Ausstellung in Weinstadt Eine Taschenuhr als Lebensretter

Von Luitgard Schaber 

Das Württemberg-Haus zeigt eine Sonderausstellung über das Ende des Ersten Weltkriegs in Weinstadt.

Unter anderem eine Pickelhaube mit Lokalbezug ist in der neuen Ausstellung im Württemberghaus zu sehen. Foto: Gottfried Stoppel
Unter anderem eine Pickelhaube mit Lokalbezug ist in der neuen Ausstellung im Württemberghaus zu sehen. Foto: Gottfried Stoppel

Weinstadt - Ernst blicken die jungen Männer auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie. Wie zu einem festlichen Anlass tragen sie Schärpen, einer von ihnen hält eine Handharmonika in den Händen. Das Gruppenfoto zeigt den Jahrgang 1889 aus Beutelsbach, der nach seiner Musterung 1917 für ein Gruppenfoto posiert, bevor er in den Krieg geschickt wird.

Kein Anspruch auf Vollständigkeit

Was ist aus den jungen Männern geworden? Nur von zweien wisse man, dass sie von der Front zurückgekehrt sind, erklärt Bernd Breyvogel. Anlässlich dessen, dass sich das Ende des Ersten Weltkriegs in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, hat der Weinstädter Stadtarchivar nach lokalen Spuren von damals gesucht und diese für eine Sonderausstellung im Württemberg-Haus Weinstadt zusammengetragen. Anspruch auf Vollständigkeit erhebe die Ausstellung nicht, sagt Breyvogel, die Exponate seien eher einzelne Streiflichter aus der Zeit.

Als solche geben sie Einblick, wie es Menschen aus den heutigen Weinstädter Teilorten ergangen ist, wie sie die Ereignisse erlebt und verarbeitet haben. Ein Beispiel sind hölzerne Tafeln an einer Wand des Ausstellungsraums, mit denen Turnverein und Liederkranz gefallenen Mitgliedern gedenken. Abgesehen von den Namenslisten darauf gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen, wirken austauschbar, stereotyp. Breyvogel spricht in diesem Zusammenhang von einer „Gedenk-Industrie“, die es nach dem Krieg gegeben habe.

Begrüßungsessen für die Heimkehrer

In der Vitrine gegenüber dokumentieren Gemeinderatsaufzeichnungen, welchen Empfang man Kriegsheimkehren in Endersbach bereitete. Laut diesen sei bei einer Begrüßungsfeier ein „Essen bestehend aus Suppe, Braten und Salat mit je zwei Schoppen Wein zu verabreichen“, in den Gastwirtschaften Lamm und Rössle – aber nur bis zu einem Betrag von zehn Mark pro Kopf. Daneben ist die Ausgehuniform des damaligen Rössle-Wirts Friedrich Linsenmaier ausgestellt, die dieser, selbst ein Kriegsheimkehrer, wahrscheinlich zur Feier getragen hat. Zumindest spreche einiges dafür, meint Breyvogel.

Wie viel Glück mitunter dazu gehörte, den Krieg zu überleben, macht eine Vitrine weiter eine zerschossene Taschenuhr anschaulich, die einem Endersbacher gehörte. „Vermutlich hat sie ihm das Leben gerettet“, sagt Breyvogel.

Einmaliges Selbstzeugnis

Neben Fotografien, Gedenktafeln, Militärausrüstungen und Orden hat Breyvogel auch Aufzeichnungen von Zeitzeugen für die Ausstellung aus dem Stadtarchiv geholt, darunter die Biografie des Beutelsbachers Friedrich Fabriz. „Dieses Selbstzeugnis ist relativ einmalig“, so die Einschätzung des Stadtarchivars. Ausgewählte Passagen daraus zeigt er in einer der Vitrinen. In einem anderen Schaukasten ist das Buch „Schwäbische Helden“ aufgeblättert. Eine Lehrerin hat dafür sämtliche Kriegsbiografien von im Ersten Weltkrieg gefallenen Schnaitern zusammengetragen, 69 an der Zahl.

Die Auswirkungen des Krieges dokumentieren indes nicht nur extra zu diesem Zweck erstellte Aufschriften, sondern auch Zeitungsannoncen, etwa jene eines Arztes, der die Praxis eines gefallenen Kollegen in Endersbach übernahm. Der Mediziner stellt sich darin seinen Patienten vor.




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