Autisten als IT-Spezialisten Auticon vermittelt Autisten an Firmen

Von , Düsseldorf 

Im Mai hat die Ankündigung des Softwarekonzerns SAP, in den kommenden Jahren weltweit bis zu 600 IT-Kräfte einzustellen, einige Wellen geschlagen. Damit stand auf einmal auch das kleine Experiment in Düsseldorf im Rampenlicht, das schon wesentlich weiter gediehen ist als diese Pläne. Vodafone hat bereits Ende 2011 zu dem in Berlin gegründeten Personaldienstleister Auticon Kontakt aufgenommen, der mittelfristig in allen großen deutschen Ballungsgebieten Menschen aus dem Autismus-Spektrum auf Jobs in der IT-Branche vermitteln will. Auticon stellt sie ein und garantiert ein festes Gehalt. Bei Vodafone sind die Verträge unbefristet, eine Übernahme ist möglich.

Das Thema fasziniert: Marc Ruckebier konnte sich seit der Ankündigung von SAP vor Interviewanfragen kaum retten. Schwierig und mysteriös scheinen diese neuen, angeblichen Stars der IT-Branche zu sein, aber irgendwie auch Genies. Ruckebier kann es nicht mehr hören, wenn wieder einmal Paul Newman aus dem Film „Rain Man“ bemüht wird, der zum Amüsement der Kinozuschauer auswendig Flugzeugunglücke herunterrasselte. Was Newman darstellte, ist eine äußerst seltene Variante des Autismus. Er spielte einen Savant, einen Menschen mit einer extremen Inselbegabung. Doch Autisten sind keine seltsamen Einsteins. Auticon betont gegenüber seinen Kunden ihre Beobachtungsgabe, die Genauigkeit und Konzentrationsfähigkeit, das fotografische Gedächtnis und den Blick für Details.

„Als ich die ersten Kandidaten kennenlernte, habe ich schnell aufgehört, sie irgendwo einzusortieren,“ sagt Auticon Betreuerin Gawrisch. Dicke Bücher hatte sie gewälzt: „Nach zwei Tagen habe ich das alles verworfen.“ Es gehe vor allem darum, Vertrauen aufzubauen. Die Kollegen hätten im Laufe der Jahre gelernt, was von ihnen erwartet wird und spielten oft eine Rolle. „Das Entscheidende ist, dass sie sich nicht mehr verstellen müssen, um geschätzt zu werden“, sagt Gawrisch. Sie ist längst mehr als eine Jobtrainerin. „Wenn das Telefon klingelt, gehe ich ran. Das kann auch spätabends sein“, sagt sie. Die Anfragen sind oft überraschend: „Das reicht vom Schränke aufbauen, Radiowecker schenken, Fußmatten in Lila kaufen“ Aus einem Projekt mit dem Titel „Diversität“ sind Freundschaften geworden.

Manager brauchen Schlagworte

Doch in einem Großkonzern geht es nicht ohne Schlagworte. „Manager fordern sie gerne heraus, wenn es um die sogenannten weichen Themen geht. Auf diese Fragen bin ich vorbereitet!“, sagt Ruckebier. Er kennt die Spielregeln des „elevator pitch“: Das ist der Projektvorschlag, den ein Vorgesetzter begreifen muss, während er im Aufzug ins nächste Stockwerk fährt. Warum tun wir das eigentlich? Es sind die Autisten selbst, die sie schon bei ihren ersten Auftritten beantwortet haben.

„Ein Kandidat wirkte auf uns beim Vorstellungsgespräch total normal“, erzählt Ruckebier. Sein Gesprächspartner habe nachgehakt, woran man den Autismus des Bewerbers erkenne. Dessen Antwort: „Ich habe gelernt, Ihnen meine Benutzeroberfläche zu präsentieren. Das ist extrem anstrengend für mich. Und wenn ich hier herausgehe, muss ich mich erst einmal einen ganzen Nachmittag hinlegen.“ So viel Direktheit haute den an Sprechblasen gewöhnten Manager um. Als eine der Neuen einmal von jemand außerhalb der Firma tapsig gefragt wurde, ob Autisten Humor hätten, erwiderte sie schlagfertig: „Ja. Aber den verstehen Sie nicht.“

Es sind mitunter bemerkenswerte Begegnungen im Büroalltag. Einer der vier neu eingestellten Autisten ließ seine Kollegen zusammentrommeln, weil er ihnen sein Leben erzählen wollte. Es war eine Geschichte der Ausgrenzung. „Für mich war danach die Stille im Raum fast unerträglich“, sagt Ruckebier. Doch auf einmal traute sich einer der Kollegen aus der Deckung. „Ich kann dich sehr gut verstehen“, sagte der, „auch ich war auf der Schule und der Uni der Außenseiter. Ich war auch derjenige, den man nicht dabeihaben wollte“.

Das Klima im Büro war danach anders. „Wenn Sie sich an diese Direktheit gewöhnt haben, dann fangen sie fast an, sie bei anderen Menschen zu vermissen“, sagt Ruckebier: „Wenn ich heute absolute Diplomatie erlebe, denke ich manchmal: Mit unseren Autisten geht das aber einfacher.“