Kommentar zu Abgastests an Menschen Abstoßende Lobby-Arbeit

Die Wirkung von Diesel-Abgasen ließ der Lobbyverband der Autoindustrie in Versuchen mit Menschen und Tieren untersuchen. Foto: AP

Die Versuche an Menschen und Tieren, die das Image des Diesels hätten verbessern sollen, entwickeln sich zu einem gewaltigen Imageschaden für die Autoindustrie. Ein Kommentar von StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs.

Chefredaktion: Joachim Dorfs (jd)

Stuttgart - Gibt es irgendjemanden, der glaubt, es sei eine gute Idee, im Namen deutscher Konzerne Affen oder Menschen in einen Raum zu setzen und Gas hineinzuleiten? Niemand? Natürlich nicht. Diese Versuchsanordnung ist so absurd und abstoßend, dass man sich fragt, wieso sich diese Erkenntnis erst jetzt Bahn bricht. Heute sind alle Befragten aus der Branche – ob Manager, Aufsichts- oder Betriebsräte – über die Vorgehensweise entsetzt. Damals jedoch gab es offenbar niemanden, der im Kopf klar genug war, um alle, die auf solche makabren Versuchsanordnungen verfallen sind, einmal ordentlich durchzuschütteln.

 

Zwar mag es schon seit Längerem ein gewisses Unwohlsein in der Branche mit der von Daimler, BMW, VW und Bosch im Jahr 2007 gegründeten Lobbyvereinigung EUGT gegeben haben. Anders ist die 2016 geplante und letztes Jahr vollzogene Auflösung des Vereins nicht zu erklären. Auch die Tatsache, dass sich Bosch bereits 2013 zurückgezogen hat, spricht dafür. Andererseits saßen Automanager im Vereinsvorstand. Dass ihnen diese Machenschaften verborgen geblieben sind, ist höchst unwahrscheinlich.

Harter Schlag für die Branche

Wieder einmal muss man leider konstatieren, dass einigen Spitzenmanagern der Autoindustrie oder der angrenzenden Lobby der ethische Kompass abhanden gekommen ist. Was mit den Betrügereien bei VW im Zusammenhang mit dem Dieselskandal begann und sich mit der wohl legalen, aber gleichwohl höchst problematischen vielfachen Überschreitung der Schadstoffgrenzwerte vieler Fahrzeuge abseits der Prüfstationen fortsetzte, erfährt nun mit den Tests an Affen und Menschen einen neuen, ungeahnten Höhepunkt, der die Branche sehr hart treffen wird.

Dies ist keine grundsätzliche Absage an Tests mit Tieren oder gar Menschen. Neue Entwicklungen etwa in der Pharmakologie müssen an Tieren und später auch an Menschen getestet werden, um ihre Wirksamkeit oder auch mögliche Nebenwirkungen zu überprüfen beziehungsweise auszuschließen. Dies jedoch erfolgt mit dem Ziel, Menschen besser heilen zu können oder eine ungewollte Schädigung auszuschließen. Im konkreten Fall liegt die Zielsetzung ganz anders: hier ging es der Auto-Lobbyorganisation nicht darum, Menschen zu heilen oder zu helfen, sondern zur Rechtfertigung ihres eigenen Handelns und der PR. Im besten denkbaren Fall wurden die Probanden nicht geschädigt, doch eine Erkrankung wurde billigend in Kauf genommen. Das ist unethisch und hätte so niemals passieren dürfen.

Vertrauen in Spitzenpersonal schwindet

Hinzu kommt: die Versuchsanordnung ist in dieser Form kaum aussagekräftig. Dass junge, gesunde Menschen Stickoxide ohne sichtbare Schäden vertragen, sagt eben nicht aus, dass dies auch für ältere oder durch Krankheiten vorgeschädigte Menschen gilt. Je länger man darüber nachdenkt, umso unnötiger und empörender erscheint der Versuch.

Die Autoindustrie steht vor gewaltigen Herausforderungen durch Vernetzung, Elektrifizierung und neue Geschäftsmodelle. Sehr viele, sehr gute Leute arbeiten dort an den Produkten von morgen und insbesondere in Baden-Württemberg kann man nur hoffen, dass die Hersteller und die Zulieferer diese Aufgaben meistern. Doch mit jedem weiteren Skandal steigt nicht nur der Druck auf die Handelnden. Im gleichen Maße schwindet das Vertrauen in die Haltung des Spitzenpersonals. Es wird Zeit, dass die Branche aus ihrer Wagenburg herauskommt und mit solchen Machenschaften bricht. Die üblichen Mechanismen – „bedauerliches Fehlverhalten Einzelner“ – dürfen nun nicht mehr greifen, zumal niemand weiß, welche Weiterungen die aktuellen Enthüllungen haben. Wenn die Branche ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will, braucht es ernsthafte Konsequenzen – und einen echten Neuanfang.

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