Bayram Caliskan und Gül Meryem Caliskan leben als Muslime in Stuttgart. Die Religion ist für sie identitätsstiftend. Foto: Referat Soziales und gesellschaftliche Integration Abteilung Integrationspolitik
In Stuttgart leben rund 60.000 muslimische Menschen. Häufig sei ihr Bild in der Öffentlichkeit negativ geprägt, sagen Vertreter. Begegnungen könnten helfen, Vorurteile abzubauen.
Kaum eine andere Stadt in Baden-Württemberg ist derart multikulturell geprägt wie Stuttgart. In der Stadt gibt es zahlreiche türkische Restaurants, Dönerläden, Cafés und Frühstückslokale und in der Innenstadt hört man Passanten in unterschiedlichen Sprachen miteinander sprechen. Auch Frauen mit Kopftuch gehören längst zum alltäglichen Stadtbild. Viele muslimische Frauen tragen es als Zeichen ihres Glaubens.
Rund 60.000 Menschen muslimischen Glaubens leben nach Schätzungen des Statistischen Amts in Stuttgart – das entspricht etwa zehn Prozent der Stadtbevölkerung. Viele der älteren Generation kamen bereits in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. Jüngere Muslime sind oft hier geboren.
Ausstellung über „Muslimisches Leben in Stuttgart“
Dass muslimisches Leben heute ein fester Bestandteil der Stadt ist, zeigt auch die Ausstellung „Muslimisches Leben in Stuttgart“ im Rathaus. Initiiert wurde sie von Gül Meryem Caliskan und Bayram Caliskan, den Mitbegründern des Muslimennetzwerks Stuttgart. Ziel der Ausstellung sei es gewesen, muslimische Menschen sichtbar zu machen und die Vielfalt muslimischen Lebens in Stuttgart zu zeigen.
Eines der porträtierten Gesichter ist Saffet Özkaya. Er kam mit 15 Jahren gemeinsam mit seinen Eltern nach Deutschland – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Heute arbeitet er als Oberarzt am Katharinenhospital in Stuttgart.
„Wir gehen arbeiten und engagieren uns in dieser Gesellschaft – und trotzdem werden wir immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert“, sagt Özkaya. Zwar seien Muslime in Stuttgart sichtbar, häufig würden sie in der Öffentlichkeit jedoch mit Terrorismus gleichgesetzt. „Dabei ist der Islam grundsätzlich eine friedliche Religion“, sagt er. Werte wie Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe seien für ihn zentral.
DIe Ausstellung "Muslimisches Leben in Stuttgart" im Rathaus zeigt wie Muslime das Leben in Stuttgart prägen. Foto: Frederik Herrmann
„Der Islam gehört zu unserer Identität“
Gül Meryem Caliskan hat aber auch positive Erfahrungen als Muslimin in Stuttgart gemacht. Frauen mit Kopftuch würden hier als selbstverständlich wahrgenommen, sagt sie.
Dabei hat sie auch schon andere Erfahrungen machen müssen. Bevor sie nach Stuttgart zog, lebte sie im ländlichen Raum Baden-Württembergs. Dort sei sie mit ihrem muslimischen Glauben stärker aufgefallen. Ein Kopftuch trägt sie erst seit einem Jahr. Während ihrer Ausbildung habe man ihr davon abgeraten, eines zu tragen. Auch im Studium wollte sie nicht auffallen. Erst in Stuttgart habe sie den Mut dazu gefunden. „Ich habe hier sehr aufgeschlossene Kolleginnen und Kollegen“, sagt Gül Meryem Caliskan, die bei der Stadt angestellt ist.
Ihre Eltern kamen in jungen Jahren aus der Türkei nach Deutschland, sie selbst ist hier aufgewachsen. „Wir fühlen uns als Deutsche“, sagt sie. „Aber der Islam gehört ebenso zu unserer Identität – und die wollen wir nicht verstecken.“
Ihre Religion im Alltag auszuleben, sei dennoch manchmal schwierig. Gül Meryem Caliskan und ihr Mann Bayram Caliskan beten fünfmal am Tag. „Wenn wir unterwegs sind, nutzen wir dafür manchmal eine Umkleidekabine in einem Geschäft“, erzählen sie. Am Bahnhof suchten sie sich auch schon eine ruhige Ecke und beteten auf einem kleinen Reisegebetsteppich.
Saffet Özkaya ist Arzt am Katharinenhospital in Stuttgart. Ein Bild von ihm wird im Rahmen der Ausstellung "Muslimisches Leben in Stuttgart" im Rathaus ausgestellt. Foto: Referat Soziales und gesellschaftliche Integration Abteilung Integrationspolitik
Muslime wünschen sich eine zentrale Moschee in Stuttgart
„Wir leben mitten in der Stadt, müssen aber oft in Industriegebiete fahren, um unseren Glauben praktizieren zu können“, sagt Gül Meryem Caliskan. „Das finde ich sehr schade.“
Begegnungen bauen Vorurteile gegenüber dem Islam ab
Dass manche politische Parteien immer wieder vor einer „Islamisierung“ warnen, mache sie und ihren Mann traurig. „Wir fühlen uns nicht wohl, wenn ständig gegen den Islam Stimmung gemacht wird“, sagt Bayram Caliskan. Das Paar ist überzeugt, dass eine Moschee in der Innenstadt auch Begegnungen schaffen könnte.
„Ich glaube die meisten, die den Islam ablehnen, hatten nie Berührungspunkte mit Muslimen“, sagt Bayram Caliskan, der als Ingenieur arbeitet.
Das findet auch der Arzt Saffet Özkaya. Häufig würden Missverständnisse durch fehlenden Kontakt entstehen. Er sagt: „Wir möchten einfach als normaler Teil der Gesellschaft gesehen werden.“
Ausstellung „Muslimisches Leben in Stuttgart“
Porträts Seit 24. April zeigt das Rathaus der Stadt Stuttgart Porträts von Stuttgarterinnen und Stuttgartern muslimischen Glaubens. In Interviews berichten sie von ihrem Glauben und ihrem Alltag in der Stadt. Die begleitenden Texte sind per QR-Code abrufbar.
Initiiert wurde die Ausstellung von der Stadt Stuttgart (Abteilung Integrationspolitik), dem Muslimennetzwerk Stuttgart sowie der Eugen-Biser-Stiftung. Sie ist im dritten Stock des Rathauses zu sehen und kann noch bis zum 21. Mai besucht werden.