Ausstellung zu Communities Seht her, wir gehören zusammen!

Wir gehören zusammen: Neal Slavin hat in den 1970er Jahren die Capitol Wrestling Corporation von Washington fotografiert. Foto: Kunstpalast, Düsseldorf/ © Neal Slavin

Der moderne Menschen gehört zu vielen Gruppen und Gemeinschaften. Da die eher lose sind, sollen Fotos zeigen, dass man dazugehört.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Hochzeiten können eine anstrengende Angelegenheit sein. Das Brautpaar weiß längst, dass es zusammengehört. Die arme angereiste Familie ist dagegen plötzlich mit wildfremden Menschen konfrontiert, die von jetzt auf gleich Teil des eigenen Lebens werden. Ob man will oder nicht, plötzlich ist man mit Leuten, deren Namen man noch nicht mal kennt, irgendwie verwandt – und grübelt man beim ersten Aufwärmgespräch dann gern, über wie viele Ecken das sein mag. Ist das der Großneffe, Schwippschwager oder Cousin dritten Grades? Es dauert, bis man sich daran gewöhnt, dass sich Hierarchien und Rollen innerhalb der Familie schlagartig verändert haben.

 

Eine Ehe wird letztlich vor der Kamera besiegelt

Gut, dass es da Fotos gibt, weshalb Hochzeitsfotografen inzwischen lange Shotlists abarbeiten, Ablaufpläne, die vorgeben, welche Gruppenfotos gemacht werden müssen: Das Paar mit den Eltern, das Paar mit den Geschwistern, dann mit den Trauzeugen, mit den Tanten und Onkeln – und schließlich alle zusammen. So wird dokumentiert, wer fortan welchen Platz im Gefüge einnimmt. Der Soziologe Pierre Bourdieu war sogar davon überzeugt, dass die Ehe letztlich erst durch die Zusammenkunft der Festgesellschaft vor der Kamera besiegelt werde. In Zeiten von Patchworkfamilien und loseren Familienbünden scheint das umso wichtiger zu sein.

Das Gruppenfoto, meinte Bourdieu auch, sei zu einem der zentralen Rituale der Moderne geworden. Deshalb widmet sich der Kunstpalast Düsseldorf derzeit dem spannenden Thema „Community“ und hat für die Sonderausstellung lustige wie denkwürdige Fotos zusammengetragen. Da stellen die Mitglieder der „Star Trek Convention“ bierernst ihre kuriosen Filmkostüme zur Schau oder präsentieren sich muskelbepackte Männer in knappen Höschen als Wrestling-Gruppe. Hier eine fröhliche Faschingsgesellschaft, dort alte amerikanische Veteranen, die artig aufgereiht in Uniform salutieren. Und sie alle wollen mit dem Foto zeigen: Wir sind ein Team, zum dem jeder Einzelne gehört. Schätzungen zufolge werden weltweit etwa 5,3 Milliarden Fotos pro Tag gemacht. Die Zahl ist durch die Verbreitung des Smartphones rasant gestiegen. Die massenhaft produzierten Bilder werden weniger zur Erinnerung gemacht, sondern haben eine zentrale Funktion, wenn sie auf Plattformen wie Instagram, Snapchat oder WhatsApp verbreitet werden. Sie dienen der sozialen Selbstdarstellung und sollen zeigen, wer man ist und zu welchen Communities man gehört.

Willfährig transportieren Fotos Macht und Hierarchien

Offenbar benötigt es die Fotos, um sich auch selbst zu vergewissern, wo man hingehört. In früheren Jahrhunderten und in traditionellen Gesellschaftsformen war das sehr viel klar definiert: Man arbeitete gemeinsam auf dem Feld, saß sonntags beisammen in der Kirche, feierte zusammen Feste und lief sich auch sonst ständig über den Weg. Das war einerseits einengend, bot aber auch Halt in der Gemeinschaft.

