Automarkt in Kornwestheim Dunkle Stunden für Diesel-Verkäufer

Von Susanne Mathes 

Auch Privatverkäufer reißt der Diesel-Abwärtsstrudel mit. Ein Rundgang über den privaten Automarkt zeigt: Der Frust ist groß.

Ihre Diesel preisen die Verkäufer auf dem Gelände des Autokinos an wie sauer Bier. Foto: factum/Granville
Ihre Diesel preisen die Verkäufer auf dem Gelände des Autokinos an wie sauer Bier. Foto: factum/Granville

Kornwestheim - Wer kauft schon einen Diesel?“ So unverblümt sagt es Gebrauchtwagenhändler Giuseppe Delia aus Backnang einem Peugeotbesitzer mittleren Alters, als er an diesem Samstagmorgen auf dem Gelände des Kornwestheimer Autokinosdurch die Autoreihen schlendert. Seit dem frühen Morgen steht der Dieselbesitzer aus Stuttgart fröstelnd neben seinem tipptopp gepflegten weißen Peugeot 407 SW HDi, für den er vor neun Jahren 36 000 Euro hingeblättert hatte, im Kornwestheimer Autokino, das jeden Samstag Schauplatz eines der größten privaten Märkte für gebrauchte Autos in Süddeutschland ist. Und seit dem frühen Morgen winken potenzielle Interessenten, die den Automatik-Kombi verhalten und meist mit einigem Abstand beäugen, ab, wenn der Maschinenbauingenieur sie fragt: „Soll ich Ihnen etwas zu dem Auto erklären?“

Verschenken will seinen Diesel niemand

Der Mann kommt sich vor, als unterbreite er ehrenrührige Angebote. „Dabei hat das Auto gerade vor zwei Tagen den Tüv bekommen. Und ich habe für 700 Euro neue Sommerreifen gekauft“, meint er zornig. „Ich biete es für 4650 Euro an. Letzten Samstag wollte mir jemand 3900 Euro dafür geben, und beim Autohaus würde ich 3000 Euro bekommen. Ich verschenke mein Auto doch nicht! Dann fahre ich es lieber weiter.“ Die Crux: Es hat nur die Euro-Abgasnorm 4. „Aber ich glaube sowieso noch nicht daran, dass wirklich Fahrverbote kommen“, meint er: „Das ist doch gerade nichts als eine gnadenlose Wirtschaftsankurbelungs-Maschinerie.“

Für Mirko Tratnik sind solche Situationen nichts Neues mehr. Der gelernte Kfz-Mechaniker in der roten Leuchtweste ist auf dem Automarkt eine Art Mädchen für alles. Er berät Kunden, hilft bei Kaufvertragsfragen oder überprüft auch mal die Echtheit von Geldscheinen. Zuletzt erlebte er immer wieder, wie bei manchen Diesel-Besitzern die Nerven blank lagen. „Die kamen mit tollen, wunderschönen Autos, bei denen man nur fragen konnte: Mensch, warum verkauft ihr die?“ Die Verunsicherung sei mit den Händen zu greifen.

Kein halbes Dutzend Diesel-Fahrzeuge ist im Angebot

Das macht sich an diesem Samstag auch auf andere Weise bemerkbar: Es werden fast gar keine Diesel angeboten. Ein alter Opel Zafira, den ein Zwischenhändler an den Mann bringen möchte – „Der Verkauf hat nix mit Feinstaub zu tun!“, blockt er ein Gespräch ab – , und ein Peugeot-Wohnmobil Baujahr 1989, das mit seiner gelben Plakette jetzt schon in fast keine Umweltzone mehr kommt: Das war’s schon fast. „Es ist aber sowieso wenig los“, sagt Tratnik. Das liege allgemein am Winter und speziell an der schlechten Wettervorhersage.

Tratnik träfe ein Diesel-Fahrverbot auch selbst. „Ich fahre auch einen älteren Diesel, wohne in Möglingen und arbeite in Stuttgart“, erzählt er. „Mit dem Auto brauche ich 20 Minuten, mit dem Öffentlichen Nahverkehr sehr viel mehr. Das ist Lebenszeit, die auf der Strecke bleibt“, sagt er. Fahrverbote findet er einseitig: „Der Feinstaub kommt doch nicht nur vom Diesel, sondern von allen Autos, vom Bremsen und vom Reifenabrieb. Und von den ganzen Lastwagen, die Stuttgart als Abkürzung nehmen.“ Er hielte innovative Ideen wie Transfer-Shuttles zu großen Unternehmen, „wo Tausende Leute hinmüssen“, für einen Baustein zur Problembekämpfung.

Auch einem Mittfünfziger aus Heilbronn schwillt der Kamm angesichts der Diesel-Misere. Zunächst gibt er unwirsch zu verstehen, dass er nichts dazu sagen und – wie der Peugeot-Besitzer – schon gar nicht seinen Namen in der Zeitung lesen will. Dann macht er seinem Ärger aber doch Luft. Er hat Kornwestheim mit seinem schwarzen 160-PS-Mercedes ML 330, Baujahr 2006, angesteuert. Doch niemand liebäugelt mit dem schicken, noch repräsentativ daherkommenden SUV, der einmal 58 000 Euro gekostet hat und jetzt für 9270 Euro auf dem Platz steht.

Die Hoffnung schwindet von Stunde zu Stunde

Denjenigen, die für die „kalte Enteignung“ verantwortlich seien, würde der Besitzer gerne die Meinung geigen. „Ich bin Bauleiter, bin dauernd unterwegs und muss in die Städte rein. Und der Diesel ist nun mal sparsamer in den Kosten und im Verbrauch.“ Er will sich statt des Mercedes einen VW Passat anschaffen – wieder einen Diesel, allerdings mit besseren Abgaswerten. Sein Autohändler würde den Wagen für 7500 Euro in Zahlung nehmen. Die Hoffnung des Besitzers, auf dem privaten Automarkt mehr zu bekommen, schwindet jedoch von Stunde zu Stunde. So sitzt er die meiste Zeit, ohne dass ihn jemand anspricht, im Wagen und tippt auf sein Handy.

Der ADAC rät: „Dreimal tief durchatmen und warten“

Den Frust kann Christian Schäfer, Abteilungsleiter Mobilität und Technik beim ADAC Stuttgart, nachvollziehen. „Wie soll Besitzern von super gepflegten Autos, die vor zehn Jahren als Premiumfahrzeuge angeschafft wurden, in den Kopf, dass ihre Autos plötzlich als komplett verbrannt gelten?“, fragt er. Er rät jedem, der sein Auto nicht sowieso gerade austauschen wolle und mit einer Abwrackprämie einen guten Schnitt erzielen könne, „dreimal tief durchzuatmen und zu warten.“ Allein bei den Vertragshändlern stünden aktuell rund 300 000 unverkäufliche Euro-5-Diesel; „in Summe sollen das 4,5 Milliarden Euro sein“. Und selbst wenn sich Fahr-Einschränkungen abzeichneten, müsse man individuell entscheiden, ob sie einen Autoverkauf rechtfertigten, „wenn das beste Preisangebot immer noch so traurig ist, dass man sich in den Schlaf weinen muss.“