Auto, S-Bahn oder Fahrrad So pendeln Menschen aus der Region Stuttgart

Radelt aus Überzeugung ohne Motor zu ihrem Arbeitsplatz in den Stuttgarter Norden: Karin Felder aus Markgröningen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Auch in Coronazeiten können nicht alle von zu Hause aus arbeiten. Die meisten Menschen nutzen für den Weg zur Arbeit das Auto. Dabei haben andere Verkehrsmittel durchaus Vorteile, wie Pendler aus der Region Stuttgart berichten.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Rund 900 000 Menschen in der Region Stuttgart pendeln zu ihrem Arbeitsplatz. Und trotz anhaltender Coronapandemie können oder wollen nicht alle von zu Hause aus arbeiten. Laut Zahlen des Statistischen Landesamts fuhren im Jahr 2020 allein nach Stuttgart rund 300 300 Erwerbstätige von außerhalb. Dazu kommen die innerstädtischen Pendler. Etwa drei Viertel der Menschen nutzen zum Pendeln das Auto. Drei Menschen aus der Region Stuttgart erzählen, wie sie pendeln – und warum.

 

Aus Schorndorf: Die Zeit in der S-Bahn empfindet Michael Fritsch nicht als verloren

Als Michael Fritsch (48) und seine Frau vor einigen Jahren ein Haus bauten, achteten sie genau auf die Lage: Es musste nicht mitten in einer Innenstadt sein, aber unbedingt nahe zur S-Bahn. Beide nutzten schon damals vor allem den öffentlichen Nahverkehr, um zur Arbeit zu kommen. Inzwischen wohnen sie vier Minuten zu Fuß entfernt von der S-Bahn-Station Weiler in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis). Dadurch ist Michael Fritsch innerhalb einer Dreiviertelstunde vom gemeinsamen Zuhause an seinem Arbeitsplatz als Ingenieur beim Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung (LGL) in der Stuttgarter Innenstadt. Mit dem Auto würde er die 30 Kilometer nur dann schneller zurücklegen, wenn keinerlei Stau auf der Strecke herrschen würde – was vor allem nachmittags selten der Fall ist.

Lesen und dösen statt im Stau stehen

„In der Bahn lese ich meist Zeitung oder döse etwas“, sagt Michael Fritsch. Für ihn fühlt sich die Zeit nicht wie verlorene Lebenszeit an, sondern wie Entspannung – „im Stau stehen wäre für mich verlorene Lebenszeit“. Die zuletzt gestiegenen Spritpreise unterstützen ihn in seiner Überzeugung, das Auto lieber stehen zu lassen. Und dadurch, dass er mit der S-Bahn ins Büro pendelt, kommt die Familie mit einem Auto aus; das spart also Geld. Steht eine Dienstreise an, leiht er sich ein Auto von seinem Arbeitgeber aus – auch das ist kein Problem.

Wie wird sich das 9-Euro-Ticket auswirken?

Erst zu Beginn der Pandemie ist er das erste Mal mit dem Auto zur Arbeit gefahren, „in der S-Bahn habe ich mich damals etwas unsicher gefühlt“. Inzwischen nimmt er wieder die Bahn; meistens die um 6.51 Uhr morgens hin und nachmittags gegen 15.30 Uhr zurück. „Morgens habe ich fast immer einen Sitzplatz, weil meine Station erst die zweite ist.“ Auf dem Heimweg findet er in der Regel auch einen Platz zum Lesen und Entspannen, spätestens hinter Bad Cannstatt werde es meist ruhiger, berichtet er.

Gespannt schaut Michael Fritsch auf den Sommer. Sobald das 9-Euro-Ticket gilt, „könnte es in der S-Bahn voller werden, damit rechne ich schon“.

Aus Markgröningen: Am Stau vorbeiradeln ist für Karin Felder das Größte

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Karin Felder fährt ein E-Bike. Mit den zwei voll beladenen Fahrradtaschen wirkt ihr Mountainbike massiv. Doch weit gefehlt: „Der Motor bin ich“, sagt die 54-Jährige. Und dieser Motor ist stark: Karin Felder wohnt in Markgröningen und arbeitet in Stuttgart-Nord. Dazwischen liegen 17 Kilometer. Diese Strecke radelt sie unter der Woche täglich hin und zurück. Macht 34 Kilometer am Tag.

Morgens fährt Karin Felder um 6.20 Uhr los. Dann geht es über die Felder nach Möglingen, an Kornwestheim vorbei, durch Zuffenhausen bis an den Pragsattel. Sie ist Managementassistentin bei der Bülow AG. Bevor ihr Arbeitstag um 7.30 Uhr beginnt, zieht sie die Sportsachen aus und Büroklamotten an. Müde macht sie der Frühsport nicht: „Ich bin voller Tatkraft, wenn ich ankomme.“

Zuvor hat Karin Felder alle Verkehrsmittel ausprobiert

Karin Felder ist keine Raserin. Im Durchschnitt braucht sie genau eine Stunde für die 17 Kilometer und gut 170 Höhenmeter. Sie legt auch keinen Wert auf ein besonders leichtes Fahrrad, um schneller zu sein. Für Karin Felder ist Fahrradfahren schlicht das beste Mittel, um von A nach B zu kommen. Um zur Arbeit zu kommen, hat Karin Felder schon alle denkbaren Verkehrsmittel ausprobiert: Auto, S-Bahn und Bus, S-Bahn und Stadtbahn, S-Bahn und zu Fuß gehen. Nichts davon gefiel ihr. Zu viel Stau, zu viele Menschen, zu viel Warten. „Zu Beginn der Pandemie bin ich wieder mehr Auto gefahren, weil der Stau weg war.“ Doch kam der Verkehr zurück, ihre Unzufriedenheit wuchs.

