Autobiografie aus Stuttgart-Ost Rückblenden eines Suchenden

Curd Perserthafel blickt in seinem neuen Buch auf seine schwierige Pubertät zurück. Foto: Fatma Tetik
Curd Perserthafel blickt in seinem neuen Buch auf seine schwierige Pubertät zurück. Foto: Fatma Tetik

Der Autor Curd Perserthafel – ein Pseudonym – hat den zweiten Teil seiner Autobiografie veröffentlicht. Es sind teils verstörenden Einblicke in seine Teenager-Zeit und in die ersten Jahre als junger Mann – in die auch sein Coming-Out fiel.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

S-Ost - Eine Randerscheinung, ein pausenfüllender Spaßmacher und unauffälliger Zaungast, der dem Treiben neidvoll zusieht, anstatt aktiv am Geschehen teilzuhaben: So beschreibt sich der Stuttgarter Autor Curd Perserthafel in seinem autobiografischen Werk „Ich weiss nicht wie mir wurde“, das jüngst erschienen ist. Das Buch folgt dem ersten Teil der Erinnerungen mit dem Titel „Und jener Reiterbube lachte auch“, in welchem sich Perserthafel mit seiner frühen Kindheit beschäftigt. Im Folgeband gibt Perserthafel nun tiefe und teils verstörende Einblicke in seine Vergangenheit als Teenager und junger Mann in den Sechziger- und Siebzigerjahren.

Der Autor lebt seit vielen Jahren im Osten

Schonungslos offen, ungeschönt und stellenweise erschreckend brutal blickt der 65-Jährige auf eine Zeit zurück, die er als eine Phase des Selbstfindungsprozesses bezeichnet. „Es sind Rückblenden eines Suchenden, Einblicke in das Leben eines Heranwachsenden, der auf der Suche nach Anerkennung, Liebe und Glück ist“, sagt der Autor, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Curd Perser­thafel ist ein Pseudonym, ein Anagramm, das sich aus dem Klarnamen des 65-Jährigen zusammensetzt. „Ich will niemanden verletzen, schließlich leben viele der im Buch beschriebenen Personen noch“, sagt der Autor.

Perserthafel ist in Urach geboren und aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren im Stuttgarter Osten. Er verfasste zahlreiche Gedichte und Chansons, Reiseberichte und touristische Glossen als auch Theater- und Musikkritiken. Seine autobiografischen Schriften stellen indes einen Versuch dar, mit der schwierigen, teils traumatischen Vergangenheit abzuschließen und Frieden zu finden. „Ich hatte keinen geradlinigen Werdegang wie viele meiner Kameraden, ich bin viele Irrwege gegangen“, erklärt Perserthafel. Insbesondere das schwierige Verhältnis zu seinen Eltern und das Desinteresse des Vaters habe ihn in der Pubertät geprägt. „Ich hatte kein glückliches Elternhaus“, berichtet der Autor. Dem Buben fehlte die Orientierung, der väterliche Rat, eine Leitfigur, zu der er aufschauen konnte. Die Mutter war nicht dazu imstande, diese Sehnsüchte zu kompensieren. Als Perserthafels Vater an einem Abend rasend vor unbegründeter Eifersucht die Mutter würgt und beinahe tötet, zerbricht der Traum des trauten Heims endgültig. Das Zuhause wird für Curd Perserthafel zu einem Ort des Schreckens.

Coming-Out in den 70er Jahren

„Hätte ich in diesem Moment ein Messer in der Hand gehabt, ich glaube, ich hätte ihn auf der Stelle erstochen“, schreibt Perserthafel im Buch. „Ich war besessen davon, ein besserer Vater für meine Kinder zu sein“, sagt der Autor rückblickend. „In diesen Traum funkte dann aber meine Homosexualität“, sagt Perserthafel. „Weiber ließen mich kalt. Meine heimlichen Sehnsüchte galten den Jungs, die im Turnunterricht ihre Muskeln spielen ließen“, schreibt er. Nach vielen inneren Kämpfen mit den aufkeimenden Gefühlswallungen folgen zaghafte Flirts, die erste Liebe und der große Befreiungsschlag mit dem Coming-Out Mitte der Siebzigerjahre. Eine Zeit voller Verlockungen und Abgründe beginnt.

„Das Buch zu schreiben und immer wieder in die eigene Vergangenheit einzutauchen, ist für mich wie eine Selbsttherapie gewesen“, erzählt Curd Perserthafel in seinem Wohnzimmer im Osten. „Es ist ein Versuch, mit all dem, was mich jahrelang belastet und geprägt hat, abzuschließen“, betont der 65-Jährige. Das Buch ist im Eigenverlag im Buchhandel erhältlich.




Unsere Empfehlung für Sie