Auswanderer in Neuseeland „Magischer“ Weinort statt Stuttgarter Westen

Thomas Röckinger hat Neuseeland zur neuen Heimat gemacht. Foto: Colombo/Thomas Röckinger

Thomas Röckinger lernt in Stuttgart und Umgebung alles, was man über Weine wissen muss. Dann geht er nach Neuseeland, um weitere Erfahrungen zu sammeln – und kommt nur vorübergehend zurück. Wie lebt es sich am anderen Ende der Welt?

Stuttgart/Martinborough - Wenn Thomas Röckinger morgens das Haus verlässt, dann sind da Weinberge, so weit das Auge reicht. Wenn der gebürtige Pforzheimer abends ins Bett geht, hat ein Teil seiner Familie im Südwesten Deutschlands den Arbeitstag noch vor sich. Und wenn bei Röckinger Sommer ist, dann holen die Menschen dort, wo der 36-Jährige einst lebte, die Winterjacken aus dem Keller.

 

Vor etwa zehn Jahren, nach seiner Ausbildung beim Weingut Herzog von Württemberg, stieg Röckinger in den Flieger nach Neuseeland, um wie jeder junge Winzer Erfahrungen zu sammeln. Zuvor hatte er am Mönchberg in Untertürkheim, an der Lage Stettener Brotwasser, die für den besten Riesling des Landes bekannt ist, am Mundelsheimer Käsberg und auf Schloss Monrepos, wo das Weingut seit 1982 seinen Sitz hat, alles gelernt, was man über das Weinhandwerk wissen muss. Während dieser Zeit wohnte er im Stuttgarter Westen.

Bruder schwärmt von Kiwiland

Röckinger entschied sich für das Land der Kiwis, weil sein Bruder so von dem Inselstaat im südlichen Pazifik schwärmte. Christoph Röckinger war als Tourist in Neuseeland gewesen und hatte dort den deutschen Winzer Kai Schubert kennengelernt, der ein Weingut in Martinborough betreibt, einer kleinen Stadt auf der Nordinsel. „Christoph hat geschwärmt – vom Wein, von den Menschen“, erzählt Röckinger. Und so kam es, dass Thomas Röckinger mehrere Bewerbungen ans andere Ende der Welt schickte, alle in den besagten Ort, in dem es mehr als 20 Weingüter gibt. Kai Schubert hatte zwar keinen Bedarf, beim Martinborough Vineyard fand der frisch gebackene Winzer aber eine Stelle. Röckinger wurde als „cellar hand“ angestellt, „übersetzt man das, bedeutet es ‚Aushilfskraft im Weinkeller‘“, erklärt er. Röckingers heutige Frau Nicola, studierte Buchhalterin, arbeitete ebenfalls auf diesem Weingut, im „Finance Team“. Und so kam es, dass Röckinger nicht nur vier Monate in Neuseeland blieb, sondern seine Zeit spontan verlängerte.

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Zwischenstopp in Hawks Bay

Ende 2012 gingen die beiden gemeinsam nach Europa. Sie nach London, er nach Weinsberg im Kreis Heilbronn, um dort für weitere zwei Jahre eine Fortbildung zum staatlich geprüften Techniker zu machen. 2015 traf das Paar die Entscheidung, zurück nach Neussland zu gehen. Nach kurzem Zwischenstopp in Hawks Bay, wo er wieder als „cellar hand“ auf einem Weingut arbeitete, ging das Paar Ende 2016 nach Martinborough zurück. Für Röckinger hat der für seinen Pinot Noir bekannte Ort etwas „Magisches“, weil „viel Wein auf einer kleinen Fläche zusammenkommt“.

Seit drei Jahren sind der Winzer und seine Frau im Besitz eines eigenen Weinguts namens Colombo, das sich stetig vergrößert und mittlerweile für seine Pizzen bekannt ist. Denn Teil des Weinguts ist nicht nur ein Verkaufsraum, sondern auch ein Restaurant, das dank „zwei waschechter italienischer Köche einen exzellenten Ruf“ genießt.

Keine Backpacker wegen Corona

Wenn Verkauf und Gastronomie an den Wochenenden geöffnet haben, packt Röckinger hier mit an. Die Montage sind ausschließlich für die Familie reserviert, das ist dem Vater zweier Mädchen, ein und drei Jahre alt, wichtig. An den restlichen Wochentagen fallen ja nach Saison ganz unterschiedliche Aufgaben an: Mähen oder Pflanzenschutz; wenn Ende Februar die Lese beginnt, verbringt Röckinger viel Zeit im Weinkeller. Nach dem Rebschnitt bleibt auch mal Zeit zum Zurücklehnen. „Dann macht der Weinberg für drei bis vier Monate Pause, bevor er im September wieder austreibt“.

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Neben Röckinger selbst arbeiten drei Festangestellte im Weinberg. Saisonarbeiter aus dem Ausland oder Backpacker, die sich mit der Arbeit im Vineyard ihre Reise finanzieren, sind wegen Corona kaum mehr verfügbar. „Wir machen also recht viel selbst, das ist nicht immer einfach.“

Plätze im Quarantänehotel begrenzt

Dass Neuseeland die Grenzen dichtgemacht hat, betrifft Röckinger nicht nur beruflich, sondern auch privat. Seine Eltern und seine fünf Geschwister hat der Wahl-Neuseeländer seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. „Meine ganze Familie kennt unsere Zweitgeborene nur aus Videocalls. Für die Oma ist das besonders schwer.“

Röckinger dürfte zwar nach einer Reise nach Deutschland wieder nach Neuseeland einreisen, weil er eine Daueraufenthaltserlaubnis hat, müsste dann aber 14 Tage ins Quarantänehotel. Und weil mehr Leute zurückwollen, als es Betten gibt, „muss man da erst mal einen Platz bekommen“.

Er hofft jetzt, dass geimpfte und negativ getestete Touristen – wie angekündigt – tatsächlich von Ende April an wieder einreisen dürfen und seine Familie ihn besuchen kann. Er plant mit seiner Frau und seinen Kindern im Juni oder Juli eine Reise nach Deutschland. Sommer gegen Winter und Abend gegen Morgen will der Pforzheimer aber nicht mehr eintauschen. „Wir haben kein Bedürfnis, für immer nach Deutschland zurückzukehren.“

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