Ausstellung in Ulm Knopf und Zollstock sind genial

Dinge mit großem Nutzen – Franco Clivio sammelt No Name Design Foto: Slg. Franco Clivio/Hans Hansen

Design wird gern mit berühmten Namen in Verbindung gebracht. Aber wen man wissen will, was Qualität ausmacht, sollte man zuhause mal in seine Schubladen schauen.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Wie wäre es mit der legendären Zitronenpresse von Philippe Starck? Oder eher die fröhlichen Stapelstühle von Arne Jacobsen? Wer Wert auf guten Geschmack legt, kennt in der Regel die Namen der Klassiker: den Barcelona-Chair von Mies van der Rohe, den man in jedem zweiten Museum findet, Max & Moritz, das Salz-und-Pfefferstreuer-Set von Wilhelm Wagenfeld, das in den Siebzigern so ziemlich jeder Haushalt besaß. Design meint heute meist nicht nur eine schöne Form und ein Gutmaß an Funktionalität, sondern vor allem einen bekannten Namen – Alessi, Thonet, Colani und wie sie alle heißen, die Garanten für gehobenes Stilempfinden.

 

Garnrollen, Pinsel, Besen leisten treu ihren Dienst

Wer weiß, ob Franco Clivio auch mal davon geträumt hat, eines Tages auf der Liste namhafter Designer aufzutauchen. Er hat für Lamy Füller entworfen und für Gardena Gartenscheren. In die Designgeschichte wird Clivio aber wohl eher eingehen, weil er den Blick geöffnet hat für Dinge, hinter denen gerade kein großer, bekannter Name steht. Er hat eine riesige Sammlung von Gegenständen zusammengetragen, die in vielen Haushalten wie nebenbei treu und verlässlich ihre Dienste tun: Flaschenöffner, Handschuhe und Garnrollen, Brillen, Pinsel und Besen. Es sind schöne Objekte, die von Unbekannten klug ausgetüftelt wurden. Deshalb hat Clivio einen Namen für sie eingeführt: No-Name-Design.

No Name Design meint keineswegs zweite Wahl

I n Ulm kann man im Archiv der Hochschule für Gestaltung (HfG) nun seine tolle Kollektion bewundern , die zeigt, dass es oft weder einen berühmten Namen noch viel Geld braucht, um sich wirklich gutes Design ins Haus zu holen. Jede bescheidene Sicherheitsnadel ist extrem funktional und dabei formvollendet. Oder eine schlichte Schraubzwinge, da weiß man, was man hat. Trotzdem klingt die Bezeichnung No-Name-Design nach zweiter Wahl und erinnert an Eigenmarken wie „ja!“ und „Gut & Günstig“, mit denen Supermarktketten den Markenherstellern Konkurrenz machen wollen – und besonders billig wirken wollen, weil sie ohne süße Versprechungen der Marketingabteilungen daherkommen.

Heute gilt auch als Klassiker, was schon bald vergessen sein könnte

Verkehrte Welt. Denn die langbeinige Zitronenpresse von Philippe Starck taucht ganz selbstverständlich in zahllosen Designbüchern auf. Aber ist sie wirklich ein Designklassiker? Das, meint Franco Clivio, zeige sich frühestens nach dreißig Jahren. Es genügt nicht, eine prägnante Lösung für eine Aufgabe gefunden zu haben, sondern diese Lösung muss auch nach dreißig Jahre noch gültig und akzeptiert sein. Folgt man dieser Definition, könnte es gut sein, dass die Zitronenpresse nicht als Designklassiker in die Geschichte eingehen wird. Denn sie ist zwar schick, aber unpraktisch, weil sie die Kerne nicht auffängt.

Schönheit ist nicht alles

Aber die Idee eines Klassikers widerspricht ohnehin den Gesetzen unserer Konsumgesellschaft, in der Produkte einen immer kürzeren Lebenszyklus haben. Was sich verkaufen will, muss der Kundschaft ins Auge springen – und sich von anderen Artikeln absetzen. Die wichtigste Kategorie bei Lampen, Sofas oder Blumenvasen ist entsprechend, dass sie gefallen. „Das ist schön“, pflegt die Kundschaft dann verzückt zu sagen. Ganz falsch, meint Franco Clivio. Schönheit ist aus seiner Sicht keine entscheidende Kategorie bei qualitätsvollem Design. Er spricht lieber von „richtig“. Und richtig ist ein Gegenstand oder ein technisches Gerät nur dann, wenn Material und Handhabung perfekt zusammenspielen. Die „ästhetische Komponente“ mache das Produkt dann noch „vollständig“, meint Clivio.

Die Hosentasche voller Schätze

Franco Clivio hatte schon als Kind eine Leidenschaft für Gegenstände. Sein Vater war ein italienischer Arbeiter, der in die Schweiz ging, und während andere Buben Steine und Murmeln in den Hosentaschen hatten, sammelte der 1942 geborene Franco lieber technische Gegenstände. An ihnen hat er offenbar schon früh seinen Blick geschult – und sie hätten ihm auch immer wieder geholfen „bei der Entwicklung als Gestalter“, erzählt er in einem Film in der Ausstellung. Da er zeichnerisch begabt war, wurde Clivio nach der Schule Hochbauzeichner und ging 1963 schließlich an die berühmte Hochschule für Gestaltung in Ulm zum Studium.

