Ausstellung „Unrecht & Profit“ NS-Zeit: Schätze zum Schleuderpreis
Museen konnten sich bei den Enteignungen der Juden durch die Nazis die besten Stücke sichern, wie eine Karlsruher Ausstellung zeigt.
Museen konnten sich bei den Enteignungen der Juden durch die Nazis die besten Stücke sichern, wie eine Karlsruher Ausstellung zeigt.
Herrscht in Museen solche Unordnung? An sich lieben es Kuratoren, Werke zu sortieren, kategorisieren und abzulegen. Als Clara Sigmann-Seidel allerdings in den 1950er Jahren beim Badischen Landesmuseum in Karlsruhe anklopfte und die Münzsammlung ihres Mannes zurückholen wollte, die die Nazis vor ihrer Flucht eingesackt hatten, staunte sie nicht schlecht. Nicht mal die Hälfte der Münzen und Medaillen war auffindbar. Wahrscheinlich verloren gegangen, wie man sie wissen ließ. So reiste sie mit einem Bruchteil der Sammlung und bescheidenen 200 D-Mark Schadensersatz zurück in die USA.
Von wegen verloren: 2017 entdeckte man im Badischen Landesmuseums zufällig doch die restlichen Münzen und gab sie den Enkeln zurück. Deshalb sind in der aktuellen Ausstellung im Karlsruher Schloss nur leere Münzpappen zu sehen und erinnern an die unrühmliche Rolle auch dieses Museums während des Nationalsozialismus. Denn wie die meisten Häuser profitierte auch das Badische Landesmuseum von den Enteignungen und konnte zu Schleuderpreisen Objekte ankaufen, die man der jüdischen Bevölkerung unrechtmäßig entzogen hatte.
Oft waren die Museumsdirektoren sogar vorneweg, um sich die besten Stücke für ihre Sammlung zu sichern. Ludwig Moser, der das Badische Landesmuseum leitete, war allerdings frustriert. In Karlsruhe, notierte er enttäuscht, sei das „Niveau der hiesigen jüdischen Haushalte ein höchst betrübliches“. So musste er sich begnügen mit einer geblümten Dose mit Teller und Deckel oder einem Puppenservice, für das das Museum 15 D-Mark bezahlte, wie man ins Inventarbuch gewissenhaft eintrug.
Die Ausstellung „Unrecht & Profit“ geht nun diesen Ankäufen von damals zurück. Und dass das hübsche Puppenservice noch in der Vitrine steht, ist kein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass bis heute das Unrecht nicht wiedergutgemacht werden konnte. Dabei sind die meisten großen deutschen Museen in den vergangenen Jahren offensiv diesen dunklen Flecken in ihren Sammlungen nachgegangen. Manches konnte den Nachkommen mittlerweile zurückgegeben werden. Aber nicht immer lassen sich die einstigen Eigentümer ermitteln.
Wenn in der Presse Restitutionsfälle vermeldet werden, handelt es sich meistens um bedeutende Gemälde. Daneben ist die „Schatulle mit Stroheinlage“, die im Karlsruher Schloss nun unter den rund 70 Objekten zu sehen ist, wahrlich unbedeutend, schließlich kostete sie gerade mal zehn Mark. Und doch lassen gerade diese nebensächlichen Gegenstände ahnen, in welchen gigantischen Ausmaßen enteignet wurde. Die sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die im Nationalsozialismus verfolgt, verschleppt und ermordet wurden, hatten zuvor ein Leben besessen – und einen Hausstand, der mehr oder weniger wertvoll war. Jede Gabel und jeder Teller, vom Küchentisch bis zum Esszimmerschrank, alles ging an neue Besitzer. Hierzu fanden von 1941 an auch direkt in den Wohnungen der Deportierten Verkäufe und Versteigerungen statt.
Wie perfekt das System organisiert war, verraten allein die Begriffe, die man erfand für die „Verwaltung des jüdischen und reichsfeindlichen Vermögens“ und des „nichtarischen Besitzes“. Von der „Aussonderung“ von Kunstwerken über das „Verzeichnis der beim Finanzamt sichergestellten Gegenstände“ bis hin zur „Verwertungsstelle volksfeindliches/volksfremdes Vermögen“ – der bürokratische Aufwand war enorm. In der Karlsruher Ausstellung kann man das „Alphabetische Verzeichnis der Jüdischen Einwohner“ von 1940 studieren mit „Angabe der Wohnungen und Fernsprechanschlüsse“. Die Namen von Adler bis Zimmermann passten auf drei Seiten.
Und dann stolperte Katharina Siefert doch im Depot des Badischen Landesmuseums über einen Anhänger an einem „Jugendlichen Heiligen“, einer Skulptur, die um 1500 entstanden ist. Siefert ist seit zwölf Jahren als Provenienzforscherin am Badischen Landesmuseum tätig und versucht, die Hintergründe der Bestände zu erforschen. Denn es wurden zwar mit bürokratischem Eifer „Empfangsbescheinigungen“ ausgestellt, die Namen der einstigen Eigentümer hat man aber oftmals unterschlagen. Im Lost Art Register sind heute zahllose „herkunftslose“ Gegenstände aufgeführt, damit Hinterbliebene suchen können, was man ihren Vorfahren wegnahm.
