Autokonjunktur Abgasskandal prallt an der Autoindustrie ab

Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der Automobilindustrie, blickt auf ein gutes Autojahr zurück. Foto: dpa
Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der Automobilindustrie, blickt auf ein gutes Autojahr zurück. Foto: dpa

Weltweit steigt die Nachfrage nach Neuwagen. Besonders gut haben in diesem Jahr die deutschen Hersteller und Zulieferer abgeschnitten. Der Verkauf von Pkw ist in Deutschland auf das höchste Niveau in diesem Jahrzehnt gestiegen.

Berliner Büro: Roland Pichler (rop)

Berlin - Der Abgasskandal kann der Kauflaune der Verbraucher wenig anhaben. Trotz der Manipulationen von VW bei Dieselfahrzeugen und geschönter Angaben vieler Hersteller beim Spritverbrauch steuern die Autokonzerne auf neue Rekorde zu. „Es ist ein gutes Automobiljahr“, sagte Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Autoindustrie (VDA), in Berlin. Die Nachfrage nach Neuwagen steige weltweit. Die Branche hat sich inzwischen von der tiefen Delle nach der Finanzkrise erholt. Während 2011 rund um den Globus noch 65 Millionen Neuwagen verkauft worden sind, werden es in diesem Jahr fast 82 Millionen sein. Wissmann erwartet bis Ende des Jahrzehnts, dass 90 Millionen Personenwagen verkauft werden. Die deutschen Hersteller und Zulieferer seien an diesem Wachstum stark beteiligt, sagte der Verbandspräsident.

Überraschend kräftig entwickelte sich der chinesische Markt, wo für dieses Jahr ein Plus von 15 Prozent verzeichnet wird. Wissmann rechnet auch für 2017 mit Zuwächsen. Schwierigkeiten werde es nach Wissmanns Einschätzung allerdings auf dem britischen Automarkt geben. Dort seien negative Folgen des Brexit-Votums absehbar. Die Neuzulassungen würden in Großbritannien im nächsten Jahr um acht Prozent auf 2,4 Millionen Pkw zurückgehen. Bessere Aussichten sieht der VDA-Chef für die Sorgenkinder Russland und Brasilien, wo es nach der Talfahrt wieder bergauf gehe.

Brexit bringt Probleme für Export

Auf dem deutschen Pkw-Markt stünden die Zeichen auf Wachstum. Die Zahl der Neuzulassung steigt in diesem Jahr auf das höchste Niveau seit Beginn des Jahrzehnts. Der VDA erwartet 3,4 Millionen neu verkaufte Personenwagen, das ist eine Erhöhung um fünf Prozent. Rückenwind erhalten die Autokonzerne durch die hohe Beschäftigung in Deutschland, die niedrigen Zinsen und die spürbaren Lohnsteigerungen der Arbeitnehmer. Für das kommende Jahr geht Wissmann von einem ähnlich hohen Volumen aus.

Der VW-Dieselskandal und Ungereimtheiten bei den Verbrauchsangaben der Fahrzeuge hielten die Käufer nicht ab. „Das Vertrauen in unsere Produkte ist größer als manche Kritiker glauben“, sagte Wissmann. Aus seiner Sicht hätten die illegalen Abgasmanipulationen bei Volkswagen gleichwohl Vertrauen gekostet. „Das Image der Branche hat erhebliche Kratzer bekommen.“ Dass es so gekommen sei, hätten sich manche Unternehmen selbst zuzuschreiben. Er versicherte, die Autoindustrie werde die Bedenken nicht zur Seite wischen. Die guten Absatzzahlen zeigten aber auch, dass Pauschalurteile gegen die Industrie nicht angebracht seien, so Wissmann.

Autoindustrie geht in Offensive

Mit einem Zehn-Punkte-Plan will die Autoindustrie in der öffentlichen Debatte wieder in die Offensive kommen. Der VDA legte zum ersten Mal Leitplanken für die nächsten Jahre vor. Dazu gehört das Bekenntnis, dass die Autohersteller ihr Modellangebot an Elektroautos bis 2020 verdreifachen wollen. Während es gegenwärtig rund 30 Modelle an E-Autos gibt, sollen es bis dahin 100 sein. Bis 2020 werde die deutsche Autoindustrie gut 40 Milliarden Euro in alternative Antriebe investieren. Als erfreuliches Zeichen wertet Wissmann, dass Hersteller bei der Ladeinfrastruktur zusammenarbeiteten. So planen mehrere deutsche Hersteller ein gemeinsames Schnellladenetz an Autobahnen. Neben den Anstrengungen bei alternativen Antrieben wollen Autobauer und Zulieferer Benzin- und Dieselfahrzeuge weiter verbessern. In den nächsten Jahren sei eine Senkung des Verbrauchs um zehn bis 15 Prozent möglich, sagte Wissmann. Zu den Prioritäten der Industrie gehörten zudem Investitionen in die Digitalisierung. Dafür würden die Unternehmen in den nächsten vier Jahren 16 bis 18 Milliarden Euro ausgeben.

Optimistisch zeigte sich Wissmann für die Elektromobilität. Der Anteil von Elektrofahrzeugen liege in diesem Jahr gemessen an den Neuzulassungen zwar noch unter ein Prozent. In den nächsten Jahren werde sich das Bild aber erheblich ändern. Die Entwicklung werde schneller voranschreiten als von Experten erwartet. Wissmann rechnet damit, dass 2025 zwischen 15 und 25 Prozent der Neuzulassungen auf elektrisch betriebene Fahrzeuge entfallen. In dieser Zahl sind aber nicht nur die reinen Elektrofahrzeuge enthalten, sondern auch die Autos, die wechselseitig mit Verbrennungsmotor und alternativen Antrieb gesteuert werden können. Die stabile Lage der Autoindustrie zeigt sich auch an der Zahl der Mitarbeiter im Inland. Im September sei die Beschäftigung auf den höchsten Stand seit 1991 gestiegen. Zu diesem Zeitpunkt erhöhte sich die Zahl der Arbeitsplätze um 14 000 auf 814 600.

Beschäftigung auf Rekordstand

Trotz eines staatlichen Förderprogramm läuft die Nachfrage nach Elektroautos bisher schleppend an. Wie das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle mitteilte, wurden bis Anfang Dezember gerade einmal 7370 Anträge auf den Umweltbonus bewilligt – die Mehrzahl davon entfiel auf reine batteriebetriebene E-Fahrzeuge. Die Bundesregierung beschloss zur Jahresmitte eine Kaufprämie, um den Erwerb von Elektrofahrzeugen zu unterstützen. Ziel von Politik und Industrie ist es, dass bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen rollen.

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