Patina entwickeln – oder hässlich altern?

In der längst geschlossenen Hochburg für modernes Design liegen all seine Schätze nun in Vitrinen – und hinter jedem noch so ulkigen Dings stecken kleine Geschichten. Da ist die Brille mit nur einem Glas, das man hin und her klappen kann, um sich die Augen zu schminken. Da sind aber auch viele Dinge aus Holz, Leder und Aluminium, die trotz steter Benutzung würdig gealtert sind. Auch das macht die Qualität aus, ob ein Gegenstand Patina entwickelt oder unansehnlich wird wie viele Produkte aus Kunststoff.

Auf das Weglassen kommt es an

Seit vielen Jahren reist die Sammlung von Franco Clivio durch Museen, weil diese oft altmodisch anmutenden Dinge den Blick zurechtrücken und bewusst machen, was dem modernen, schnelllebigen Design häufig abgeht. Clivio hat auch viel unterrichtet und dabei zu vermitteln versucht, was zunächst simpel klingen mag: Man analysiert die Gegebenheiten, wertet diese aus und interpretiert sie. Wenn dann noch das passende Material ausgewählt und ein Produkt entwickelt wurde, beginnt erst die eigentliche Arbeit. Denn das Wichtigste, so Clivio, sei das Weglassen. Die hohe Kunst liegt in der Reduktion – so wie bei einer Wäscheklammer. Ein Minimum an Teilen, die optimal zusammenspielen. Das macht wahre Meisterschaft aus.

Eine hölzerne Wäscheklammer – was braucht man mehr?

Trotz immer neuer Produkte, die auf den Markt drängen, finden sich deshalb in vielen Haushalten noch immer die guten alten Wäscheklammern aus Holz und anderes No-Name-Design, das die Generationen überdauert, weil es seinen Dienst einfach nur hervorragend erledigt. Der Zollstock – im Fachterminus Gliedermaßstab – ist so brillant ausgetüftelt, dass er schon seit Jahrhunderten kaum verändert im Einsatz ist. Die ersten Vorläufer gab es vermutlich schon im alten Ägypten und in der Antike, im 17. Jahrhundert wurden Zollstöcke dann aus verschiedenen Materialien wie Holz, Knochen oder Elfenbein hergestellt.

Das Knopfloch wurde lange nach dem Knopf erfunden

Wer mag es gewesen sein, der im 19. Jahrhundert den Muselet erfand, den Maulkorb aus Draht, mit dem noch heute der Korken in der Sektflasche gehalten wird? Wie kam es zu der speziellen Wickelung des Nähgarns auf dem Pappröhrchen? Der ergonomisch geformte Griff des Hammers hat sich ebenso bewährt wie der Knopf, der bereits seit der Bronzezeit ein Erfolgsmodell ist. Bis dann noch das passende Knopfloch dazu erfunden wurde, brauchte es allerdings sehr lang. Erst im 13. Jahrhundert löste es die Schlaufen und Ösen ab, die zuvor die Kleidung hielten.

Qualität zeigt sich an den Verbindungsteilen

Ob es aktuelle Designprodukte gibt, die zumindest ein paar Jahrzehnte Bestand haben werden? Vermutlich nicht, wenn sie wie so viele Konsumprodukte vor allem ins Auge springen wollen und versuchen, stolz und eitel die Blicke auf sich zu ziehen. Hier ein selbstbewusst ausladender Sessel, dort eine Stehlampe, die das halbe Wohnzimmer möbliert. Die wahre Qualität von Design zeigt sich aber eher im Detail, dort, wo Einzelteile zusammengefügt werden, an den Scharnieren, Ösen, Gelenken. „Gutes Design besteht aus guten Verbindungen“, meint Clivio entsprechend. Von Schrauben, Bolzen, Nägeln, Klebstoffen oder Schweißnähten hängt es ab, wie langlebig ein Gegenstand ist. Wenn irgendein Nippel oder Zapfen abgebrochen ist, taugt die teuerste Küchenmaschine nichts mehr.

Klein, klappbar, transportabel

So zeigt sich in der Sammlung von Franco Clivio die kluge Lösung am deutlichsten bei Dingen, die klein und transportabel sind, Taschenmesser, Reisebesteck oder der Nassrasierer für unterwegs, der mit wenigen Handgriffen in winzige Teile zerlegt werden kann – und trotzdem nicht nach der dritten Benutzung hinüber ist. Der Weg dahin ist oft weit. So waren bei den ersten Brillengestellen die Bügel an die Fassung gelötet. Das stellte sich schnell als Schwachstelle heraus. Der Fehler lieferte aber eine Steilvorlage für die richtige Lösung – und es kamen schon bald stabilere Modelle heraus, bei denen der Draht gewickelt wurde.

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