Ausstellungen in Schorndorf Fotokunst am Himmel und aus dem Keller

Vogelschwärme über dem Meer oder über den Bergen: ein Blick in die Ausstellung in der Q Galerie Schorndorf Foto: Gottfried Stoppel

Gleich zwei Ausstellungen zeigen wunderbare Arbeiten von Lothar Schiffler: „Airlines“ in der Q Galerie, dazu gibt es Fotos aus den Anfangstagen der Manufaktur – mit Black Sabbath, Hannes Wader und Reinhard Mey.

Überraschungsmomente am Himmel und Überraschungsmomente im „Untergrund“ – das beschert das Kulturforum Schorndorf in einem Vernissagen-Doppelschlag. Aus Anlass des 75. Geburtstags von Lothar Schiffler präsentiert das Kulturforum dessen spektakuläre Fotoprojekte. Zum einen unter dem Titel „Airlines – Vogelspuren in der Luft“ in der Q Galerie im Arnold-Areal. Zum anderen sind fast 55 Jahre alte Aufnahmen von Konzerten aus den Anfangstagen des Clubs Manufaktur zu sehen, als er noch im Keller an der Gmünder Straße war. Nun werden sie in der neuen Manufaktur im Hammerschlag ausgestellt.

 

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Im Sommer im Gras liegen, Wolken am blauen Himmel beobachten, so lässt sich’s gut sein: Ähnlich ging es wohl auch Lothar Schiffler vor mehr als 20 Jahren ganz am Anfang seines Projekts – nur dass er in Frankreich nach einer Nacht nicht in freier Natur, sondern im Landgasthaus aufwachte, noch schlaftrunken über seinem Kopf „einen Schwarm Fliegen“ entdeckte – und spontan dachte: Warum ist es nicht möglich, dieses „fantastische Ballett“ fotografisch festzuhalten? Mit der seinerzeit analogen Technik war das nicht möglich. „Die Schönheit des Vogelflugs ist flüchtig“, so seine Erkenntnis. Doch der digitale Fortschritt eröffnete ihm neue Wege. Eine elektronisch gesteuerte Spezialkamera machte es nun möglich, einen etwa einminütigen Film über die Flugbewegungen auf ein Foto zu bannen. Das sieht dann aus wie Hunderte von Vögeln, die hintereinander fliegen, aber tatsächlich sind es nur vier oder gar nur einer.

Seit 2011 erfasst er auf diese Weise in seiner Wahlheimat München oder auf Reisen die Vogelbewegungen. Mal sind es Flugspuren des Adlers über den Pyrenäen oder über dem Naturpark Berchtesgaden, Thermikspiralen von Schwarzmilanen am Bodensee, Bussarde über der Rheinebene, Turmfalken über dem Münchner Schloss Nymphenburg, vier Mäusebussarde über dem Markgräflerland. Und vor allem immer wieder Mauersegler. 2018 durfte Schiffler als Teilnehmer der internationalen Mauerseglerkonferenz in Tel Aviv sogar Mauersegler an der Klagemauer fotografieren.

Ebenso spannend wie seine Himmelsbeobachtungen sind die im Lichthof der Galerie ausgestellten Werke unter dem Motto „Nachtzug“: Dabei handelt es sich um Langzeitbeobachtungen zumeist aus fahrenden Intercitys, aber auch vom Vaporetto in Venedig oder aus dem Riesenrad im Wiener Prater („eine Umdrehung dauert 20 Minuten“).

Doch der Fotograf Schiffler blickt nicht nur in den Himmel, sondern auch in den Keller. Gehörte er doch zu den Gründungsvätern des Schorndorfer Clubs Manufaktur rund um Werner Schretzmeier. Das legendäre Forum für Politik und Kultur, mittlerweile im Hammerschlag beheimatet, hatte da noch sein Domizil im Souterrain eines Gebäudes an der Gmünder Straße. Das Eröffnungskonzert mit Albert Mangelsdorff und Band fand am 10. Februar 1968 statt, erinnert sich Schiffler. „Mein Mitgliedsausweis hat die Nummer 17, den habe ich heute noch.“ Immer wieder zog es den gebürtigen Miedelsbacher – seinerzeit war der heutige Schorndorfer Stadtteil noch selbstständig – vom Studienort München in die Heimat. Und speziell in „die Manu“, die sich immer wieder in einen Hexenkessel verwandelte.

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Zu Gast waren Keith Emerson oder Rory Gallagher, aber auch eine aufstrebende Hardrock-Band, die den Zuhörern ihr „Paranoid“ entgegenschleuderte: Black Sabbath. Die Band war nach einem Gig in Zürich total abgebrannt und froh, in Schorndorf kurz vor Weihnachten 1969 beim Auftritt ein paar Mark verdienen zu können. Natürlich hat Schiffler Sänger Ozzy Osbourne oder den Gitarristen Tony Iommi auf der Bühne in typischen Posen erwischt. Anderntags ging es sogar noch hinauf nach Adelberg, wo Schiffler das Quartett vor dem Kloster Adelberg ablichtete. Übernachtet haben die Musiker übrigens einst im Hochhaus in Fellbach-Schmiden, in dem Werner Schretzmeier damals mit seiner Frau Gudrun im zehnten Stock wohnte – und wo in jenen Tagen auch Uschi Obermaier und Rainer Langhans zu Besuch waren, wie der Leiter des Theaterhauses Stuttgart unserer Zeitung im vergangenen Herbst erläuterte.

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Neben Rockstars gab sich die deutsche Liedermacher-Elite die Klinke in die Hand – wie auf einem Foto Schifflers zu sehen ist, das die Ikonen Hannes Wader und Reinhard Mey (den Megahit „Über den Wolken“ hatte er damals allerdings noch nicht geschrieben) zusammen mit dem Kabarett-Duo Schobert und Black auf der Bühne zeigt. Wobei es sicher nicht wegzudiskutieren ist, dass man Angehöriger der Generation Ü 50 sein muss, um diesen besonderen Moment deutscher Musikgeschichte angemessen zu würdigen – wie eine kleine Umfrage unter den Redaktionsmitgliedern ergab.

Die Vernissage „50 Years After“ mit Fotos legendärer Konzerte ist am Sonntag, 8. Mai, um 14 Uhr in der Manufaktur, Hammerschlag 8. Die Einführung hält Werner Schretzmeier. Am Montag, 9. Mai, folgt um 20 Uhr in der Q Galerie, Karlstraße 19, die Eröffnung von „Airlines“.

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