ÖPNV vs. Auto im Rems-Murr-Kreis Wie kommt man am besten von Fellbach nach Großerlach?

Start am Fellbacher Bahnhof: Luisa Rombach (ÖPNV) und Frank Rodenhausen (Auto) machen den Vergleich. Foto: Gottfried Stoppel

Wenn sie fährt, ist man in Orten mit S-Bahn-Anschluss im Rems-Murr-Kreis gut angebunden. Doch wie sieht es tief im Schwäbischen Wald aus? Ein Selbstversuch Auto contra ÖPNV für die Strecke von Fellbach nach Großerlach.

Um 10.30 Uhr steht ein Interviewtermin mit dem scheidenden Großerlacher Bürgermeister Christoph Jäger im Rathaus in Großerlach an. Frank Rodenhausen verlässt sich zur Anfahrt von der Redaktion in Fellbach aus auf den Pkw. Kollegin Luisa Rombach versucht es parallel mit Öffentlichen Verkehrsmitteln.

 
44 Minuten veranschlagt das Navi für die Route mit dem Auto nach Großerlach Foto: fro

Theoretisch ist es gar nicht so kompliziert, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Fellbach nach Großerlach zu gelangen. Die Praxis sieht dann aber doch etwas anders aus. Das muss ich zumindest an diesem Donnerstagmorgen erfahren – oder sagen wir besser: erleiden. Ich stehe um 9.45 Uhr am Bahnhof in Fellbach, höre den Signalton, der an Gleisen in der gesamten Republik stets nur Unheil ankündigt.

44 Minuten für 42 Kilometer. Das Auto ist vollgetankt. Wenn uns der Fotograf hier nicht noch länger quält, müsste es genau hinhauen mit dem Termin im Großerlacher Rathaus. Der erste Platz im Wettrennen dürfte mir ohnehin sicher sein. Eine Stunde drei Minuten rechet das Navi für den ÖPNV aus, 9 Stunden braucht man – wenn man so viel Kondition hat – zu Fuß.

Foto: Luisa Rombach

Ich habe mich gut vorbereitet, mir einen genauen Plan mit Umsteigemöglichkeiten gemacht – doch der wird gerade über den Haufen geworfen. Wegen einer Signalstörung wird die S-Bahn mich nur bis Winnenden statt bis nach Backnang bringen. Ich steige trotzdem ein, denn zwanzig Minuten am Startpunkt auf die nächste Bahn zu warten, würde sich wie eine vorzeitige Niederlage anfühlen.

Es läuft, nach wenigen Minuten bin ich mit dem Auto raus aus Fellbach-City auf die B 14 eingebogen. Die werde ich nun für drei Viertel der Strecke nicht mehr verlassen.

Morgenkonferenz im Auto – die mobile Technik macht’s möglich. Foto: fro

Eigentlich war der Plan, die S-Bahn bis Backnang zu nehmen, dann auf einen Bus nach Sulzbach umzusteigen und dort einen weiteren Bus zum Großerlacher Rathaus zu nehmen. Anderthalb Stunden sollte das dauern, weil die Umstiegszeiten eher suboptimal sind.

Das Navi wird bis zum Abzweig in Sulzbach, also eine lange Zeit, nicht benötigt. Die kann ich sinnvoll überbrücken, indem ich über eine mobile Verbindung mal in die für alle Redakteure auf freiwilliger Basis angesetzte Morgenkonferenz, das sogenannte Open House, reinhöre.

Im Zug versuche ich, in der Mobility-Stuttgart-App herauszufinden, wie ich nun von Winnenden am schnellsten zum Ziel komme. Das klappt aber nicht, der Empfang ist zu schlecht. Dafür sind wir irgendwo kurz vor Winnenden inmitten blühender Birken und saftig grüner Wiesen zum Stehen gekommen. Eigentlich ganz hübsch hier, wenn ich nicht dringend woanders hin müsste. Der Schaffner gibt durch, Reisende in Richtung Backnang sollen auf die nächste S-Bahn warten. Von welchem Gleis sie fährt, weiß er auch nicht.

Das vierspurige Ausbauende kurz vor Backnang-Waldrems ist im Berufsverkehr oft ein Nadelöhr. Doch um kurz nach 10 Uhr flutscht es auch dort.

