Autokorsos in Stuttgart Bis zu 45 Minuten Zeitverlust durch Autokorso
Autokorsos sind längst eine Begleiterscheinung großer Fußballturniere. Welche Fans sorgen für die größten Verkehrsbehinderungen? Das zeigt erstmals eine Datenauswertung.
Autokorsos sind längst eine Begleiterscheinung großer Fußballturniere. Welche Fans sorgen für die größten Verkehrsbehinderungen? Das zeigt erstmals eine Datenauswertung.
Verkehrsbehinderungen gehören zur Fußball-EM dazu. Das gilt nicht nur für die Spieltage in Stuttgart, wo wegen Fanmärschen zeitweise die Cannstatter Straße gesperrt wird – sondern für jene Vielzahl an Spielen, nach denen etliche Fans für den Korso ins beflaggte Auto steigen.
Das Bauchgefühl sagt, dass die Anhänger mancher Nationen korsofreudiger sind als andere. Der Datendienstleister Tomtom hat die Fakten dazu exklusiv für unsere Zeitung aufbereitet. In jedem vierten Auto ist laut Hersteller Tomtom-Technik verbaut. Mit den so erzeugten Daten wird ein zumindest vorläufiges Ranking möglich: Welche Fans fahren die heftigsten Autokorsos?
Der Verkehr in einer Großstadt ist komplex, deshalb kann die Auswertung nur einen Teil des Phänomens abbilden. Für das Korso-Ranking schauen wir auf den Cityring, weil hier ein großer Teil der automobilen Feierei stattfindet. Tomtom hat den Zeitverlust für eine Umrundung des Rings im Vergleich zu freier Fahrt in den frühen Morgenstunden errechnet. Wir betrachten jeweils die zwei Stunden nach Abpfiff – bei den 18-Uhr-Spielen also die Zeit zwischen 20 und 22 Uhr, bei den 21-Uhr-Spielen die Zeit zwischen 23 und 1 Uhr. Um 15 Uhr angepfiffene Spiele fallen heraus, weil sich korso- und feierabendbedingte Verzögerungen im Verkehr nicht trennen lassen.
Das Ranking, das so entsteht, führen die türkischen Fans mit großem Abstand an – sowohl beim durchschnittlichen wie auch beim maximalen Zeitverlust. Nach den Siegen gegen Tschechien am Mittwoch sowie gegen Georgien in der Vorwoche gab es nicht nur die längsten Staus am Cityring, sondern auch die größten Verkehrsverzögerungen. Bis zu einer Dreiviertelstunde länger hätte gebraucht, wer mitten im Korso einmal den Cityring umrunden wollte. In die Top-5 schaffen es außerdem die Fans von Italien und Albanien (nach dem 2:1 am Auftaktwochenende) sowie die Deutschland-Fans (nach dem 2:0 gegen Ungarn).
Perfekt vergleichbar sind die Werte wegen zeitweise gesperrter Abschnitte am Cityring nicht, sagt Ralf Thomas von der Integrierten Verkehrsleitzentrale (IVLZ). Andererseits zeichnet Tomtom bei Straßensperren auch keine Daten auf der jeweiligen Strecke auf. Das Ranking passt zu Thomas’ Einschätzung, dass „die türkischen Fans am meisten Autokorso fahren, selbst wenn ihre Mannschaft verliert“. In der Türkei selbst fährt man übrigens auch Korsos, diese sind aber mit weitaus weniger Verkehrsbehinderungen verbunden als hierzulande – auch das zeigen Tomtom-Daten aus zehn türkischen Großstädten.
In Stuttgart hängt die Verzögerung für Autofahrer maßgeblich davon ab, an welcher Stelle man im Korso mitfährt. In der Tabelle ist der maximale Zeitverlust eingetragen. Statt im Idealfall zehn Minuten brauchte man während der Korsos der türkischen Fans dafür bis zu 57 Minuten. Nach den Deutschland-Spielen gegen Ungarn und Schottland konnte es gut und gerne eine halbe Stunde länger werden.
Ralf Thomas’ Kollegen in der IVLZ sowie die Polizei treibt dennoch etwas Anderes mehr um: dass alles sicher und die Kreuzungen frei bleiben. Sobald beispielsweise Fußgänger auf der Theodor-Heuss-Straße feiern, wird diese gesperrt. Zudem hat die IVLZ mit eigenen Livedaten sowie Kameras die Verkehrslage im Blick und greift etwa mit Ampelschaltungen ein. Zudem greift das schon bei vergangenen Turnieren etablierte Sperrkonzept. Statt in die Theodor-Heuss-Straße rollt der Verkehr dann über die Willi-Bleicher-Straße Richtung Charlottenplatz.
Aus Sicht der Stuttgarter Polizei sind die Korsos der türkischen Fans die intensivsten. „Sowohl bei der Ausgiebigkeit als auch von den Teilnehmerzahlen her sind sie unangefochten vorn“, sagt ein Polizeisprecher. Auch die Korsos kroatischer und albanischer Fans sowie die deutschen Anhänger sind der Polizei in der Vorrunde aufgefallen. In jedem Fall „lassen wir die Korsos zu, das gehört zur EM und da darf gefeiert werden“, sagt der Polizeisprecher Wolfgang Kramer. Nur bei krassen Verstößen greife man ein. So wie auch das Public Viewing sind nach Erinnerung der Polizei die Autokorsos dieses Mal heftiger als bei den letzten Welt- und Europameisterschaften 2022 und 2021. Je nach Erfolg der deutschen und türkischen Mannschaft könne sich das aber noch ändern.
Auch nach den kommenden Spielen sowie beim Viertelfinale in Stuttgart am 5. Juli ist es ratsam, ohne Auto in die City zu kommen. Was aber beeinträchtigt den Verkehr eigentlich mehr – EM-Spieltage in Stuttgart oder Autokorsos? „Bis jetzt sind es die Spieltage“, sagt Ralf Thomas. Mit den Autokorsos „leben wir seit vielen Jahren, und abends ist die Verkehrsstärke auch geringer“. Wenn für einen Fanmarsch etwa die Cannstatter Straße gesperrt werde, sei der Einfluss viel gravierender.
In der IVLZ beobachtet man allerdings auch, dass die Autofahrer sich anpassen – zumindest jene, die nicht im Autokorso mitrollen wollen. Bis zu 15 Prozent weniger Autos führen seit EM-Beginn nach Stuttgart ein, berichtet Ralf Thomas. „Wenn die Cannstatter Straße gesperrt wird, stehen die Autos an normalen Tagen bis zum Schattenring“, erklärt er, „während der EM aber verläuft der Rückstau nur bis maximal zum Österreichischen Platz“.