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Australien Im Rausch der Tiefe

Von Marc Vorsatz aus Cairns 

Das Great Barrier Reef in Australien ist ein Tauchrevier der Superlative. Wer mit einem Schiff auf Tour geht, wird garantiert Großfischen begegnen.

Eindrucksvoll leuchtet ein roter Federstern am Pinnacle. Berührungen mit den Armen sollten allerdings besser vermieden werden. Foto: Vorsatz
Eindrucksvoll leuchtet ein roter Federstern am Pinnacle. Berührungen mit den Armen sollten allerdings besser vermieden werden. Foto: Vorsatz

Cairns - Minky! Minky!“, ruft Carole völlig aufgekratzt. „Minkwal auf 10 Uhr.“ Also doch noch! Das Schicksal meint es gut mit den Tauchern. Der letzte Tag auf der „Spirit of Freedom“ und die Gruppe sieht genau das, weshalb sie einmal um die halbe Welt gedüst ist: Wunderschöne, blauschwarz schimmernde Zwergwale. Blitzschnell schlüpfen Taucher und Schnorchler in ihre Neoprenanzüge und hechten aufgeregt ins Wasser. Dabei fing ihre Tour drei Tage zuvor doch recht gelassen und entspannt an. Richtig australisch eben. Es ist später Vormittag in Cairns am Hafen. Die Urlauber checken nach und nach ein auf ihrem Tauchschiff. Der erste Eindruck zählt, und die „Spirit of Freedom“ wirkt einladend und vertrauenerweckend. Ihre junge Crew auch und sie ist noch freundlich dazu. Das ist wichtig, schließlich soll es richtig weit rausgehen aufs Meer, bis an die Außenkante des Great Barrier Reef, wo sich der australische Kontinentalsockel in den Tiefen des Meeres verliert.

Beim gemeinsamen Mittagessen auf See machen sich alle miteinander bekannt. Sowohl Mannschaft als auch Gäste sind ein bunter Haufen aus Australien, Neuseeland, England, Frankreich, Deutschland, Kanada, aus den USA und von den Philippinen. Dann geht es 220 Kilometer in Richtung Nordost bis zu den spektakulärsten Tauchspots des Great Barrier Reef. Aus der Kombüse duftet es schon verführerisch nach gebratenen Lammkoteletts. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, besonders auf einem Schiff. Die Kojen im Unterdeck sind dagegen recht funktional. Kein Fenster, kein Bullauge, die schmalen Betten in Armlänge übereinander angeschraubt. Nicht jedermanns Sache. Wie geräumig und luftig die Ocean View Cabins im Oberdeck dagegen doch sind!

Ein Rausch an Farbe und Form

Nach einer ruhigen Nacht ankert das elegante Schiff bei Sonnenaufgang vor Pixie’s Pinnacle am Ribbon Reef 9. Das Abenteuer beginnt, mit dem Eintauchen befinden sich die Froschmänner neben einem Schwarm ausgewachsener Barrakudas. Regungslos werden sie von gut 40 Augenpaaren angestarrt. Nach dem ersten Schreck lassen sich die Abenteurer einfach durchsacken, hinein in eine Wolke aus kleinen, pinkfarbenen Königs-Feenbarschen, dann weiter hinab an dieser Säule aus Kalk, die dem Tauchplatz seinen Namen gab und die über und über mit Stein- und Fächerkorallen bewachsen ist.

Ein Rausch an Farbe und Form, der schlichtweg die Sinne überfordert. Überall herrscht Leben in schier unendlicher Vielfalt. Ein giftiger Rotfeuerfisch kreuzt gemächlich durchs Revier. Er zeigt absolut keine Angst. Muss er auch nicht, selbst Haie machen lieber einen großen Bogen um ihn. Und die Taucher sowieso. Aber: Weit und breit ist kein Minkwal in Sicht. Beim nächsten Tauchgang ein paar Seemeilen weiter nordwärts wartet ein kleines Wunderwerk der Natur auf seine Entdeckung. In einer geschützten Felsspalte liegt eine weit geöffnete, handgroße Muschel. Das Innere der sogenannten Disco Clam leuchtet purpurn im Schein der Xenon-Lampen. Doch das ist nicht alles. Sie scheint zudem stroboskopartige Blitze auszusenden, die an ein Überspringen von Hochspannung zwischen elektrischen Polen erinnern. Nie zuvor haben die Hobbytaucher etwas Vergleichbares gesehen, und selbst die professionellen Guides freuen jedes Mal wie kleine Kinder.