Nun bin ich in Winnenden, wo ich zwar eigentlich gar nicht hin wollte, aber zumindest habe ich mich grob in Richtung Ziel bewegt. Am Bahnsteig gegenüber sehe ich einen verspäteten MEX-Zug einfahren, in den ich es nach kurzem Sprint tatsächlich schaffe. Der hält in Sulzbach, weshalb ich mir einen Bus und damit reichlich Zeit sparen kann. Vielleicht wird es ja doch noch ein spannendes Rennen?

Es geht hinauf in den Schwäbischen Wald. Tempo 30 durch Oppenweiler hat sich ein bisschen gezogen, aber jetzt kann eigentlich nicht mehr viel dazwischen kommen.

Mit so genannten Rüttelstreifen Foto: fro

All die aufgeholte Zeit nutzt nichts, denn in Sulzbach kommt der Bus nur einmal in der Stunde, was in meinem Fall eine Wartezeit von 45 Minuten bedeutet. Es ist exakt derselbe Bus, den ich auch ohne den MEX genommen hätte. In einem kurzen Anfall der Verzweiflung versuche ich herauszufinden, wie lange ein Fußmarsch ans Ziel dauern würde, aber das mit dem Handyempfang ist noch immer schwierig.

Ich bin auf der Zielgeraden, die kurvige Strecke hinauf nach Großerlach ist besonders bei Motorradfahrern beliebt. Leider auch bei Rasern. An manchen Stellen sind so genannte Rüttelstreifen auf der Fahrbahn aufgebracht. Ein Versuch, die Unvernünftigen zur Räson zu bringen, der aber leider nur wenig Wirkung gezeitigt hat.

Viele leere Spalten auf dem Busfahrplan in Sulzbach. Foto: Luisa Rombach

Eine Dreiviertelstunde in Sulzbach an der Bushaltestelle zu stehen, gehört zu den weniger schönen Dingen des Lebens. Doch es könnte wohl auch schlimmer sein.

O je, wie bezeichnend der Song im Radio wirkt, als ich das Ortsschild von Großerlach erreiche: Ain't no sunshine, when she’s gone. Ich stelle den Scheibenwischer an und habe angesichts des Regens ein bisschen Mitleid mit der Kollegin.

Am Ortseingang von Großerlach beginnt es zu regnen. Foto: fro

Es beginnt zu regnen, was in Kombination mit Wind und einer seitlich offenen Überdachung nicht gerade zu meinem Komfort beiträgt. So viel Warten, Rumstehen und auf die Uhr schauen inmitten eines Wettrennens ist frustrierend. Immerhin kommt der Bus überpünktlich. Außer mir gibt es nur einen weiteren Fahrgast. Vielleicht haben die Menschen hier den Glauben an den ÖPNV längst aufgegeben. Oder ihn nie gehabt.

Nach fast genau einer Stunde ist mein Interview mit dem Großerlacher Bürgermeister beendet. Ich verabschiede mich – doch Moment, da war doch noch etwas: die Kollegin hatte doch nach ihrer Ankunft in Großerlach wenigstens Grüßgott sagen wollen...

Da ich zum ersten Mal auf dem Weg nach Großerlach bin, weiß ich nicht, wann genau meine Haltestelle kommt. Die Anzeige im Omnibus kündigt noch etwas ganz anderes an, da rauschen wir schon am Rathaus vorbei und sind auf dem Weg nach Mainhardt. Bis ich dem Busfahrer die Situation erklärt habe und er anhält, habe ich einen kleinen Fußmarsch zurück in Richtung Rathaus vor mir. Im Regen, versteht sich. Dort komme ich um 11.29 Uhr an, knapp zwei Stunden nach dem Start in Fellbach. Ich bin durchnässt und ziemlich frustriert.

Okay, dass es mit dem Auto etwas schneller geht, hat wahrscheinlich auch die Kollegin nicht wirklich bezweifelt. Aber eine Stunde Differenz? Das ÖPNV-Grundangebot sei in den vergangenen Jahren deutlich verbessert worden, beteuert der scheidende Großerlacher Schultes Christoph Jäger. Da sei man einen Riesenschritt vorangekommen. „Früher hatte man als Berufspendler eigentlich gar keine andere Chance, als mit dem Auto zu fahren“, sagt Jäger. Heute gehe das schon. Wenn aber die Bahn nicht zuverlässig nach Plan rollt, reicht auch das nicht für eine Mobiltitätswende im Schwäbischen Wald.

Ein Selfie vor dem Großerlacher Rathaus. Den Rückweg nehmen wir dann lieber gemeinsam im Auto. Foto: fro

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