Ausstellung zu Stephen Bron in Stuttgart Queere Intimität auf Leinwand

Auszug aus Brons Schaffen: „Asleep in Wildflowers“ aus diesem Jahr. Foto: Thomas Fuchs/Galerie Thomas Fuchs GmbH & Co.

Denkwürdiges aus der Natur, Tiere, Erdbeeren oder Landschaften, aber auch Sonnenbäder und private Momente hält der junge US-Künstler Stephen Bron mit Öl fest. Überzeugend sind vor allem seine Bilder aus dem Alltag der homosexuellen Beziehung. Eine Schau zeigt nun seine Arbeiten.

Es ist nur ein T-Shirt, aber die anonymen Hände präsentieren das Baumwollhemdchen so feierlich, als wäre es das Turiner Grabtuch. In dem 2022 entstandenen Gemälde „Music Mirror“ kommt viel zusammen, was typisch ist für Stephen Bron: ein realistisches Hauptmotiv, natürliche Farben und eine zauberische Zugabe, die aus dem Gewöhnlichen etwas Besonderes macht. In diesem Fall ist es das übersinnliche Sonnenlicht. Blendend grell strömt das Leuchten durch den Stoff, dessen eine Seite kurz davor steht zu verglühen.

 

Erste Soloausstellung des Künstlers in Stuttgart

Bisher hat der 1993 geborene Maler vor allem in seiner nordamerikanischen Heimat ausgestellt, doch jetzt bekommt er auch diesseits des Atlantiks eine Chance. Bereits im Frühsommer war der New Yorker im Rahmen einer Gruppenschau in der Stuttgarter Galerie Fuchs zu Gast.

Unter dem Titel „Overnight Garden“ läuft dort nun auch die erste Soloausstellung des Künstlers in Deutschland. Sie bietet stimmungsvolle Interieurs, sommerliche Aktbilder und ein paar Szenen, denen nicht zu trauen ist. Was etwa führen die beiden nächtlichen Strandbesucher im Schilde, die da so dramatisch aus der Dunkelheit herausleuchten? Beseitigen sie die Spuren eines Verbrechens? Alles andere als unschuldig wirken auch die präraffaelitisch langen Frauenhände, wenn sie dem imaginären Gegenüber eine gelb-schwarze Schlange entgegenhalten. Doch egal ob Kriminalfall oder Anbahnung eines biblischen Sündenfalls – am Ende führt jede Spur, die der Künstler legt, ins Leere.

Seine Entdeckung für den hiesigen Kunstmarkt verdankt Stephen Bron nicht zuletzt den Segnungen der digitalen Welt: „Wir wurden im Internet anlässlich einer Ausstellung bei amerikanischen Kollegen auf ihn aufmerksam“, verrät Galerist Thomas Fuchs. Ein Kurator aus dem Bekanntenkreis habe dann den Kontakt hergestellt.

Private Momente auf Leinwand gebannt

Im Fokus von Brons Bildern stehen zumeist Alltagssituationen. Sei es ein Taubenpaar auf einer Fensterbrüstung, sei es ein freizügiges Sonnenbad unter strahlend blauem Sommerhimmel. „Es geht Stephen Bron aber nicht um eine präzise Eins-zu-eins-Abbildung“, schränkt Thomas Fuchs ein, „sondern um die Darstellung von subjektiv wahrgenommenen Momenten.“

Das Momenthafte ist tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt vieler Werke und erklärt auch deren stilistische Besonderheit. Oft nämlich begegnen sich in einem einzigen Gemälde des Künstlers zwei widerstreitende Handschriften. Hier glatter Realismus, dort eine ungebremste, fast abstrakte Gestik. Der schnelle, breite Pinselstrich versucht so viel wie möglich von der kostbaren Flüchtigkeit des Augenblicks festzuhalten und ins Bild zu bannen. In diesem Sinne bringt das Erdbeer-Stillleben „Strawberries“ (2022) die süßen Freuden des Obstverzehrs mit einer fast schon barocken Vergänglichkeitsmahnung zusammen. Zumindest erinnert der matschig feuchte Farbauftrag daran, wie schnell die roten Früchte verderben.

Am meisten überzeugt der Künstler aber da, wo er sich einem ganz anderen Thema widmet: dem Alltag in der homosexuellen Beziehung. Diese sogenannte „queer intimacy“ ist seit einiger Zeit ein häufiges Sujet insbesondere der amerikanischen Malerei. Etabliert hat es der Brite David Hockney. Ähnlich wie der Pop-Art-Altmeister beschäftigt sich auch Stephen Bron intensiv mit dem häuslichen Zusammensein. Die Arbeit „With time to read“ etwa, die den Partner bei der Lektüre zeigt, setzt den ruhigen Stunden des Tages ein kontemplatives Denkmal. Zugleich öffnet sich vor dem Fenster des großzügigen Innenraums der Blick auf eine weite Küstenlandschaft.

Rätselspiele und viel Lebensfrische

Neben den doppelsinnigen Rätselspielen des Künstlers kann der Besucher aus der Schau also auch viel authentische Lebensfrische mit nach Hause nehmen. Nicht zuletzt für die kleinen Denkwürdigkeiten des Daseins schärft Brons Kunst die Sinne.

Genau hingucken ist angesagt, im privaten Umfeld wie in Fauna und Flora. Den Hauptakteur des Bildes „MuddyFrog“ jedenfalls hätte man um ein Haar übersehen. Frech und frei quakt da ein kleiner Frosch im monochromen Schlammbraun vor sich hin. „Die Ideen für seine Bilder findet Stephen Bron oft bei Wanderungen“, berichtet Thomas Fuchs.

Bei seiner Ankunft in Stuttgart habe der Künstler sofort gefragt, wo man hier gut in die Natur könne. Und gleich nach der Vernissage wollte er in den Schwarzwald weiterreisen. Vielleicht auf der Suche nach neuen kleinen Denkwürdigkeiten.

Der New Yorker Künstler in Stuttgart

Person
Stephen Bron wurde 1993 in Long Island, New York geboren. Er studierte Malerei an der Cooper Union School of Art sowie der New York City University, wo er 2017 den Master of Fine Arts erlangte. In den USA wurden seine Arbeiten unter anderem von der Albert Merola Gallery in Provincetown und von Theodore Art New York gezeigt.

Ausstellung
Die Schau „Overnight Garden“ in der Galerie Fuchs versammelt vorwiegend kleinformatige Arbeiten der letzten beiden Jahre. Bis 10. September, Reinsburgstr. 68a, Di bis Fr 13–19, Sa 11–16 Uhr. http://www.galeriefuchs.de/de/

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