Autoindustrie im Kreis Böblingen Neue Pfade austrampeln

Ein Physiker demonstriert Magnetismus auf dem mittlerweile geschlossenen Quantum Ai xperience Center in Ehningen 2023. Foto: Archiv/Stefanie Schlecht

Dank satter Gewinne in der Vergangenheit sprudeln die Steuerquellen im Kreis Böblingen. Doch die Abhängigkeit von der hiesigen Autoindustrie ist Fluch und Segen, schreibt Jan-Philipp Schlecht.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Licht und Schatten können manchmal nah beinanderliegen. Zuerst zum Licht. Die Steuerkraftsumme im Landkreis Böblingen hat neue, schwindelerregende Höhen erreicht. Den satten Betrag von 1,08 Milliarden Euro spült es in diesem Jahr auf die Konten der Rathäuser. Zwar dürfen sie natürlich wegen der Kreisumlage und dem Finanzausgleich nicht alles davon behalten, aber gemeinsam die Schallmauer der Milliarde durchbrochen zu haben, lässt viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zumindest ruhiger schlafen.

 

Das viele Geld ist Ausdruck der prosperierenden Wirtschaft im Kreis – der vergangenen Jahre. Denn es gehört zu den Tücken des öffentlichen Finanzsystems, dass Gewerbesteuern immer erst im Nachhinein berechnet und bezahlt werden. Noch einmal nachgelagert ist dann die Einpreisung in die öffentlichen Haushalte und noch später fließt das Geld über die Umlagen schließlich weiter in Richtung Landkreis und Land. Das erklärt die paradoxe Situation, dass die deutsche Wirtschaft zwar das zweite Jahr in Folge schrumpft, die kommunalen Steuerkassen aber prall gefüllt sind.

Flexible Fertigung bei Mercedes: derzeit im Ein-Schicht-Betrieb Foto: Archiv/Stefanie Schlecht

Exemplarisch zu sehen an der Stadt Böblingen, die in diesem Herbst die frohe Kunde von zusätzlichen 45 Millionen Euro an Gewerbesteuereinnahmen verkündete. Oder der Stadt Sindelfingen, die schon im Vorjahr ihre eigenen Rekorde mit insgesamt 240 Millionen Euro Einnahmen brach. Es wäre nun allzu menschlich, diesen warmen Geldregen für bare Münze zu nehmen und davon auszugehen, dass man auch in den kommenden Jahren auf Rosen gebettet sein würde. Sich fest darauf verlassen kann man nicht, womit wir beim Schatten wären.

Denn die Warnblinker insbesondere in der hiesigen Automobilindustrie sind nicht zu übersehen. Mercedes-Benz strich im Sommer die Spätschicht in der hoch gelobten Factory 56, in der das Flaggschiff S-Klasse gemeinsam mit dem EQS vom Band rollt. Letzterer schwächelte schon länger, doch nun scheint die schleppende Nachfrage auch die S-Klasse zu erreichen. Eine eigentlich für dieses Jahr anstehende Modellpflege wurde offenbar auf 2026 geschoben.

Der einstige Branchenprimus Porsche strich beim E-Renner Taycan ebenfalls eine Schicht, der Aktienkurs zeigt seit Monaten die meiste Zeit gen Süden. Wie stark die Auswirkungen auf Lohnsummen und Gewinne und damit die Gewerbesteuer sein werden, lässt sich noch nicht abschätzen. Doch dass die hiesige Autoindustrie schon mal besser dastand, ist unübersehbar. Die starke Abhängigkeit von den PS-Schmieden ist schon immer Fluch und Segen. Deshalb sollte die öffentliche Hand sie tunlichst verringern.

Die jüngste Erweiterung des Quanten-Rechenzentrums der IBM in Ehningen ist eine überaus positive Nachricht für die Region. Wenngleich die IBM hier explizit in europäischen Dimensionen denkt; die hiesige Wirtschaft ist noch Jahre von konkreten Quanten-Anwendungen entfernt. Dennoch: Es sind Zukunftstechnologien wie diese, die wertvolles Know-how in die Region locken. Es gilt, verwandte Branchen drum herum anzusiedeln, die Dynamik weiter anzufachen.

Raum für Zukunftstechnologien schaffen

Stadt und Kreis Böblingen tun hier bereits viel in ihrer Unterstützung von Ai xpress und Herman-Hollerith-Zentrum. Bemühungen, die fortgeführt, ja intensiviert gehören. Stichwort: Clusterbildung. In Ehningen gab es hierfür mit den Quantum Gardens hochtrabende Pläne genau in diese Richtung. Leider lassen sie sich derzeit aufgrund der Misere mit dem Grundstückseigentümer nicht realisieren. Doch der Grundgedanke ist goldrichtig. Derartige Flächen sollten mit Bedacht und einer klaren Strategie entwickelt werden, um ausgetretene Pfade zu verlassen – und neue zu finden.

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