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Australien Eine Farm als Fürstentum

Eine endlos erscheinende Schotterpiste führt Richtung Hutt River Province. Foto: Brünjes
Eine endlos erscheinende Schotterpiste führt Richtung Hutt River Province. Foto: Brünjes

Wie Weizen-Bauer Casley seine 75 Quadratkilometer Land von Australien abspaltete, seitdem als Königliche Hoheit Prince Leonard I. ein unabhängiges Fürstentum an der Westküste betreibt und mehr als 30 000 Besucher pro Jahr per Handschlag begrüßt.

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Barack Obama regiert im Weißen Haus, Angela Merkel im Kanzleramt und Prinz Leonard I. im Postamt. Rotklinkerfassade, Blumenkübel vor der Tür und kleine, weiß gerahmte Fenster - es könnte ebenso gut ein geducktes Kreisliga-Vereinsheim sein. Auch, weil drinnen der abgewetzte Holztresen dekoriert ist mit Münzen und Urkunden. Der Mann dahinter: schütterer Haarkranz, wacher Blick, verblichene graue Stoffjacke, Filzpantoffeln. Jeder Besucher und sogar sein Sohn sprechen diesen gebeugten Greis als „His Royal Highness“ an. Seine königliche Hoheit, Leonard I., ist 90 Jahre alt, posiert aber wie jeden Tag für Selfies, verkauft Briefmarken und stempelt Visa in Reisepässe. Überraschend volksnahe Basisarbeit eines Staatsoberhaupts. Sein Staat?

Die Principality of Hutt River, ein Fürstentum an Australiens Westküste, gut 500 Kilometer nördlich von Perth und mit 75 Quadratkilometern so klein wie Passau - gegründet 1970 von Farmer Leonard Casley. Er hatte damals einfach die Faxen dicke: Nur noch zehn Prozent seiner Weizenernte soll Casley verkaufen dürfen, so verfügte es die australische Regierung 1969. Das Ziel: mit begrenzter Gesamtproduktionsmenge den Weizenpreis stabil halten. Casley rechnete den Korn-Verknappern vor, wie ihn das ruinieren würde. Ohne Erfolg. Die sollten ihn kennenlernen, den Charakterkopf mit Widerstandsgeist! Schon während seiner Lehre als Schifffahrtskaufmann hatte er nachts Jura-Texte geschmökert. Da kündigt der wackere Farmer seiner Heimat wie einem Wohnungsvermieter und erklärt seinen Grund und Boden 1970 in einem Brief an den Premierminister für unabhängig, beruft sich auf ein juristisches Prinzip aus dem Sediment internationalen Rechts: „Self Preservation Government“ - frei übersetzt „Regierung zum Selbstschutz“. Die könne ausrufen, wem seine wirtschaftliche Grundlage entzogen werde und Landverlust drohe, so der Unabhängigkeitskämpfer. Er ruft die Hutt River Province aus, mit gut 20 Staatsbürgern: Casleys Familie und ein paar Freunde. Die Regierung: der älteste Sohn Ian als Premier. Wayne, der Zweitgeborene, ist Außenminister.

Nains Sehenswürdigkeiten

Durch Vater Leonards Bauern-Adern strömt blaues Blut - er firmiert als Prince Leonard I. „Nun“, brummelt der Prinz heute zufrieden, „wir sind immer noch hier“, und lädt ein zum Staatsrundgang. Vorm Regierungssitz knattert die blaue Nationalflagge am Mast. „Sie wird jeden Morgen um 9 Uhr beim Fahnenappell hochgezogen“, erklärt der Prinz, „hier im Zentrum unserer Hauptstadt namens Nain.“ Deren Sehenswürdigkeiten sind die Gästetoilette, ein paar Traktoren, Beete, in denen mal Unkraut gejätet werden müsste, und der aufgebockte, verwitterte Wohnwagen. „Unser Gästehaus für Staatsbesuche.“ Schon erstaunlich, mit welcher Chuzpe dieser dauernuschelnde Prinzenrollen-Darsteller einen schnöden Farm-Innenhof als Kapitale seines Bonsai-Staates inszeniert. Natürlich hat er seinen Autos eigene Hutt-River-Province-Kennzeichen und den Untertanen eine Art Staatsreligion verpasst, mit royaler Kapelle. Pure Ironie? Von wegen! His Royal Highness meint das alles sehr ernst. Casley verkauft längst wenig Weizen und stattdessen viele Staatsbürgerschaften - für 500 Euro pro Stück. Fast 20 000 Menschen weltweit haben heute diese „Overseas Citizenship“, die international als „Fantasie-Pass“ gilt und noch nicht mal dazu berechtigt, sich im Hutt-River-Fürstentum niederzulassen.

Egal, vielen reicht ohnehin der Kurzbesuch. Inzwischen kommen etwa 30 000 Besucher jährlich. Von Wohnmobilisten bis Reisebusse - alle biegen für die Audienz von der Küstenstraße „North Western Coastal Highway“ ab und rumpeln eine Stunde lang über staubige, rote Schotterpisten durchs Farmtor vors Regierungspostamt. Jeder will hier die blaue Mauritius in den Pass - das Hutt-River-Visum, wofür der Prinz ebenfalls kassiert. Die nächsten Münzen sind dann für Briefmarken fällig, denn eine Postkarte aus diesem Operettenstaat eine originelle Überraschung für die Lieben daheim. Und die australische Regierung? Hat amtlich erklärt, Hutt River sei nicht unabhängig, sondern eine zu Australien gehörende Farm. Die aber - das kann auch die Regierung nicht leugnen - schon lange keine Steuern mehr zahlt. Grund für so viel Nachsicht: Western Australia möchte touristisch aufschließen zu Zielen wie Queensland und New South Wales im Osten, hat aber außer einer wenig erschlossenen Traumküste und steinigen Naturwundern noch nicht viel zu bieten. Als Besucher-Magnet kommt His Royal Verschrobenheit daher gerade recht, denn wer in sein Fürstentum fährt, so das Kalkül, der lässt Geld hier: beim Übernachten, Essen und Tanken.

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