Immer Regenhose und -jacke dabei sowie Überzieher

Im Sommer 2021 bat sie einen Bekannten, ihr eine gute Fahrradroute von Markgröningen nach Stuttgart zu zeigen, „bis dahin wusste ich gar nicht, wie man fährt“. Er zeichnete ihr eine Strecke mit möglichst wenigen Höhenmetern und vornehmlich ruhigeren Straßen in der App Komoot auf, Karin Felder probierte sie aus – und war begeistert. Zunächst fuhr sie nur freitags mit dem Rad zur Arbeit, dann zwei- bis dreimal pro Woche, inzwischen fast täglich. „Man wird süchtig. Heute fahre ich immer Rad, außer es regnet morgens in Strömen.“ Auf dem Heimweg macht ihr Regen wenig aus, Regenjacke und -hose sind immer dabei, auch Überzieher für Schuhe und Helm.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Welches Fahrrad passt zu mir?

Dieses sportliche Pendeln hat ihre Auswirkungen. Einerseits hat Karin Felder abgenommen. Andererseits sind ihre Zuckerwerte als Typ-1-Diabetikerin, die unabhängig von Sport und Ernährung auf Insulin angewiesen ist, stabiler geworden. Sie vermutet, dass dies auch am Stressabbau liege: „Das Radfahren tut meiner Seele gut, das spielt beim Stoffwechsel eine große Rolle.“

Die Witze der Kollegen sind seltener geworden

Das Einzige, was ihr am Radfahren nicht gefällt, sind die teilweise abrupt endenden oder gar nicht vorhandenen Wege für Radfahrer. Die Vorteile überwiegen für sie aber deutlich: Morgens hört sie die Nachtigallen singen und sieht Hasen über die Felder hoppeln. „Und ich spüre die Jahreszeiten. Das ist einfach schön.“ Außerdem gefällt es ihr, wenn sie mit ihrem Rad am Stau vorbeizieht. „Und für mich fängt der Feierabend viel früher an, weil ich mache, was mir Spaß macht.“

Auch die Witze im Büro, wenn es nachmittags zu regnen beginnt, sind mit der Zeit seltener geworden. Die Kollegen wissen inzwischen: Karin Felder radelt ja trotzdem.

Aus Böblingen: Mit seinem Auto braucht Julius Schlecht morgens oft nur 20 Minuten

Es ist gar nicht so, dass Julius Schlecht wahnsinnig gerne Auto fahren würde. Vielmehr ist der 33-Jährige gerne effizient unterwegs. Und seitdem er vor anderthalb Jahren umgezogen ist und nun recht weit weg von der S-Bahn-Station in Böblingen wohnt, fährt er lieber mit dem Auto zur Arbeit in die Stuttgarter Stadtmitte als mit öffentlichen Verkehrsmitteln. „Ich bräuchte ansonsten 20 Minuten, um zur S-Bahn zu kommen, fahre 25 Minuten Bahn und laufe noch mal fünf Minuten. Mit dem Auto schaffe ich es ohne Stau in 20 Minuten“, macht er deutlich.

Auf dem Rückweg oft Stau

Meist fährt Julius Schlecht morgens gegen 7 Uhr im Böblinger Osten los; um die Zeit ist noch vergleichsweise wenig Verkehr. Auf dem Heimweg steht er oft im Stau, aber diese Zeit nutzt er für Telefonate oder hört Musik. Er kommt dabei auch runter, sagt er. Als koordinativer Studioleiter im Automobildesign muss er zudem oft zu Kundenterminen, „ich brauche die Karre“, sagt er. Die Karre; das ist ein 3er-BMW, ein Dienstwagen.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Für wen lohnt sich das Pendeln?

Steigende Spritpreise und hohe Parkplatzgebühren in Stuttgart halten ihn deshalb nicht vom Autofahren ab: „Ich zahle keinen Sprit und kann in der Tiefgarage kostenfrei parken.“ Zwar könnte er gelegentlich im Homeoffice arbeiten, „aber ich will einen Cut zwischen privatem und beruflichem Leben“. Allerdings sagt er auch: Müsste er eine noch längere Strecke als die 15 Kilometer zwischen Böblingen und Stuttgart pendeln, würde er mehr von zu Hause arbeiten.

Fahrgemeinschaft oder Park-and-ride?

Macht Julius Schlecht sich Sorgen aufgrund des Autofahrens und der Klimaerwärmung? „Es ist immer eine Abwägung zwischen Bequemlichkeit und Gewissen“, sagt er. Würde er aus Klimagründen das Auto stehen lassen, müsste er auch auf Fleisch und Flugreisen verzichten, argumentiert er. Das will er nicht. „Natürlich ist das nicht toll, aber ich kann es mit meinem Gewissen vereinbaren.“ Schließlich seien Autos und Motoren heute auch effizienter und hätten bessere Filter als früher, sagt er.

Manchmal bildet er eine Fahrgemeinschaft mit einem Bekannten, der ebenfalls in Böblingen wohnt und in Stuttgart arbeitet. Und vielleicht will er mal eine der Park-and-ride-Anlagen auf seiner Strecke ausprobieren, „das wäre eigentlich eine gute Idee“.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie klimafreundlich sind E-Autos wirklich?

Weitere Themen