Ausstellung von Yoshitomo Nara im Burda-Museum Zornige Mädchen als Markenzeichen
Yoshitomo Nara zeichnet zornige kleine Mädchen – und erzählt doch sehr viel über die Zumutungen des Lebens. Wie ist es ihm gelungen, zum internationalen Star zu werden?
Yoshitomo Nara zeichnet zornige kleine Mädchen – und erzählt doch sehr viel über die Zumutungen des Lebens. Wie ist es ihm gelungen, zum internationalen Star zu werden?
Die Biologie hat es raffiniert angestellt: Wenn Kinder einen mit großen Augen anschauen, werden Erwachsene meist butterweich. Ein paar Proportionen genügen – schon wird der Beschützerinstinkt gekitzelt. Deshalb können sie einem durchaus ans Herz gehen, die vielen kleinen Mädchen, die einem auf den Bildern von Yoshitomo Nara mit Kulleraugen anschauen. Sie tragen niedliche Kleidchen mit adretten weißen Kragen und haben die Haare artig geschnitten. Selbst wenn sie mit ihren kurzen Beinchen energisch in den Boden zu stampfen scheinen, kann man ihnen nicht böse sein.
Die so genannten „Angry Girls“ sind zum Markenzeichen von Yoshitomo Nara geworden. Seit vielen Jahren geistern durch sein Werk kleine Mädchen, die mit ihren großen Köpfen und Kulleraugen niedlich und schutzbedürftig wirken, sich aber auch trotzig und wütend den Zumutungen der Welt entgegenstellen. Sie haben den Japaner weltberühmt gemacht und sind auch beim Publikum beliebt.
Beim Rundgang durch das Museum Frieder Burda in Baden-Baden, das nun eine große Einzelausstellung Naras eröffnet hat, versteht man sofort, warum das so ist. Denn die Zeichnungen und Gemälde des 64-Jährigen erschließen sich ohne theoretische Ausführungen und berühren so unmittelbar, das es einem fast bang werden kann. Ob er hier ein Kind zeigt, das energisch auf die Trommel einschlägt oder dort ein armes Ding mit dickem Verband auf dem Kopf, so wollen diese Bilder gezielt Gefühle wecken, den Betrachtern ans Herz gehen oder pathetisch gesagt: ihre Seelen öffnen.
Wie viele Künstler seiner Generation wurde Yoshitomo Nara von Popkultur, Manga und Comics beeinflusst. 1988 ging er nach Deutschland zum Studium an die Düsseldorfer Kunstakademie, wo er nach einer langen Phase des Suchens seinen eigenen Stil fand – und ein Motiv, mit dem er die Verwundungen seiner Kindheit aufarbeiten konnte, eine Kindheit, in der er in der Natur und bei Tieren Trost vor der Einsamkeit suchte. Dass seine Bilder alles andere als kitschig sind, liegt daran, dass Nara sie existenziell auflädt. Er erzählt von der Tragödie des Menschen, der in die Welt geworfen wird und sein Schicksal meistern muss.
Und so spürt man förmlich die Angst des Mädchens, das krank auf dem Bett liegt und nicht weiß, was mit ihm geschieht. Hier kratzt sich ein Kind den Arm blutig, dort trägt es eine dicke Brille. Und wenn ein Junge unter dem Titel „I’m Sorry“ kniet, weiß man sofort, dass er bestraft und diszipliniert werden soll. Einerlei, ob die Kinder ihr Schicksal still erdulden oder trotzig aufbegehren, im Grunde geht es in den Bilderzählungen immer um ein Kräftemessen, um Macht und Ohnmacht.
Wenn ein kleines Mädchen rotzig die Kippe im Mundwinkel hängen hat, so stellt sich aber auch die laute Frage, ob die Erwachsenen und die Gesellschaft die Verantwortung für die nachfolgenden Generationen gegenüber ernst genug nehmen. Auch das Mädchen, das bedrohlich mit einer Knarre herumfuchtelt, hat es so gelernt wie auch das Kind, das eine Säge in der Hand hält, von der das Blut tropft. Empfindsamkeit und Aggression, Rührung und Schrecken liegen eng beieinander bei Yoshitomo Nara, der das Menschsein als steten Überlebenskampf zeigt.
Im Burda-Museum steht auch eine Holzhütte, eine Art Gartenlaube, die zeigt, wo diese Bilder entstehen. Yoshitomo Nara zeichnet unermüdlich und nutzt alles, was ihm in die Finger kommt, bekritzelt Briefkuverts, Servietten oder Papiertüten und sogar angerissene Zettel. In der Baden-Badener Ausstellung hängen auch Bilder, die auf schnöde Wellpappe gemalt wurden.
Yoshitomo Nara lebt heute wieder in Japan, wohin er nach zwölf Jahren in Deutschland 2000 zurückkehrte und auch die Katastrophe von Fukushima erlebte, die er seither immer wieder in seinen Zeichnungen verhandelt. In den letzten Jahren tauchen auch Kinder auf, die gegen den Krieg protestieren. Bei aller Melancholie scheint Nara die Hoffnung dann doch noch nicht ganz aufgegeben zu haben, dass die Kinder, die hier die Fäuste ballen, es eines Tages vielleicht besser als ihre Eltern machen werden.
Selbstporträts
Für Yoshitomo Nara ist das Malen und Zeichnen ein Dialog mit sich selbst, weshalb er seiner Meinung nach keine Kinder darstellt, sondern immer nur sich selbst.
Ausstellung
bis 27. April, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. adr