150. Geburtstag Thomas Mann Eine Stadt feiert ihren Schriftsteller und den Umbruch
Vor 150 Jahren wurde Thomas Mann in Lübeck geboren. Die Hansestadt gedenkt des Autors und Demokraten an vielen Orten. Ein Besuch.
Vor 150 Jahren wurde Thomas Mann in Lübeck geboren. Die Hansestadt gedenkt des Autors und Demokraten an vielen Orten. Ein Besuch.
Man erkennt es sofort. Egal, woher man kommt, ob von der Trave oder vom Rathausplatz, ob man sich auf der Breiten Straße befindet oder schon auf der Mengstraße läuft: jeder Thomas-Mann-Leser weiß, das ist das Buddenbrookhaus. Die hohen Fenster, die weiße Rokokofassade mit den vornehmen Verzierungen, ja, das muss es sein. Man bleibt gegenüber stehen, schaut, staunt, fotografiert und dann möchte man endlich hinein. Doch die mächtige Eingangstür lässt sich nicht öffnen. Falscher Tag, falsche Uhrzeit? Nein. Das Buddenbrookhaus ist geschlossen. Dauerhaft. Ein Anschlag auf der Tür verweist auf die Jubiläumsausstellung zum 150. Geburtstag des Schriftstellers im fußläufig entfernten St. Annen-Museum. Zwei Touristinnen wirken ratlos, die eine sagt: „Ich dachte, dass das Buddenbrookhaus schon längst wieder geöffnet hat.“ Die andere zuckt mit den Schultern und schaut dann, ob das Handy etwas weiß.
Tatsächlich zieht sich die Renovierung in die Länge. Da das alte Museum zu klein geworden ist, wurde unter anderem durch die Kulturstiftung Hansestadt Lübeck entschieden, dass auch das Nachbargrundstück miterschlossen werden soll. Der Bund hat das Gebäude Mengstraße 6 angekauft, sodass das neue Buddenbrookhaus seine Fläche verdoppeln kann. Die archäologischen Untersuchungen erwiesen sich jedoch als schwierig und umfangreich. Seit 2020 ist das Haus nun schon geschlossen, ursprünglich sollte es 2027 wieder eröffnen, im Moment geht man vom Jahr 2030 aus.
Das berühmte Museum ist nicht das einzige Gebäude, das in der altehrwürdigen Hansestadt derzeit renoviert wird. In der ganzen Innenstadt wird gehämmert, gebohrt, geteert. Doch Lübeck entschuldigt sich nicht verschämt für die Baustellen und Unannehmlichkeiten, sondern geht selbstbewusst in die Offensive: man ist stolz auf den Prozess, freut sich auf die Ergebnisse und hat dem ganzen Unterfangen einen positiven Titel verpasst: „Übergangsweise“. Es gibt einen Internetauftritt und einen Instagram-Account mit dem Namen „luebeckuebergangsweise.de“, der Sorgen vor Veränderung hinweg fegt und Lust auf eine bessere Zukunft macht.
Im Übergang hat sich Lübeck auch zu Lebzeiten von Thomas Mann und seiner Herkunftsfamilie befunden. Einst die reichste Stadt im Deutschen Reich, befindet sich die stolze Bürgerstadt seit dem Niedergang der Hanse in einem Zustand selbstgefälliger Stagnation. Das ist auch das Thema von „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“, dem ersten und berühmtesten Roman des Schriftstellers. „Lübeck wird namentlich nicht erwähnt, obwohl der Schauplatz der Handlung eindeutig erkennbar ist“, sagt Caren Heuer, die Leiterin des Buddenbrookhauses. Der Roman sei ja bekanntlich auch ein Schlüsselroman, und in der Stadt seien damals Listen kursiert, auf denen stand, welche Figur im Roman welcher Lübecker ist, erzählt Heuer. Die Schauplätze sind ebenfalls nur teilweise namentlich genannt: zum Beispiel die Trave oder das Restaurant Schiffergesellschaft. Dennoch sind auch die Mengstraße oder die Schule Katharineum eindeutig zu erkennen.
„Viele Besucher gehen davon aus, dass das Buddenbrookhaus das Elternhaus von Thomas Mann gewesen ist, es hat aber den Großeltern gehört“, erläutert Heuer. „Doch das Haus, das bis 1891 in Familienbesitz blieb, war für Thomas wie ein zweites Zuhause. 1942 wurde die Mengstraße 4 bei einem Bombenangriff zerstört. Nur die Fassade blieb stehen. Auch das Elternhaus in der Beckergrube gibt es nicht mehr“, bedauert Heuer und fügt hinzu: „Es gibt nur noch wenig biografische Orte.“ So hat man den literarischen Stadtspaziergang „Zeitreise“, der zu sieben Station der Familie Mann führt, mit QR-Codes ausgestattet. Die Inhalte werden von der ARD Retro bereitgestellt und ermöglichen es, mittels Originalberichten aus den 1940er und 1950er Jahren tiefer in die Nachkriegszeit einzutauchen.
Eine Station des literarischen Spaziergangs führt zum St. Annen-Museum, wo die Jubiläumsausstellung „Meine Zeit. Thomas Mann und die Demokratie“ gezeigt wird. Sie ist am 6. Juni, dem 150. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers, eröffnet worden und noch bis Anfang 2026 zu sehen. Schon kurz nach 10 Uhr, mitten in der Woche, sind die Räume des Museums voll. „Ja, die Ausstellung ist sehr gut besucht“, freut sich Caren Heuer. Vermutlich liegt das auch daran, dass die Ausstellung den politischen Thomas Mann in den Mittelpunkt stellt. „Seine Entwicklung vom anfänglich reichstreuen Konservativen über den Vernunftrepublikaner hin zum überzeugten Verfechter der Demokratie, das ist alles höchst aktuell. Mit Thomas Mann auf die gegenwärtige Krise der Demokratie zu schauen, schärft den Blick“, sagt die Direktorin.