Masse und Macht: Das Foto ist 1936 bei den Dreharbeiten zu Leni Riefenstahls „Olympia“-Film entstanden. Wer es aufgenommen hat, ist nicht bekannt. Foto: Unbekannt/Kunstpalast, Düsseldorf

Heute gehört man in der Regel zu ganz unterschiedlichen Gemeinschaften – zu einem engen oder loseren Familienverbund und zum Team bei der Arbeit, zum Sportverein oder dem Orchester, zur Ortsgruppe einer Partei, den Freunden eines Museums oder den ehrenamtlichen Helfern der Tafel. Ob es Eigentümergemeinschaften, gleichgesinnte Fußballfans und ehemalige Klassenkameraden sind, die Nachbarn, die sich online austauschen oder die WhatsApp-Gruppe der Eltern der Klasse 2 b, es bestehen diverse Zugehörigkeiten nebeneinander. Da diese allerdings unsichtbar sind, ist Gemeinschaft eher ein Gefühl, eine Sehnsucht oder Behauptung. Eben deshalb, so die These der Düsseldorfer Ausstellung, sei das Foto so wichtig, um Bindungskräfte zu entfalten.

Es ist bezeichnend, dass die Fotografie genau da entstand und sich schnell verbreitete, als die moderne Gesellschaft entstand, in der traditionelle Bindungen weniger wurden. Politischen Gruppierungen nutzten nun verstärkt die Idee der Gemeinschaft als Kampfbegriff, um zum Beispiel Entfremdung entgegenzuwirken oder eine völkische Abstammungsgemeinschaft zu beschwören. Da kam die Fotografie gerade recht. Diktatorische Regime konnten durch sie ihre Idee sozialer Ordnung in monumentalen Bildern darstellen, oder Arbeiterbewegung durch illustrierte Zeitungen mit Fotos demonstrieren , dass man Teil von etwas Größerem ist.

Bloß: Wo Gemeinschaft behauptet wird, gibt es immer auch jene, die nicht dazu gehören wollen oder dürfen. Willfährig transportieren Fotos Macht und Hierarchien. So, wie das Personal selbstverständlich nicht auf das Familienfoto durfte, obwohl es im Haus wohnte, so rückte sich der Patriarch dominant ins Zentrum der Aufnahme. Wie stark die Fotografie genutzt wurde, um zwischen „wir“ und „ihr“ zu trennen, zeigen auch zahlreichen Aufnahmen, die in den Kolonien gemacht wurden und vor allem das eitle Selbstbild der Kolonialmächte zum Ausdruck bringen. Die Einheimischen wurden gezielt als andersartig und vermeintlich primitiv inszeniert, um sie auf einen niederen Rang in einer behaupteten Hierarchie zu verweisen.

Wahrheit oder Inszenierung? Foto von 2023 aus der Serie „The Anonymous Project presents Being There“ von Omar Vicor und Lee Shulman. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Courtesy MAGNIN-A Gallery, Paris

Wenn es heute um Tesla geht, wird auch selbstverständlich Elon Musk gezeigt und nicht die Masse derer, die die Wagen produzieren. Das erklärt den Boom von Social Media: Hier kann sich auch der zeigen, dem weniger Sichtbarkeit gewährt wird als Promis oder Machthabern. Gemeinschaft lässt sich in digitalen Räumen allerdings nicht mehr so inszenieren, wie auf dem Klassen- oder Familienfoto. Hier scheint es eher die Ästhetik zu sein, die man teilt und die einen zur nicht greifbaren Gemeinschaft gehören lässt.

Mittels KI kann man sich ins Bild montieren

Erstaunlicherweise scheinen sich auch so Wärme und Verbundenheit einzustellen, selbst wenn man weder die Schar seiner „Freunde“ auf Facebook kennt noch die Follower auf Instagram. Gemeinschaft ist eben vor allem ein Gefühl, das ausgelöst werden kann, selbst wenn die Realität eine andere ist. Deshalb könnten sich schon bald ganz neue Formen der Gemeinschaft entwickeln – über KI. Denn wer zur Hochzeit nicht eingeladen wurde, kann sich mit Hilfe digitaler Tools kurzerhand ins Familienfoto einschleusen oder sich sogar selbst einen Platz direkt neben den Brautleuten geben – obwohl die einen eigentlich zu den Hinterbänklern abgeschoben hatten.

Weitere Themen