Autisten im Blick Gymnasien und der weite Weg zur Inklusion

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Die Gymnasien halten sich beim gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung zu sehr zurück, lautet ein häufiger Vorwurf. Das wollen die Schulen nicht auf sich sitzen lassen. Im Regierungsbezirk Tübingen ist ein Kompetenzzentrum für Autisten an Gymnasien im Aufbau. Skepsis bleibt aber, wenn es um zieldifferenten Unterricht geht.

Der wohl berühmteste Autist der Filmgeschichte: In „Rain Man“ gibt Dustin Hoffman (links neben Tom Cruise als seinem Filmbruder Charlie) 1988 als Raymond Babbitt den Symptomen der Entwicklungsstörung ein eindrückliches Gesicht. Foto: dpa
Der wohl berühmteste Autist der Filmgeschichte: In „Rain Man“ gibt Dustin Hoffman (links neben Tom Cruise als seinem Filmbruder Charlie) 1988 als Raymond Babbitt den Symptomen der Entwicklungsstörung ein eindrückliches Gesicht. Foto: dpa

Tübingen - Der Kultusminister wiederholt es wie ein Mantra: Inklusion ist ein Thema für alle Schularten, sagt Andreas Stoch (SPD) wann immer die Rede auf das Inklusionsgesetz kommt, das im August in Kraft treten soll. Zweifel, ob die Gymnasien den Ruf hinreichend verinnerlicht haben, sind jedoch weit verbreitet.

„Das Gymnasium verweigert sich nicht der Inklusion“, beteuert jetzt das Regierungspräsidium Tübingen und geht mit dem Thema Autismus in die Offensive. Schüler mit autistischen Beeinträchtigungen sind an Gymnasien keine Seltenheit. Statistiken zufolge zeigt weltweit ein Prozent der Bevölkerung autistische Züge. Die Betroffenen seien normal- bis hochbegabt und häufig an Gymnasien. Das Tübinger Seminar für Lehrerbildung hat sich der autistischen Schüler angenommen und baut ein Kompetenzzentrum Autismus am Gymnasium auf. „Wir streben an, in der Lehrerausbildung und Fortbildung der landesweit Experte in Sachen Autismus zu werden“, sagte Lothar Bösing, der Direktor des Seminars für Didaktik und Lehrerbildung für Gymnasien in Tübingen.

Jeder Autist ist anders

Susanne Pacher, die Schulpräsidentin im Regierungsbezirk Tübingen weiß von 51 autistischen Schülern an 40 der 82 öffentlichen und privaten Gymnasien des Regierungsbezirks. Jeder von ihnen ist anders, sagt Thomas Dürr und er muss es wissen. Dürr ist Lehrer am Tübinger Uhland-Gymnasium und dort für Schüler mit besonderem Förderbedarf zuständig. Derzeit sind 14 Autisten unter seinen Schülern.

Der eine kommt mit der Textaufgabe in Mathematik nicht klar, obwohl er ein brillanter Logiker ist. Der andere scheitert an der literarischen Interpretation, weil es ihm fremd ist, sich in jemanden hineinzuversetzen und er so innere Monologe einfach nicht erfassen kann.

Für Autisten muss spezielles Lernmaterial entwickelt werden, manche brauchen einen separaten, vielleicht abgedunkelten Raum, wenn sie sich auf Klassenarbeiten konzentrieren sollen, berichtet Thomas Dürr aus dem Alltag. Lehrer müssten auf ihre Sprache achten, Metaphorik sei Autisten ein Buch mit sieben Siegeln. „Ein Autist braucht einen klar strukturierten Unterricht“, sagt auch der Seminardirektor Lothar Bösing. Das Hauptproblem für die Lehrer ist aber, dass die Symptomatik des Autismus nicht leicht zu identifizieren ist. So wird vermutet, dass in den Klassen eine unbestimmte Anzahl von Schülern sitzt, bei denen die Entwicklungsstörung schlichtweg nicht diagnostiziert ist.

Unterstützungssysteme für Lehrer in Arbeit

Das Kompetenzzentrum erarbeitet Unterstützungssysteme für die Lehrer. Für alle Unterrichtsfächer des Gymnasiums stehen Ansprechpartner bereit. Schon seit zwei Jahren gibt es beim Regierungspräsidium Tübingen eine Autismusbeauftragte, die einzige, die für die Gymnasien im Land zuständig ist. Sie heißt Patricia Schaefer, besucht Elternabende und Klassen, informiert über den Nachteilsausgleich und über Fallstricke, zum Beispiel darüber, dass Eltern die Erlaubnis geben müssen, ehe ein Lehrer die Mitschüler aufklären darf, warum der Klassenkamerad mit Autismus in bestimmter Weise reagiert.

Einige Dozenten des Seminars erarbeiten Module für die Lehrerausbildung. Bis jetzt ist Inklusion eher ein allgemeines Thema in den pädagogischen Seminare während des Studiums, berichtet Bösing.

Er will in der Referendarsausbildung die Nachwuchspädagogen für die Symptomatik der Autisten sensibilisieren. Nachwuchslehrer in der zweiten Ausbildungsphase können ein Modul Autismus auswählen. In der Bibliothek des Seminars für Didaktik und Lehrerbildung schafft das Kompetenzzentrum eine Anlaufstelle mit einführenden Medien und Literatur zu den bisherigen Erkenntnissen. Für bereits ausgebildete Lehrer bieten Mitglieder des Kompetenzzentrums an der Landesakademie in Bad Wildbad Fortbildungen an. Jährliche Studientage dienen der Vernetzung, am runden Tisch tauschen sich Eltern, Juristen, Mediziner, Lehrer und Betroffene aus.

Das Kultusministerium begrüße die Entwicklungsarbeiten von Regierungspräsidium und Lehrerseminar, erklärt eine Sprecherin von Minister Stoch. Ministeriumsvertreter wirken im Tübinger Expertenkreis mit, auch sei das Ministerium bestrebt, die Erkenntnisse aus Tübingen im Rahmen der Lehrerfortbildung landesweit zu kommunizieren.

Lothar Bösing ist für die Spezialisierung der Seminare. Während die Tübinger den Autismus erforschen, habe sich das Seminar in Stuttgart ADHS, der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung verschrieben. Für Karin Kriesell, die Leiterin des Gymnasiums Haigerloch, sind das Beweise, „dass das Gymnasium die Inklusion lebt“.

Skepsis gegenüber der Politik

Allerdings betrachten die Experten die Inklusion mit anderen Augen, wenn die behinderten Kinder das Ziel der Schule nicht erreichen können. Während Autisten durchaus Abitur machen können, ist das für viele Kinder mit geistigen Behinderungen illusorisch. Diese zieldifferente Inklusion wünscht die grün-rote Koalition ausdrücklich. Lothar Bösing dagegen kann sich das an Gymnasien lediglich im Einzelfall vorstellen. Auch die politisch unerwünschten Schwerpunktschulen sehen die Fachleute deutlich positiver. „Man sollte mit den Schulen anfangen, die Interesse haben“, sagt Pacher. „Es wäre sinnvoll, wenn sich Schulen spezialisieren würden“, findet Bösing und die Erfahrung lehrt Thomas Dürr, „es ist nicht möglich Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen beliebig zusammenzustellen“. Die Schulpräsidentin Pacher kommt zu dem Schluss: „bei der zieldifferenten Inklusion, haben die Gymnasien noch einen weiten Weg vor sich“.

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