Ausstellung über Duftkunst Der Geruch des Geliebten

Reportage: Robin Szuttor (szu)
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1965 baut der Künstler Edward Kienholz eine New Yorker Bar nach, kreiert dazu einen Mief aus Mottenkugeln, abgestandenem Bier, kaltem Rauch und Urin. Die Ausstellungskuratorin Caro Verbeek hat das Herrenaroma nach dem Originalrezept für die Villa Rot reproduziert, verwendete dafür sogar Urin eines Mannes im Alter des damals 38-jährigen Kienholz. Auch Gestank fordert Werktreue. So wie der „Smoke Room“ aus 750 000 auf der Straße eingesammelten Zigarettenkippen, den man in der Villa (wahrscheinlich mit Gasmaske) aufgebaut hat. Schnell die Tür zu!

Düfte können trösten, vor allem Frauen. Um die Nähe zum fernen Geliebten herzustellen, schnüffeln sie gern an seinem getragenen T-Shirt oder Pyjama. Sein Duft ist wie eine Umarmung, die sie in einen wohligen Schlaf wiegt. Männer kuscheln kaum mit dem Nachthemd ihrer Partnerin.

Sind große Gefühle im Spiel, verändert sich bei Frauen die Geruchswahrnehmung, behaupten Duftforscher. Alles konzentriert sich auf den Geruch des Geliebten. Botenstoffe anderer Männer prallen an der Riechschleimhaut ab wie Gummibälle an einer Betonwand. Nur ein einziges Duftprofil unter sieben Milliarden auf der Welt findet Zugang. Forscher haben außerdem entdeckt, dass ein bestimmter Stoff aus dem Vaginalsekret Männerblut zum Sieden bringt. Obwohl es recht übel riecht, zündet es ein Testosteronfeuerwerk.

Das Bukett von Sperma heißt Bill

„’n jeder stinkt so, wie er kann“, heißt es in einem Berliner Gassenhauer. Clara Ursitti komponierte 1993 als erste Künstlerin ein olfaktorisches Selbstporträt – aus Buttersäure, Trimethylamin, Heptan-Thiol, Marcaptodethanol und anderen Stoffen, die sich lesen wie die Inhaltsstoffe eines Schuppenshampoos. In der Villa Rot gehört ihr jetzt ein leerer Raum, der nur mit einem Geruch gefüllt ist. Hier sollte man vielleicht nicht zu voreilig verkünden, dass einem dieser Duft total vertraut vorkommt. Das Zimmer verströmt das (synthetisch hergestellte) Bukett von Sperma und heißt „Bill“ wie Bill Clinton. Wobei Sperma völlig anders riecht als Macht.

Der Duft von Macht beherrscht einen anderen Saal der Ausstellung. Geschaffen haben ihn der Künstler Luca Vitone und die Meisterparfümeurin Maria Candida Gentile. Sein Odeur wird kombiniert mit vier großformatigen Bildern aus den Machtzentralen Deutschlands: Bundestag, Bundesgerichtshof, Bundesbank, Pergamonmuseum. Dort legte Vitone weiße Leinwände so lange aus, bis sie schön dreckig waren, rahmte sie und machte sie zu „Staubaquarellen“. „Manche Besucher können nicht lange in dem Raum bleiben“, sagt Stefanie Dathe. Am Anfang habe das rauchig-süße „Imperial“, so heißt das Parfüm, noch etwas Verführerisches. Aber schon bald wirke es eher abstoßend. Ein Liter der ölig-roten Flüssigkeit ist noch im automatischen Saalbedufter, das müsste reichen bis zum Ende der Ausstellung.

Mit dem Weltenduft muss sie sparsamer umgehen, nur ein 100-Milliliter-Flakon steht ihr zur Verfügung. Die Vorstellung, dass jede Nation ihre eigene olfaktorische Identität besitzt, brachte Gayil Nalls auf die Idee, das „World Sensorium“ zu komponieren: Sie konsultierte die Ländervertretungen bei den UN in New York und bat jeden Botschafter, eine Pflanze auszuwählen, die sein Land repräsentiert. Fast alle machten mit, so entstand ein florales Parfüm mit knapp 200 Ingredienzen. Seine Formel entspricht der Verteilung der Weltbevölkerung. Die Basisnoten sind also Jasmin aus China und Sandelholz aus Indien, während die Narzisse aus Andorra oder der Lorbeer aus Dominica nur von Supernasen herauszufiltern ist. Deutschland riecht nach Traube. Der Diplomat, der diese Auswahl zu verantworten hat, entstammt wahrscheinlich einem alten Wengerterclan vom Remstal.




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