Auswüchse des Tourismus Wo Urlauber Unheil bringen

Am Strand von Cala Millor auf Mallorca kommen die Urlauber einander recht nahe. Foto: Hendrik Schwartz/Adobe Stock
Am Strand von Cala Millor auf Mallorca kommen die Urlauber einander recht nahe. Foto: Hendrik Schwartz/Adobe Stock

Wenn Einheimische keine Mietwohnung mehr finden und Kreuzfahrtschiffe Städte bedrohen, dann spricht man von Overtourism. Zur Eindämmung der Urlaubsmassen werden unterschiedliche Strategien entwickelt.

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Stuttgart - Neulich hat der „Münchner Merkur“ den Schlagersänger Jürgen Drews interviewt, der des Öfteren als „König von Mallorca“ firmiert. „Wo steht die einstige Putzfraueninsel in Ihren Augen heute?“ Drews antwortete: „Sie ist ein Eldorado für Touristen, vor allem Arenal oder Cala Ratjada für Jugendliche, die feiern wollen.“ Demonstranten in der Inselhauptstadt Palma hingegen bekundeten vor Kurzem, dass sie sich „fremd in der eigenen Stadt“ fühlen. „Viele Mallorquiner finden keine Mietwohnung mehr, weil alles an Urlauber vermietet wird.“

Mehr als 1000 Kilometer östlich der spanischen Urlaubsinsel experimentiert die Stadtverwaltung von Florenz mit Wasserspritzern, damit auf Kirchentreppen nicht dauernd gepicknickt wird. Und im Süden Italiens will der Bürgermeister von Capri, Gianni De Martino, eine Zugangsbeschränkung für Touristen auf der Insel einführen: „Die Lage ist unerträglich geworden.“

Um zu verstehen, was in Reiseforen unter dem Terminus „Overtourism“ diskutiert wird – die Zerstörung des Urlaubsziels durch Massen von Urlaubern –, kann es sinnvoll sein, sich auf tropischen Inseln umzusehen, auf die sich sechs Tage pro Woche kaum ein Tourist verirrt. Am siebten Tag ankert das riesige Kreuzfahrtschiff im winzigen Hafen. Also werden Taxis für Einheimische illusorisch, auf dem Markt explodieren die Preise, und verglichen mit der grauen Rußwolke in Hafennähe wirkt der Feinstaub-Brennpunkt am Stuttgarter Neckartor plötzlich wie ein Luftkurort.

Politiker und Bürger fordern die Eindämmung des Kreuzfahrttourismus

Die mit Schweröl betriebenen Meeresungeheuer stehen denn auch im Zentrum der europäischen Overtourism-Debatte. Während in vielen Ländern Rußpartikelfilter für Autos längst Pflicht sind, stinken Kreuzfahrtschiffe unbehelligt von gesetzlichen Regeln. Als im vergangenen Jahr die „Harmony of the Seas“, das weltgrößte Kreuzfahrtschiff, in Barcelona zu ihrer Jungfernfahrt auslief, demonstrierte eine Umweltinitiative am Hafen, um den Pott für immer zu ver­abschieden. 2,7 Millionen Passagiere überfluteten 2016 die Anderthalb-Millionen-Einwohner-Stadt. Während die Einheimischen gegen Warteschlangen und halb nackte Sauftouristen demonstrieren, hat die Reederei MSC den Bau eines siebten Kreuzfahrtterminals angekündigt.

Auch in Italien fordern Bürger und Kommunalpolitiker die Eindämmung des Kreuzfahrttourismus: Die Bilder von Ruß speienden Stahlriesen vor venezianischen Kanälen haben zur Illustration des von Menschenfuß geschaffenen Monsters Massentourismus symbolischen Status erreicht. Über dem Wasser müffelt’s, unter Wasser setzen die Wellen den Fundamenten zu. Und die kleinen Dörfer im italienischen Staun- und Wanderparadies Cinque Terre fordern ein Rote-Ampel-System zur Begrenzung der Massen an Tagesausflüglern aus dem Schiffsbauch. Die Kreuzfahrtschiffe legen im nahe gelegenen Hafen von La Spezia an. Von dort aus karren an Sommertagen 30 Autobusse 1500 Kreuzfahrer in den Nationalpark entlang der malerischen Küste. Man schätzt in der laufenden Saison eine 30-prozentige Steigerung im Vergleich zum Vorjahr.

