Auszeichnung Nobelpreis geht an Tomas Tranströmer

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Tomas Tranströmer Foto: SCANPIX SWEDEN

Es ist eine Überraschung: Der Nobelpreis für Literatur geht an den 80-jährigen Lyriker Tomas Tranströmer - ein Mann ohne politische Meriten.

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Stockholm - Man hat es kaum mehr für möglich gehalten, dass der Literaturnobelpreis einmal nicht nach den Maßstäben der Gesinnungsethik und politischen Korrektheit vergeben wird, sondern allein nach ästhetischen Kriterien. Und doch ist dieses Wunder nun geschehen: der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer ist ausgezeichnet worden – seit vielen Jahren erstmals ein Autor, der keine politischen Meriten vorzuweisen hat, keine empörungsbereiten Statements zur Weltklage zirkulieren lässt, sondern einfach nur Gedichte schreibt, die uns im tiefsten Inneren berühren. In der Begründung der Akademie hieß es etwas schlicht, Tranströmer habe den Preis bekommen, weil er „uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist.“ Es ist eine Wirklichkeit, die nicht an ihrer politischen Oberfläche, sondern in ihren metaphysischen Dimensionen illuminiert wird.

Tranströmer, mittlerweile achtzig Jahre alt, ist kein Poet des Engagements, der politische Begriffe oder Reizwörter in gesellschaftskritische Verse presst, sondern ein stiller Mystiker, der in den unscheinbaren Gegenständen des Alltags und den einfachsten Phänomenen der Natur die Geheimnisse unserer Existenz aufspürt. Gerade mal zweihundert Gedichte und ein paar Kindheitsskizzen hat er in sechzig Jahren verfasst – und in diesen intensiven Versen hat sich Tranströmer von einer erzählerischen, an surrealistischen Bildern reichen Metaphorik zu einer asketischen Kargheit der Mitteilung vorgearbeitet. Wo seine Kollegen hundert Wörter für die Evokation einer Erfahrung benötigen, beschränkt er sich auf fünf oder sechs lakonisch gefügte Vokabeln, um die Dinge ins Schweben zu bringen.

Schwelle des Todes

Seine späten Gedichte nähern sich mit wenigen knappen Strichen einer elementaren Grenzlinie, der Schwelle des Todes, an der die Wahrheiten des Lebens erst kenntlich werden. In einem Gedicht des Bandes „Das große Rätsel“ (deutsch 2005), das wie alle Tranströmer-Texte von seinem kongenialen Übersetzer Hanns Grössel übertragen worden ist, blicken wir durch ein alltägliches Setting hindurch in eine mythische Tiefe. Der Gedichttitel „Adlerfels“ ruft die mythische Gestalt des Prometheus auf, der den Göttervater Zeus überlisten will, dann aber im Kaukasus an einen Felsen geschmiedet wird, wo ihm ein Adler die Leber zerfrisst. Ein Bild des Leids also, der Tortur, der Qual. Was macht Tranströmer daraus? Ein Bild der unheimlichen Stille und Reglosigkeit, der erstarrten Existenz. Die bewegungslos verharrenden Reptile. Dann die schlichte Szene mit einer Frau, die Wäsche aufhängt – und schon rückt der Tod heran. Die dritte Strophe formuliert dann eine Unio-Mystica-Erfahrung: Die Seele gleitet sowohl in die Höhe wie in die Tiefe, zwischen Himmel und Erde. Es sind solche Bilder einer metaphysischen Allverbundenheit, mit denen Tranströmer seine Leser fasziniert.

Tomas Tranströmer wurde 1931 in Stockholm geboren und ging in die Södra Latin, die angesehenste Schule in der schwedischen Hauptstadt. Seine Einweihung in die Kunst vollzog sich im Lateinunterricht, wo ihn die Übersetzung von Horaz-Versen beschäftigte. Danach studierte er Literaturwissenschaften und Psychologie, arbeitete als Psychologe an einer Jugendstrafanstalt, bevor er sich 1965 in die schwedische Provinz zurückzog, um dort scheinbar profan als Berufsberater in den Arbeitsämtern schwedischer Kleinstädte tätig zu sein. Damals war er in Schweden schon ein berühmter Poet, da er 1954 mit seinem Debütband „17 dikter“ („17 Gedichte“) die literarische Welt auf den Kopf gestellt hatte. Zu den wenigen Maximen, die von diesem diskreten Dichter überliefert sind, gehört der Satz: „Das Entscheidende ist die Vision.“ Und diese Visionen verstecken sich bei Tranströmer in scheinbar beiläufigen Mitteilungen und zarten Momentaufnahmen.

Ein Gedicht wie ein Bahnknotenpunkt

Im deutschen Sprachraum war es zuerst die Dichterin Nelly Sachs, die erste Hinweise auf diesen schwedischen Mystiker gab. In einem Berliner Literaturgespräch im Jahr 1968 sah sich Tranströmer zu einer seiner raren poetologischen Erklärungen veranlasst: „Ich sehe ein Gedicht nicht als eine Erklärung, sondern als eine neue Perzeptions- und Kommunikationsweise. Wie in einem Bahnknotenpunkt, wo sich die Züge aus allen Richtungen treffen, gibt ein Gedicht plötzlich einen neuen Kommunikationsknotenpunkt, von dem aus die Wirklichkeit zwar nicht erklärt, aber in einer neuen Beobachtung gezeigt wird.“ An den Knotenpunkten von Tranströmers Gedichten überkreuzen und überlagern sich immer wieder die Szenarien des Alltags mit Traumbildern und Zeichen einer Daseinsverlorenheit. Dieses Weltgefühl einer Verlorenheit kann sich auch in suggestiven Naturbildern niederschlagen, wenn er etwa im Band „Ostsee“ die Bewegungen der Wellen und des Lichts festhält und die Menschen vergegenwärtigt, die nahe der Gewässer leben. Die „Vision“ kann sich aber auch als Flaschenpost aus dem Reich der Toten manifestieren. Das Flüstern der Toten wird zu einem mächtigen Chor, der dem diskreten Visionär den Weg weist. Tranströmer ist als Dichter auch ein Hadeswanderer, der uns mit einer „Trauergondel“ zu den Schatten geleitet.

Es hat lange gedauert, bis dem in fünfzig Sprachen übersetzten Weltpoeten Tomas Tranströmer auch im deutschen Sprachraum die Anerkennung zuteil wurde, die er verdient. Seit dreißig Jahren erscheint sein schmales Werk im Carl Hanser Verlag. Vor zwanzig Jahren hat der Dichter einen schweren Schlaganfall erlitten, der sein Sprachvermögen stark beeinträchtigt hat. Mit Hilfe seiner Ehefrau Monica Tranströmer konnte er aber in den vergangenen Jahren wieder aus dem erzwungenen Schweigen heraustreten. So begegnete man ihm etwa beim Münsteraner Lyrikertreffen 2009 in ungebrochener Präsenz. „Doch in einem dunklen Tunnel“, heißt es in einem „Epigramm“ des Dichters, „entfaltete er seine Flügel/und flog, wenn keiner zusah. Er muss sein Leben nochmals leben.“




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