Auswilderung Wildrinder wieder im Wald

Der Wisent ist Europas größtes und schwerstes Landsäugetier. Foto: dpa
Der Wisent ist Europas größtes und schwerstes Landsäugetier. Foto: dpa

Im 20. Jahrhundert wären sie fast ausgestorben: die großen, zotteligen Wisente. Am heutigen Donnerstag werden acht Tiere in einem Wald im Rothaargebirge ausgesetzt. Eine Gefahr für Radler und Wanderer bestehe nicht, sagen die Projektmitarbeiter.

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Stuttgart - Sie werden bis zu 1,90 Meter groß und 900 Kilogramm schwer, haben ein zotteliges Fell mit gebogenen Hörnern und waren in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert ausgestorben: die Wisente. Jetzt kehrt Europas größtes Landsäugetier zurück. Unbeschränkt von Zäunen und Gattern streift von Donnerstag an eine acht Tiere große Herde durch das Rothaargebirge nördlich von Bad Berleburg im Südosten Nordrhein-Westfalens.

Die neue Heimat der Wildrinder liegt in den Wäldern von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, einem der größten Privatwaldbesitzer Deutschlands. Für die scheuen Wisente sind die Bedingungen ideal: Der Wald ist dünn besiedelt, nahezu unzerschnitten von Straßen und Wegen sowie immer wieder durchsetzt von Wiesen und anderen offenen Bereichen, auf die die Tiere als Grasfresser angewiesen sind – optimale Bedingungen für das Artenschutzprojekt, das das Land Nordrhein-Westfalen und das Bundesamt für Naturschutz (BfN) seit 2009 fördern. „Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Auswilderungsprojekt wichtig, weil die Wisente eine derzeit unbesetzte ökologische Nische der großen Gras- und Raufutterfresser im Wald einnehmen, die in Deutschland nach dem Aussterben des Wisents und des Auerochsen frei war“, sagt BfN-Artenschutzexperte Uwe Riecken.

Die Tiere sind drei Jahre lang vorbereitet worden

Dazu kommt eine globale Verantwortung für die Tierart: „Die Weltpopulation des Wisents ist nicht gesichert“, sagt Riecken. Rund 4400 Tiere sind in den Zuchtbüchern der Wissenschaftler erfasst. Bedroht ist der weltweite Bestand des Wisents vor allem durch den Verlust genetischer Variabilität. „Die Erhaltungszucht des Wisents, die die Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents mit Beginn des 20. Jahrhunderts startete, basiert auf der genetischen Basis von nur fünf Bullen und sieben Kühen“, sagt Riecken. Das hat zu einer genetischen Verarmung geführt, mit der Gefahr, dass sich die Tiere nicht mehr so gut an verändernde Umweltbedingungen anpassen können. Zudem seien die Wisente dadurch weniger resistent gegenüber Krankheiten und Parasiten und ihre Fortpflanzungsfähigkeit sei nicht mehr so hoch. Deshalb, so der BfN-Experte, sei jede neu begründete Wisentgruppe ein weiterer Schritt zur Sicherung des Fortbestands der Zotteltiere.

Die acht Tiere, die der Trägerverein Wisent-Welt-Wittgenstein aus Gehegen und Wildparks eingesammelt hat, wurden in einem 88 Hektar großen Gehege drei Jahre lang auf ihre Freiheit vorbereitet. Parallel untersuchten Wissenschaftler, wie die Wisente ihre natürliche Umgebung verändern. Die Folgen, das weiß man jetzt, sind für das Ökosystem nicht gravierend: „Der Wisent wird die Landschaft nur minimal verändern“, sagt Riecken. Stürme wie der Orkan Kyrill im Januar 2007 hätten die Landschaft sehr viel stärker geprägt.

In Forschungsvorhaben haben Forstwissenschaftler der Universität Göttingen beispielsweise festgestellt, dass die Wisente kaum Schäden an den Bäumen anrichten. „Es gibt keinen starken Verbiss von Jungtrieben an den Bäumen, und die Naturverjüngung bei Buchen und Fichten ist unverändert hoch“, sagt Johannes Röhl, Vorstandsmitglied des Trägervereins und als Forstdirektor für die Wirtschaftlichkeit der Privatwälder des Prinzen zuständig.

Den Dungkäfern wird es gefallen

Zudem könnte der Wisent in die Rolle des Landschaftspflegers schlüpfen. Rüdiger Wittig von der Universität Frankfurt hat bei seinen Analysen festgestellt, dass Wisente neben Gräsern beispielsweise bevorzugt Himbeerpflanzen fressen. „Damit können Wiesen, die ohne eine menschliche Nutzung verbuschen würden, durch die Weidetiere offen gehalten werden“, sagt der Vegetationsökologe. Das hilft beispielsweise seltenen Orchideenarten, die im Wald auf Licht angewiesen sind. Die Befürchtung, dass die schweren Tiere mit ihren Hufen unter Schutz stehende Biotope wie Borstgrasrasen oder sensible Quellbereiche zerstören, kann Wittig ausräumen: „Die Störungen sind nur minimal.“

Von den neuen Waldbewohnern profitieren zudem die Dungkäfer. Mehr als 19 Arten fanden die Forscher im Kot des Wisents, nur 14 in der normalen Losung von Hirsch, Reh & Co. Nutznießer der neuen Käfervielfalt wiederum sind Dachse und vor allem Fledermäuse, die auf große Insekten als Nahrung angewiesen sind.

Auf bis zu 20 bis 25 Exemplare soll die Wisentherde im Rothaargebirge in den kommenden Jahren wachsen. Ganz sich selbst überlassen will man sie bei aller räumlichen Freiheit aber nicht. „Wir werden die Tiere weiterhin managen“, sagt Johannes Röhl. Zum einen haben die Wissenschaftler die Leitkuh mit einem Sender um den Hals ausgestattet, um über die Wanderungen informiert zu sein. Zum anderen werden die Tiere gegen Rinderkrankheiten wie die Blauzungenkrankheit und Herpes geimpft, um Ansteckungen von Hausrindern zu verhindern. Im Winter werden die Wisente außerdem mit Heu, Melasse und Rübenschnipseln zugefüttert. Das erleichtert ihnen nicht nur das Überleben in Freiheit, sondern stärkt die Standorttreue: „Die Tiere sind gerne bequem und bleiben in der Nähe der Fütterungsplätze“, sagt Röhl.

Gefahr von den Kolossen muss der Mensch deswegen kaum befürchten. „Wir haben drei Jahre lang Versuche gemacht, wie die Tiere auf Wanderer, Radfahrer oder Spaziergänger mit Hund reagieren“, sagt der Pressesprecher des Wisentprojekts, Michael Emmrich. Das Ergebnis: „Von den Tieren geht kein Risiko aus.“

Ist das Wisentprojekt im Rothaargebirge damit möglicherweise der Beginn weiterer Aussiedlungsaktionen in Deutschland? „Das Vorhaben kann Katalysator sein für die Wiederansiedlung von Wisenten in geeigneten vergleichbar genutzten Kulturlandschaften in Mittel- und Westeuropa“, meint Artenschutzexperte Riecken. Das könnten Mittelgebirgsregionen wie der Ostharz oder das Grenzgebirge zu Tschechien sein. Die Menschen im Rothaargebirge zumindest sind an den neuen Nachbarn sehr interessiert. Mehr als 20.000 Besucher haben seit dem Herbst 2012 ein kleines Schaugelände durchwandert, um sich Wisente näher anschauen zu können.

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