Die Parallelen jener Zeit mit ihren epochalen Umbrüchen zur Gegenwart seien erschreckend. „So trägt jeder Raum Werte der Demokratie in der Überschrift: zum Beispiel Gleichheit, Freiheit, Würde, Pressefreiheit“, erläutert Heuer, die die Schau gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Barbara Eschenburg kuratiert hat. Inhaltlich brillant macht die Schau auch optisch und akustisch viel her: es gibt Comic-Elemente, Radioansprachen, Musik und immer auch einen Bezug zu aktuellen Krisen. Ein älterer Herr spricht die Aufsicht an: „In dieser Ausstellung kann man so viel über Demokratie lernen. Kommen denn auch junge Leute?“ Die Angestellte nickt. „Auch Schulklassen?“ insistiert der Herr. „Aber ja, sehr viele“, antwortet die Dame. Der Herr geht weiter, er wirkt aufgewühlt.
Man könnte jetzt noch weiter auf den Spuren der Familie Mann durch Lübeck schlendern: Zum Beispiel zu dem Stadttheater gehen, in dem Thomas Mann zum ersten Mal Wagner hörte und dem Komponisten fürs Leben verfiel. Oder zu dem Kornspeicher am Stadthafen, wo die beiden Buben Heinrich und Thomas oft spielten. Oder zum Rathaus, wo der Vater als Senator wirkte.
Oder aber, weil nachhaltig mit dem Thema Demokratie infiziert, eine Planänderung machen und zum Willy-Brandt-Haus und zum Günter Grass-Haus marschieren. Der frühere Bundeskanzler und der Schriftsteller haben sich ebenso wie Thomas Mann auch ihr ganzes Leben lang mit den Themen Diktatur und Demokratie auseinandergesetzt. Die beiden Gedenkstätten sind nicht nur inhaltlich miteinander verwandt, sie sind auch anschaulich durch einen gemeinsamen Garten verbunden. Die Direktoren Bettina Greiner vom Brandt-Haus und Jörg-Philipp Thomsa vom Grass-Haus ruhen sich nicht auf dem Ruhm der Nobelpreisträger aus, sondern sind mit großem Elan dabei, den Geist von Willy Brandt und Günter Grass jungen Menschen nahezubringen. Auch hier ist alles im Wandel, inhaltlich wie konzeptionell: alte Vitrinen werden erneuert, multimediale Technik hält Einzug. Und so tummeln sich in beiden Häusern die Schulklassen. Den Besucher aus der Thomas-Mann-Ausstellung würde das sicher beruhigen.
Anreise Mit dem ICE nach Hamburg, von dort aus weiter mit dem Regionalzug bis nach Lübeck, www.bahn.de
Unterkunft
Das Boutiquehotel Die Reederin liegt mitten in der Altstadt und besticht durch die individuell und geschmackssicher eingerichteten Zimmer. Sie heißen alle nach Schiffen einer Reederei und verbinden maritimes Flair mit modernstem Komfort. Tipp: das Zimmer Paula mit herrlichem Blick über die Dächer von Lübeck. Auch das persönlich von den Inhaberinnen zubereitete Frühstück ist sehr empfehlenswert. DZ/F ab 250 Euro, www.die-reederin.de .Das Atlantic Hotel Lübeck liegt in der Nähe des Holstentors. DZ ab 180 Euro, www.atlantic-hotels.de.
Essen und Trinken
Das altehrwürdige Restaurant Schiffergesellschaft lässt sich auch durch Busladungen von Touristen nicht aus der Ruhe bringen. Und der Service ist immer professionell und entgegenkommend. Das Essen ist richtig hanseatisch (Stichwort Labskaus)und die Gaststuben mit ihren von den Decken hängenden Schiffsmodellen immer wieder faszinierend, https://schiffergesellschaft.de .Das Restaurant Miera kocht mit der Sonne des Südens und den Produkten des Nordens: Und wenn auch im Norden die Sonne scheint, dann kann man im herrlichen Hinterhofgastgarten sitzen, https://miera-restaurant.de . In Lübeck produziert zwar nicht nur die Firma Niederegger Marzipan, aber die beste Marzipantorte isst man halt doch im Marzipansalon des gut besuchten Cafés in unmittelbarer Nähe des imposanten Rathauses, www.niederegger.de .
Aktivitäten
Die Jubiläumsausstellung zum 150. Geburtstags des Schriftstellers ist bis zum 18. Januar 2026 im St. Annen-Museum zu sehen: „Meine Zeit. Thomas Mann und die Demokratie“. Der Katalog ist im Shop erhältlich. https://st-annen-museum.de/. Einen weiteren Museumsshop und ein Infocenter gibt es am Markt 15: „Buddenbrooks am Markt“. Hier kann man sich über Aktuelles und die Pläne zur Erneuerung des Literaturmuseums informieren. Zudem gibt es spezielle Literatur der Familie zu kaufen. In der monatlich stattfindenden BauBar werden kurze Vorträge zum Umbau gehalten, www.buddenbrookshop.de ;
Allgemeine Informationen
www.luebeck-tourismus.de ; www.dubistmirnemarke.de ;