Ausstellung „Nachts“ Stuttgarts Berghain-Connection

Bilder aus Mischa Fanghaenels Ausstellung „Nachts“ Foto: Mischa Fanghaenel

Wie sehen die Menschen aus, die im Berliner Technoclub Berghain feiern? Und wie kam es dazu, dass Mischa Fanghaenels tolle Fotoschau „Nachts“ jetzt im Stuttgarter Studio Amore zu sehen ist?

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Wenn man den Hauptstadt-Hipstern glaubt, hat Stuttgart keinen guten Ruf in Berlin: Schwaben kaufen ganze Stadtteile auf, sprechen in diesem fürchterlich peinlichen Dialekt und wissen natürlich überhaupt nicht, was cool ist. Mischa Fanghaenel sieht das ganz anders: „Ich denke, dass sich Stuttgart und Berlin viel näher sind, als man glaubt.“ Und er sollte es wissen. Er ist einer der Menschen, die entscheiden, wer in Berlin in den Technoclub Berghain eingelassen wird. Der ist nämlich so etwas wie das Heiligtum der coolsten Menschen der Welt – auch wenn Fanghaenel nicht müde wird, zu betonen, dass das Berghain „einfach nur eine Disco“ ist.

 

„Nachts“ bis 12. Oktober im Studio Amore

Dass diese Disco aber doch ein bisschen was Besonders ist, zeigt die grandiose Ausstellung „Nachts“, mit der er jetzt nach Stuttgart gekommen ist. In dieser Schau porträtiert Fanghaenel, der zwar auch Berghain-Türsteher, vor allem aber Fotograf ist, all die Menschen, die für ihn das Nachtleben in dem Berliner Club ausmachen. Bis zum 12. Oktober ist „Nachts“ im Parkettsaal des Hotels am Schlossgarten zu sehen, das zurzeit vom Studio Amore als Pop-Up-Kulturraum genutzt wird.

Und die Menschen, die für den 48-Jährigen den Club ausmachen, sind die, die da jedes Wochenende die Nächte durchtanzen. Menschen wie die Frau, die in einem cremefarbenen, asymmetrisch geschnittenen Kleid ernst in die Kamera schaut. Ihre Haare fallen über ihre linke Schulter, ihre Hände berühren sich leicht vor ihrer Hüfte. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass das Kleid einige Flecken hat – wahrscheinlich Spuren einer langen Party im Berghain. Diese Fotografie ist Mischa Fanghaenels Lieblingsbild. „Auch weil sie überhaupt nicht dem Berghain-Klischee entspricht“, sagt er. Hartnäckig hält sich zwar das Gerücht, dass nur schwarz gekleidete, tätowierte Menschen eine Chance haben, dort eingelassen zu werden, Fanghaenel empfindet das Publikum jedoch als „große, sehr bunte Gemeinschaft“.

Eine Berghain-Momentaufnahme

Genau diese Gemeinschaft wurde von der Corona-Pandemie auf eine schwere Probe gestellt. Die Clubs mussten schließen, und all die Menschen, die dort Woche für Woche zusammenfanden, waren plötzlich heimatlos. Daraus entstand die Idee für die Ausstellung „Nachts“, Fanghaenel wollte in einer Momentaufnahme die Idee der Gemeinschaft festhalten. Er startete auf Instagram einen Aufruf. Seit Sommer 2022 lud er dann nach und nach 150 Berghain-Besucherinnen und -Besucher in sein Studio ein, machte ihnen nur die Vorgabe, dass sie sich so kleiden und geben sollten, wie sie sich wohlfühlen, so wie sie in den Club gehen würden und sich auf keinen Fall verstellen sollen.

Rund 40 dieser Fotografien sind nun in Stuttgart zu sehen. Schwarz-Weiß-Aufnahmen, bei denen Fanghaenel virtuos mit Licht und Schatten, mit starken Kontrasten spielt. Einige lachen in die Kamera, andere drehen sich zur Seite, sind kaum zu erkennen oder schauen einen herausfordernd an. So unterschiedlich diese Menschen wirken, so ist ihnen doch gemeinsam, dass sie den Mut haben, sich so zu zeigen, wie sie sind. Und genau darauf kam es dem Fotografen an.

Der Dancefloor als Ausstellung

Das Spiel mit Dunkelheit, mit Spotlights und Schlagschatten ist mehr als nur ein dramatischer Fotoeffekt. Letztlich soll dadurch die Situation im Club nachgestellt werden. Auch da ist es dunkel, auch da werden durch die herumirrenden Scheinwerfer immer wieder andere Menschen kurz grell angestrahlt. Und weil es im Club keine Rolle spielt, wer man ist und wo man herkommt, wird nirgendwo verraten, wer auf den Bildern zu sehen ist, obwohl auch der ein oder andere Prominente abgebildet wird – zum Beispiel der aus Stuttgart stammende DJ Len Faki.

Vor einem Jahr war die Ausstellung zum ersten Mal im Rahmen der Art Week in Berlin zu sehen. Seither hat sie Station in Paris und London gemacht. Und bevor sie im Dezember nach Rom reist, ist „Nachts“ nun für zehn Tage in Stuttgart zu Gast. Dass Stuttgart es in diesen illustren Metropolenkreis geschafft hat, liegt auch an der Berghain-Connection der Studio-Amore-Macher Leif Müller und Max Benzing, die mit Fanghaenel befreundet sind und ihn dazu eingeladen haben, hier auszustellen. „Ich kann gar nicht sagen, wie viele Nächte wir schon im Berghain gefeiert haben“, sagt Benzing.

Mischa Fanghaenel: Nachts. Noch bis Samstag, 12. Oktober, im Studio Amore (Stuttgart, Schillerstr. 23). Öffnungszeiten: 16 bis 21 Uhr. Eintritt: 5 Euro.

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