mit diesem Buch, ihrem Podcast und ihrer Ausstellung möchten Noller und Stanczak „raus aus der Instagram-Bubble und rein in die Gesellschaft“.

Termin Die Vernissage ist am 23. September ab 19.30 Uhr im Stadtteil- und Familienzentrum Olly West, Hasenbergstraße 70a. Am Samstag, 24. September, findet um 16.30 Uhr eine Lesung mit der Mental-Load-Expertin Laura Fröhlich statt. Anmeldung unter: a.mehlin@caritas.de. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung dauert bis Ende November.

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