Wenn er auf der Bühne steht, verspricht er „eine aberwitzige Reise durch die Skurrilitäten des Alltags“. Und er lockt sein Publikum gern auf falsche Fährten, um am Ende mit Pointen zu überraschen, mit denen keiner gerechnet hat. Das hat dem Kabarettisten und Comedian Link Michel viel Beifall und so manche Auszeichnung eingetragen. Michael Klink, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, hat sich „als schwäbische Schwertgosch“ aus dem Neuffener Tal einen Namen gemacht – und er witzelt bewusst auf Schwäbisch. Das gelingt ihm so virtuos, dass er dafür mit dem renommierten Sebastian Blau Preis ausgezeichnet wurde. Im Gespräch mit unserer Zeitung plaudert Link Michel über seine Arbeit, seine Auszeichnung – und über die Rolle der Mundart.
Herr Klink, Glückwunsch zum Sebastian Blau Preis. Die Jury befand, Link Michel „müsste erfunden werden, wenn es ihn nicht schon gäbe, denn er versteht es, als Kabarettist wie er im Buche steht von seiner ganz persönlichen Welt so zu erzählen, als ginge sie uns alle an, sodass es niemanden wundert, wenn man sich selbst darin wiederfindet“. Was bedeutet Ihnen solches Lob?
Das ist eine große Auszeichnung, schließlich wird der Sebastian Blau Preis nur alle acht Jahre vergeben. Da hat man in einem Künstlerleben nicht allzu häufig Gelegenheit, diesen Preis zu bekommen. Er ist gut fürs Renommee, und es gibt auch ein Preisgeld, wobei ich fürchte, dass das von meiner Frau und meinen Töchtern schon kurz nach der Verleihung verplant wurde. Ich bin seit fast 30 Jahren im Geschäft, und trotzdem hat man als Künstler immer Zweifel. Die sind auch wichtig, weil wohl dosierte Zweifel auch als Antrieb funktionieren und helfen können, dass man nicht stillsteht, sich immer weiter entwickelt und lernt. Der Preis ist Anerkennung für Geleistetes und entschärft die Zweifel ein wenig.
Der Sebastian Blau Preis soll helfen, „den Stellenwert der schwäbischen Dialektformen in der Gesellschaft zu manifestieren“. Ist das wirklich nötig?
Weite Teile der Politikerwelt in Baden-Württemberg und viele Medienschaffende erklären, wir müssten mehr für den Dialekt tun. Und dann höre ich beim Radio rein und stelle fest, dass höchstens zwei Prozent des Programms Dialekt sind. Der Rest könnte genau so gut im BR oder im WDR laufen. Ich glaube, dass der Dialekt nur zu retten ist, wenn es gelingt, ihn in die Moderne zu übertragen. Man muss den Dialekt modern präsentieren, damit er in die Zeit passt. Das heißt nicht, dass man hinterwäldlerisch wirken muss. Ich mache moderne Comedy im Dialekt, um zu zeigen, dass man auch auf Schwäbisch relativ clever Programm machen kann.
Könnte der Preis helfen, den Marktanteil des Schwäbischen zu erhöhen?
Das wage ich nicht zu hoffen. Ein großer Rundfunksender reagiert so langsam wie ein großer Tanker. Bis die auf der Kommandobrücke merken, dass sich die Strömung ändert, ist sie schon wieder anders. Bei mir hat sich nach der Auszeichnung niemand vom SWR gemeldet. Das sagt ja schon einiges.
Sind die Hörerinnen und Hörer vielleicht weiter, als die Sender manchmal glauben? Bei der Hörer-Hitparade auf SWR1 gab’s einige schwäbische Titel ...
Das sollte man nicht überbewerten. Häufig gewinnt „Bohemian Rhapsody“ von Queen, und trotzdem hört man diesen Titel übers Jahr so gut wie nie im Radio, weil er zu lang ist. Heute soll ein rundfunktaugliches Lied nicht länger als 3,20 Minuten sein. Alles muss heute schnell, schnell, schnell gehen. Dieser Drang zu kurzen Schnitten wirkt sich auch auf die Comedy aus. Leute wie Heinz Erhardt oder Loriot hatten noch Zeit, zwei Minuten lang auf eine Pointe hinzuführen. Dann kam die Pointe, und dann wurde gelacht. Diese Zeit hat man heute nicht mehr. Da musst du mit jeder Pointe bereits auf die nächste Pointe hinführen. Und das geht dann manchmal zu Lasten der Inhalte.
Wenn Schwaben in Funk oder Fernsehen auftauchen, dann meist als Dödel ...
Das ist ein Problem. Wenn man die Schwäbin nur im Kittelschurz und den Schwaben nur mit zerknautschtem Hütle auf dem Traktor zeigt, mag das bei gewissen Leuten gut ankommen – die Jungen kriegt man so nicht. Oft müssen die Schwaben leicht debile, verschrobene Typen spielen. Da fallen mir einige Krimiserien ein. Hinzu kommt, dass viele, die dort Schwäbisch sprechen, gar keine Schwaben sind. Die werden von überallher gecastet und reden so, dass sich’s für Schwaben falsch anhört. Das Äußerste, was man uns zugesteht, ist eine Art Bauernschläue.
Und wie ist der Schwabe wirklich?
Genau wie der Bayer, der Hamburger, der Sachse und all die anderen – nur dass man die meist ganz anders zeichnet. Ich halte auch den Hamburgern zugute, dass sie ab und an ihr Treppenhaus putzen, nur dass sie das nicht „Kehrwoche“ nennen. Bei uns gilt so etwas gleich als Zeichen für Borniertheit.
Wird der Sebastian Blau Preis Ihre Arbeit auf der Bühne verändern?
Ich werde nichts anderes machen als bisher, weil ich den Preis dafür bekommen habe, dass ich so bin, wie ich bin. Ich sehe ihn eher als Motivation, genau so weiterzumachen.
Link Michel und seine Auszeichnung
Der Kabarettist
Er kam 1968 als Michael Klink in Nürtingen zur Welt, doch mittlerweile kennen ihn die meisten nur unter seinem Künstlernamen Link Michel. Das Menschliche und das Allzumenschliche nimmt er in seinen Programmen mit schwäbischer Schwertgosch und einer gehörigen Portion Selbstironie aufs Korn. Das hat ihm schon so manche Auszeichnung eingebracht – unter anderem den Stuttgarter Besen und den Bonndorfer Löwen. In Esslingen ist Link Michel in schöner Regelmäßigkeit im Kabarett der Galgenstricke zu Gast – das nächste Mal am 11. Januar mit seinem Programm „Jetzt Hammer den Salat“, das vom 20. bis 22. Dezember im Zehntkeller in Neuffen erstmals zu sehen ist.
Der Preis
Der Sebastian Blau Preis für schwäbische Mundart wird seit 2002 im Gedenken an den schwäbischen Dialektdichter verliehen. Erklärtes Ziel ist es, „den Stellenwert der schwäbischen Dialektformen in der Gesellschaft zu manifestieren“. Der Namensgeber dieser Auszeichnung heißt mit bürgerlichem Namen Josef Eberle und war in der Weimarer Republik Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk, ehe er 1933 aus politischen Gründen entlassen und später im Konzentrationslager Heuberg inhaftiert wurde. Nach dem Krieg war Eberle Gründer und Verleger der Stuttgarter Zeitung. Unter seinem Autorennamen Sebastian Blau wurde Josef Eberle als „wohl größter schwäbischer Dialektdichter“ gefeiert.