Autodesigner aus Aidlingen Sebastiano Russo: Vom Eisverkäufer zum Autodesigner
Als Jugendlicher hat er Eis in Aidlingen verkauft, jetzt designt er Autos in Schanghai: Sebastiano Russo hat seinen Traumjob gefunden – und auch einiges dafür getan.
Als Jugendlicher hat er Eis in Aidlingen verkauft, jetzt designt er Autos in Schanghai: Sebastiano Russo hat seinen Traumjob gefunden – und auch einiges dafür getan.
In China essen die Leute nur Hunde, Katzen und Mäuse? „Alles Bullshit“, sagt Sebastiano Russo. „So was sagen nur Menschen, die noch nie in dem Land waren und keine Ahnung haben.“
Der Sohn des Aidlinger Eisdielen-Inhabers Angelo Russo muss es wissen. Seit 2019 lebt und arbeitet er selbst in China. Einem Land, das für Europäer wie eine futuristische Version unserer Welt wirkt.
„Im Vergleich zu China kommt mir Europa wie die Steinzeit vor“, berichtet Sebastiano Russo. „Alles läuft dort digital.“ Bezahlt wird hauptsächlich per Smartphone-App, statt Hausschlüsseln benutzt man Fingerabdruck. In den Städten fahren deutlich mehr Elektroautos und E-Scooter als hierzulande. „Gleichzeitig sieht man dort aber auch ganze Familien in Rikschas herumfahren“, sagt Russo, der über diesen Kontrast noch immer staunt.
Was allerdings stimmt: Jeder Schritt, den man in China geht, wird überwacht. „Überall sind Kameras und man muss immer wieder seine Daten abgeben“, so Sebastiano Russo. Ihn selbst stört das wenig. „Dafür gibt es hier auch kaum Kriminalität.“
Im Gespräch mit Sebastiano Russo merkt man schnell, dass sich der 43-Jährige in seinem aktuellen Wohnort Schanghai sehr wohlfühlt. „Bei den Menschen dort steht die Familie über allem, da geht’s beim Essen sehr laut und lustig zu“, erzählt er und grinst: „Die sind fast noch lauter als wir Italiener, und das will was heißen.“
Aber wie ist er überhaupt dort gelandet? Dafür muss man ein paar Jahre zurückgehen.
In seiner Jugend half Sebastiano Russo oft im Eiscafé Angelo aus. „Das hat sehr viel Spaß gemacht“, erinnert er sich. Für Sebastiano Russo stand jedoch schon früh fest, dass er nicht ewig im Kreis Böblingen bleiben will: „Ich war schon immer abenteuerbereit.“
Gezeichnet habe er schon immer gern. Ein Bekannter seiner Schwester machte ihn schließlich auf den Studiengang Transportation Design aufmerksam, den die FH Pforzheim anbietet. „Der Freund hat mir damals mit dem Kugelschreiber in zwei Sekunden eine richtig tolle Silhouette von einem Auto auf den Block gezeichnet“, erinnert sich Sebastiano Russo. Das sei der Schlüsselmoment gewesen, in dem er gewusst habe, wie seine Zukunft aussehen soll.
Um zum Studiengang Transportation Design zugelassen zu werden, muss man aber nicht nur ein bisschen zeichnen können. „Das ist quasi die Elite-Disziplin eines Produktdesigners.“ An der FH Pforzheim könne man sich deshalb auch nur zweimal für einen Studienplatz bewerben. Russos erster Versuch scheiterte trotz monatelanger Vorbereitung an der Qualität seiner Mappe. Im zweiten Versuch wurde die Mappe angenommen. Doch bei der Eignungsprüfung bemerkte Sebastiano Russo leider zu spät, dass er im falschen Raum saß.
An der FH wurde es also nichts mit dem Studium. Dafür gewann Russo ein Stipendium an einer privaten Designschule in Italien. Und wurde dort ziemlich erfolgreich.
Nach dem Bachelor erhielt der Autodesigner viele Angebote, entschloss sich aber, es für seinen Master doch noch mal in Pforzheim zu versuchen. Und siehe da: Diesmal lief alles wie geplant. Für ein Praktikum landete Sebastiano Russo als Interior Designer bei der Automarke Audi, die auch seine Masterarbeit sponsorte und ihm den ersten Job anbot.
„Als Interior Designer habe ich die Innendesigns von Audi-Fahrzeugen gestaltet“, erklärt er. Ein super Job – doch Sebastiano Russos Herz schlug eigentlich immer für den Bereich Exterior Design, also das Außendesign der Autos. „Ich habe nie aufgehört, auch solche Skizzen zu machen“, sagt er.
Dieser Ehrgeiz wurde nach zwei Jahren schließlich belohnt: 2012 erhielt Russo eine Stelle als Exterior Designer. In diesem Bereich gehörte er unter anderem zum Designerteam des Audi A7 und Audi S4. „Das war eine tolle Eintrittskarte in die Welt“, sagt er rückblickend.
2019 bekam Sebastiano Russo die Möglichkeit, für Audi nach China zu gehen und als Experte in einem Design Studio in Peking zu arbeiten. „Dort habe ich schnell gemerkt, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.“ Die Automobilbranche Chinas sei deutschen Autoherstellern mittlerweile um einige Schritte voraus. „In Sachen Technologie hat Deutschland den Fortschritt einfach verschlafen“, sagt Russo. „In China ist man viel weiter in Sachen Elektroauto – dort sind die Autos quasi fahrende Handys.“
Mittlerweile hat Russo sogar die Automarke gewechselt. Statt für Audi arbeitet er nun als Design Director für Li Auto, eine der größten Automarken Chinas. In Schanghai führt er ein eigenes Studio, dessen Designteam er selbst zusammenstellen durfte. „Ich habe da richtig Glück gehabt“, sagt Sebastiano Russo.
Letztendlich war es wohl gerade die schicksalhafte Mischung aus der italienischen und deutschen Designschule, die ihm all diese Türen geöffnet hat. „Italienisches Design ist weicher und voluminöser“, erklärt er. „Und gleichzeitig hatte ich in Pforzheim dann noch die deutsche Bauhausschule mit den super präzisen Arbeiten.“ All das habe seine Art zu zeichnen, zu einem optimalen Paket geschnürt. „Jeder hat ein Talent im Leben“, sagt Sebastiano Russo. „Man muss nur das Glück haben, es zu entdecken.“
Lernen
Transportation Design ist ein Studiengang, der sich mit Konzepten für zukünftige Mobilitätssysteme befasst. Interior Designer entwerfen Skizzen für den Innenbereich von Fahrzeugen, Exterior Designer für den Außenbereich.
Machen
Li Auto ist ein chinesischer Elektroautohersteller, der laut Sebastiano Russo vorwiegend Autos für Familien designt. Li Autos sind aktuell vor allem auf dem chinesischen Markt aktiv. 2025 wurde in München ein Forschungs- und Entwicklungszentrum entwickelt, um die Fahrzeugentwicklung auch für europäische Standards anzupassen.