Dieser Anblick gehört sicher zu den Höhepunkten im Leben eines jeden Tauchers. Die physikalische Erklärung indes liest sich recht nüchtern: Es sind einfach nur spezielle Zellen im Muschelgewebe, die das Licht der Hochleistungslampen so spektakulär reflektieren. Dann der Nachttauchgang: immer etwas Besonderes, immer etwas Unheimliches. Schon von Bord aus sind Hunderte, ja vielleicht sogar Tausende Stachelmakrelen auszumachen, die in wilder Hatz das Heckwasser durchpflügen. Die starken Scheinwerfer am Tauchdeck haben die armlangen Fische, auf englisch Giant Trevallys genannt, angelockt. Und dann springen Taucher und Schnorchler mitten hinein in das Getümmel. Das kostet Überwindung, aber die Menschen scheinen die blitzschnellen Räuber nicht im Geringsten zu stören.

Ganz nah, auf Maskenhöhe

Ganz im Gegenteil, denn jetzt nutzen die Jäger sogar noch das Licht der Unterwasserlampen, folgen den menschlichen Eindringlingen sogar bis in die Tiefe und schnappen sich direkt vor deren Augen wieder und wieder kleine Fische als Mitternachtsimbiss. Andere Tiere schlafen derweil lieber. In einer Grotte liegt ein ungewöhnlich großer Weißspitzenriffhai und hält sein Nickerchen. Den will aber dann doch lieber niemand wecken. Am nächsten Morgen ankert die „Spirit of Freedom“ am vielleicht berühmtesten Tauchspot von ganz Australien, dem Cod Hole, wo schon zentnerschwere Zackenbarsche warten. Kein Wunder, schließlich werden die Potato Cods seit zwei Jahrzehnten an genau dieser sandigen Stelle von Tauchern angefüttert. Wenig später beginnt das große Fressen, die Kolosse umkreisen die Gruppe und schnappen sich die Leckerbissen.

Ganz nah, auf Maskenhöhe. So eine reich gedeckte Tafel lässt sich aber auch leider unmöglich vor der lästigen Konkurrenz verbergen, und schon fordern andere Schwergewichte vehement ihren Anteil ein. Kapitale Napoleon-Lippfische mischen die Runde kräftig auf. Nach dem letzten Bissen heißt es auch schon wieder auftauchen. Und als die Taucher gerade unter der heißen Dusche stehen, hören sie Dive-Guide Carole völlig aufgekratzt rufen: „Minky! Minky! Minkwal auf 10 Uhr.“ Wie auf Kommando schlüpfen alle in ihre Neoprenanzüge, schnappen sich einen Schnorchel, springen kollektiv zurück ins Wasser und warten ab. Das ist wichtig, denn schwimmt man den Zwergwalen hinterher, verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen. Verharrt man einfach regungslos am Tau, kommen sie irgendwann.

Mit etwas Glück. Denn Minkwale sind zwar recht vorsichtig, aber andererseits auch extrem neugierig. Diese Neugier müssen unzählige Tiere auch heute noch auf allen Weltmeeren mit ihrem Leben bezahlen - Walfang-Moratorien hin oder her. Am australischen Great Barrier Reef stehen die sanften Meeressäuger dagegen unter strengem Schutz. Dann passiert es: Wie aus dem Nichts heraus schwimmt ein Minkwal von links in die Szenerie und zieht gemächlich seine Bahn, gleich einem U-Boot. Schon folgt ein zweiter, noch größerer, bestimmt an die sechs Meter lang und gut drei Tonnen schwer. Wie winzig und fragil die Schnorchler doch dagegen sind.

Der Große will es ganz genau wissen und kommt bis auf einen Flossenschlag heran. Mit seinen friedlichen Augen scheint er jeden einzelnen Taucher zu begrüßen. Was für ein überwältigender Anblick. Und was für ein Privileg! Kann man so eine Begegnung noch toppen? Nein, nicht wirklich.

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