Airbnb verstärkt die negativen Folgen des Tourismus

Doch der aus den Fugen geratene Kreuzfahrttourismus ist nur ein Aspekt des Problems Overtourism, das sich aus mehreren Quellen speist. Die Einwohner Amsterdams beispielsweise leiden unter den massenhaft per Billigflieger herbeigekarrten Partytouristen. Hinzu kommt: Wenn manche Orte wegen moralischer Bedenken und Sicherheitsrisiken von Touristen gemieden werden, dann fließt der Strom der Lustreisenden eben woandershin. Und Luxusrefugien für wenige verknappen den Raum von vielen. Die wachsenden Mittelschichten in Schwellenländern wie Indien und China verstärken das Touristenaufkommen zusätzlich.

Aber während reiche Asiaten selbstverständlich dasselbe Recht auf einen Blick von der Rialtobrücke in Venedig genießen wie bayerische Rentner, stellt sich der Sachverhalt bei einer weiteren Quelle des modernen Massentourismus komplizierter dar: Sie heißt Airbnb. „Ich würde versuchen, Airbnb loszuwerden“, sagte die Autorin und Wahl-Venedigerin Donna Leon neulich dem „Tagesspiegel“.

Aus der Wohnungsteil-Plattform mit alternativem Anstrich ist längst ein globaler Tourismuskonzern geworden, der mitverantwortlich dafür ist, dass Mietwohnungen für Einheimische in touristischen Ballungsgebieten schwer zu ergattern und noch schwerer zu finanzieren sind. Bereits 2014 hat deshalb Amsterdam als erste europäische Sightseeing-Stadt mit Airbnb einen Vertrag geschlossen: Die Plattform wurde verpflichtet, für die Vermieter städtische Tourismusabgaben einzusammeln und abzuführen.

In Island sind die Besucherzahlen explodiert

Zweitens wurde 2016 vereinbart, dass Airbnb-Vermieter in Amsterdam in ihren Zimmern nicht öfter als an 60 Tagen im Jahr Touristen einquartieren dürfen. Auch auf Mallorca möchte man die Auswüchse des professionellen Mitwohn-Tourismus eindämmen, der gemeinsam mit Kreuzfahrtschiffen und Billigfliegern dazu führt, dass Tante-Emma-Läden zu Andenkenshops mutieren, Gemüsemärkte zu Eventzonen und Landschaften zu Müllkippen. 36,3 Millionen Ausländer haben im ersten Halbjahr 2017 Spanien besucht: 11,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und natürlich Rekord. Inzwischen wurden Leihwagen aus Protest mit Anti-Tourismus-Stickern beklebt. Graffiti fordern: „Tourist go home“.

Doch nicht nur Europas Süden leidet unter den Urlaubsmassen. In Island haben sich die Besucherzahlen innerhalb von sechs Jahren beinahe vervierfacht: Wurden 2010 noch 488 622 Besucher gezählt, so verzeichnete man 2016 bereits 1 792 201 Ankömmlinge per Flugzeug und Schiff. Die isländische Tourismusbehörde reagierte unlängst landestypisch kreativ: mit einer Art Online-Schwur für die Natur. Rund 27 000 Island-Fans haben im Netz den „Isländischen Eid“ abgelegt. Die Kernaussage: „Wenn ich neue Orte erkunde, hinterlasse ich sie so, wie ich sie vorgefunden habe.“ Mit Einwegflaschen auf Inseln ist dieses Ansinnen freilich nicht so leicht verwirklichbar.

Die UN hat 2017 zum Jahr des nachhaltigen Tourismus erklärt

Die UN-Generalversammlung jedenfalls hat das Jahr 2017 zum Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung erklärt. Dabei versteht sich von selbst: Tourismus, der wenigen kurzfristig nutzt, aber vielen mittelfristig schadet, bedeutet das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Die beginnt bei der bewussten Wahl des Zielortes. Wer sich, beispielsweise, von griechischer Kultur inspirieren lassen möchte, der wird über kurz oder lang um Griechenland nicht herumkommen. Aber wer sich im Urlaub am liebsten mit seinesgleichen betrinkt und dabei Dreck produziert, der kann dies ebenso gut zu Hause tun.

Aber es ist komplizierter: Exklusivtouristen mit prall gefüllter Reisekasse und Luxusfinca schlagen im Verbund mit gierigen Einheimischen gerne die Verbannung unterprivilegierter Urlauber zur Lösung des Problems Overtourism vor. Derart undemokratischen Ideen müsste man entgegnen: In diversen Villen wäre noch Platz übrig für ein paar Jungs vom Ballermann. Dann wär’s dort weniger voll.




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