Ausstellung zu Marc Aurel So macht Geschichte Spaß

Feingeist, Familienmensch und brutaler Herrscher: der römische Kaiser Marc Aurel Foto: The Trustees of the British Museum

Marc Aurel scheint ein wahrer Tausendsassa gewesen zu sein. Aber war der römische Kaiser, Feldherr und Philosoph wirklich so edel? Dem geht eine grandiose Ausstellung in Trier nach.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Sogar als Vater scheint er vorbildlich gewesen zu sein und sorgte sich um die lieben Kleinen. In langen Briefen hielt er seinen Freund und Lehrer über den Gesundheitszustand der Familienmitglieder auf dem Laufenden – und schrieb: „Unser kleines Küken Antoninus hustet etwas weniger.“ Einen römischen Feldherrn stellt man sich anders vor. Aber Marc Aurel scheint ein Ausnahmekaiser gewesen zu sein, Feingeist und Familienmensch, Grübler und geistreicher Geselle, dessen Weisheiten noch bis heute durch den Sprachgebrauch geistern, indem man zum Beispiel nicht Gleiches mit Gleichem vergelten soll.

 

Die Figur erhält auch einige Kratzer

Kurzum: Marc Aurel war alles andere als ein dumpfer Regent, sondern eine Persönlichkeit, die auch noch 1904 Jahre nach seiner Geburt fasziniert. Deshalb ist die Sonderausstellung „Marc Aurel“ in jedem Fall eine Reise nach Trier wert, auch wenn die Figur einzelne Kratzer erhält. Dabei taten die römischen Geschichtsschreiber alles, um ihn zum Inbegriff des guten Herrschers zu stilisieren. Dass man unter seiner Herrschaft aber auch Kinder und Frauen versklavte und brutal mordete, das war für die römischen Autoren so selbstverständlich, dass sie es in ihren Jubelgesängen verschwiegen.

Auch für Kinder ist die Ausstellung spannend. Foto: RLM Trier/Th. Zuehmer

Immerhin, kaum ein Herrscher übernahm so hervorragend vorbereitet die Macht wie Marc Aurel. Da mehrere Kaiser hintereinander keine Kinder hatten, löste man das Problem über Adoption; er wurde von seinem Vorgänger Antoninus Pius adoptiert – und als Plan B auch noch der jüngere Lucius Verus. Marc Aurel musste mehr als 20 Jahre auf das Amt warten und hatte also viel Zeit, sich in die Verwaltung des Römischen Reiches einzuarbeiten. Als er im Jahr 161 n. Chr. an die Macht kam, war er bestens präpariert.

Aber wie lebte so ein Junge aus besserem Hause überhaupt? Zwei wirklich schöne Sarkophagreliefs zeigen Buben und Mädchen beim Ballspiel und auch einen Sprössling, der erst gesäugt und vom Vater herumgetragen wird, dann lernt, den Streitwagen zu lenken und schließlich bei klugen Köpfen in die Lehre geht. Marc Aurel wurde umfassend gebildet in Rhetorik, Recht und Philosophie, er soll aber auch sportlich gewesen sein. Ein hübscher, ernster Kerl mit wilden Locken, so zeigen ihn die Marmorbüsten in der Trierer Ausstellung.

Replik eines Reiterstandbildes von Marc Aurel Foto: Bibliotheca Hertziana/Enrico Fontolan

Die Schau im Rheinischen Landesmuseum Trier ist nicht nur sehenswert, weil exquisite Objekte aus Rom oder Paris ausgeliehen wurden, sondern weil man sich nicht in Detailfragen verliert, sondern präzise und unterhaltsam informieren will. Statt ermüdender Ausstellungsarchitektur aus einem Guss, überraschen die Räume mit vielfältiger Gestaltung und unterschiedlichen Medien. Eine Computeranimation zeigt die Stadtmauer, die Marc Aurel in Trier errichten ließ. Es gibt Tastmodelle, Texte in Leichter Sprache und Stationen für Kinder. So anregend bekommt man Geschichte selten serviert.

Es sind auch nur Exponate in die Ausstellung gekommen, die direkten Bezug zum Thema haben – und nicht, weil man sie mal zeigen wollte. So sieht man Marc Aurel und seine Gattin Faustina auf einem Schmuckstein, wo man sie als Juno und Jupiter verherrlichte. Mindestens elf Kinder sollen sie gehabt haben. Es wütete aber auch die Pest – und die Menschen versuchten sich vor der „verpesteten“ Luft zu schützen mit Parfüms und Ölen. Als sich der Regent beliebt machen wollte und eine Art Kindergeld verteilte, dankte man es ihm mit einer Inschrift auf einem Stein.

Starker Drang zur Tugend

Als Marc Aurel Kaiser wurde, hatte er eine ungewöhnliche Forderung: Sein jüngerer Stiefbruder solle mitregieren. Ein vor allem diplomatischer Schachzug, der seinem Image en passant aber auch zuträglich war. Denn der jüngere Lucius Verus war eher ein Lebemann, der gern feierte und sich in sportlichen Wettkämpfen beweisen wollte, weshalb die römischen Schreiber die gegensätzlichen Charaktere dramatisch zuspitzten. Marc Aurel, der angeblich schon früh „einen starken Drang zur Tugend“ und bereits „als Knabe „das Wohlwollen seiner sämtlichen Verwandten“ erworben hatte, erschien neben dem Mitregenten umso edler.

Dabei kannten die Autoren damals noch gar nicht die Texte, für die Marc Aurel bis heute bewundert wird. Viele Jahre war er im Krieg, schrieb im Feldlager seine „Selbstbetrachtungen“, eine Sammlung von Essays und Aphorismen. Sie wurden erst im 16. Jahrhundert veröffentlicht – bis heute schmücken sich Politiker mit deren Lektüre. Denn der Autor war ein Anhänger der stoischen Philosophie, die auf Verzicht und Tugend setzte. „Sei besonnen und tapfer für dich selbst, aber auch gerecht und klug für die Gemeinschaft“, schrieb er, denn „was dem Schwarm nicht nützt, nützt auch der Biene nicht.“ Ein Ausschnitt des Reliefs der Marcus-Säule in Rom verrät aber auch, wie grausam unter Marc Aurel gemordet wurde. „Sie schaffen eine Wüste und nennen es Frieden“, so der Historiker Tacitus bitter. So zeigt die Schau auch, dass die Wahrheit selten eindimensional und es entsprechend fatal ist, wenn derzeit wieder Machthaber dabei sind, Fakten, die nicht in ihr Weltbild passen, aus Geschichtsbüchern zu löschen.

Römische Weisheiten für Politik heute

Vorbild
Für Helmut Schmidt war Marc Aurel ein Vorbild, angeblich nahm er sogar als Bundeskanzler immer wieder dessen Wahrheiten zur Hand. Das Stadtmuseum Simeonstift in Trier widmet sich parallel zur Marc-Aurel-Schau der Frage „Was ist gute Herrschaft?“ und beleuchtet in einem Streifzug, was in den vergangenen Jahrhunderten für richtiges Regieren hielt.

Ausstellung
„Marc Aurel. Kaiser, Feldherr, Philosoph“. Bis 23. November. Rheinisches Landesmuseum Trier. Geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr.

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