Auf dem Anhänger der mittelalterlichen Skulptur steht nur lapidar „unbekannter/fremder Besitz“. In den 50er Jahren wurde dann eine Karteikarte angelegt und notiert: „Unbekannter Privatbesitz, während des Krieges im BLM untergestellt, seither im BLM.“ Wussten die Museumsleute damals, dass man das wertvolle Objekt zu Unrecht besitzt? Bis in die 70er Jahre hätten noch etliche Museumsmitarbeiter Auskunft geben können, was während der NS-Zeit vorgefallen war, meint Katharina Siefert. „Gleichwohl entschloss man sich, die Objekte unhinterfragt in den Depots zu belassen und bestenfalls zu dokumentieren.“
In den Inventarbüchern des Badischen Landesmuseums sind insgesamt 820 Gegenstände aus den Bereichen Kunstgewerbe, Volkskunde und Antike genannt, die zwischen 1933 und 1945 erworben wurden. Nach 1940 häufen sich Gegenstände, die allgemein dem bürgerlichen „Hausrat“ zugeordnet wurden. Es ist das Jahr, in dem mehr als 6500 Juden aus Baden und der Saarpfalz in ein Internierungslager in Südfrankreich deportiert wurden. Ihre Habe mussten sie in den Wohnungen zurücklassen.
Nicht nur in den Museen, auch in vielen Privathaushalten wird man bis heute Gegenstände finden können, die die Großeltern günstig erwarben auf einer der zahllosen Auktionen oder Verkäufen aus „nichtarischem Besitz“. In Karlsruhe inserierte Eugen Distelbarth regelmäßig in Zeitungen wie „Der Führer“. Er war „vereidigter Versteigerer“ und konnte sicher sein, dass die Karlsruhe zuhauf an den Haydnplatz 8 in den 2. Stock kommen würden, wo die Habe der Familie Paul Homburger „gegen bar und 10 % Aufgeld“ verscherbelt wurde.
Die Anzeige lockte mit einer „sehr guten Wohnungseinrichtung, darunter Speisezimmer mit Bufett, Kredenz, Auszugstisch und 12 Stühlen. Herrenzimmer, Bücherschrank und 2 Klubgarnituren“. Das zeigt, dass die Homburgers wohlhabend waren. Katharina Siefert hat die Hintergründe recherchiert: Paul Homburger war Mitinhaber des Bankhauses Veit L. Homburger in Karlsruhe, das 1939 „arisiert“ wurde. Der Privatbesitz wurde enteignet, die „Tafelgeräte versilbert“ und der „Besteckkasten“ versteigert. Auch hier durften sich die Museen vorab die bestens Stücke sichern. Ins Badische Landesmuseum kam etwa das „Porträt eines Ahnen“. Erst 2012 wurde das Gemälde den Erben von Paul Homburger zurückgegeben.
Zwischen 1933 bis 1944 kaufte das Badische Landesmuseum auch 73 Objekte von einem Kunsthändler, dessen Namen man bis heute kennt: Fritz Nagel, der Gründer des Auktionshauses Nagel in Stuttgart. Er besaß damals in Mannheim ein „Kunst- und Versteigerungshaus“ und diente sich der Kreisleitung der NSDAP an, weil er als Gutachter und Schätzer des „zurückgelassenen“ Kunstgutes tätig werden wollte. Mindestens 27 Gläser, Fayencen und Bildnisminiaturen aus jüdischem Besitz verkaufte Fritz Nagel allein den Karlsruhern.
Die Ausstellung lässt nicht annähernd das Ausmaß des Handels mit „nichtarischem Besitz“ fassen, der auch über die Landesgrenzen hinaus ging. Allein aus der besetzten Niederlande wurden 670 Container verschifft. Von August 1942 an wurde Mannheim zum Umschlagplatz für die Habe jüdischer Emigranten, die „der fliegergeschädigten Bevölkerung“ zugute kommen sollte.
Kurt Martin, der Direktor der Karlsruher Kunsthalle, wurde beauftragt, mit einer Gruppe von Sachverständigen vorab wertvolles Kulturgut auszusortieren. Immerhin, Martin wählte 16 Gemälde und Skulpturen für Karlsruhe aus. Zufrieden war man trotzdem nicht. Ein gewisser Erhard Göpel, der „Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete“, schrieb Martin hernach einen Brief, in dem er sich für dessen Mühe bedankte und abschätzig kommentierte: „Es war ja zu erwarten, dass dabei nicht allzu viel herauskommen würde.“
Die Ausstellung „Unrecht & Profit“ ist bis zum 28. September im Karlsruher Schloss zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstags bis Donnerstag: 10-17 Uhr, Freitag bis Sonntag: 10-18 Uhr.