Automobilfotograf René Staud Für ihn ist KI keine Gefahr – sondern nützliches Werkzeug

Mit seinem Bildband über Künstliche Intelligenz ist René Staud seit einigen Jahren auf Vortragstournee. Foto: Simon Granville

Viele Fotografen sehen in künstlicher Intelligenz eine Gefahr. Der renommierte Leonberger Auto-Fotograf René Staud allerdings nicht. Über den Einsatz von KI hat er ein Buch geschrieben.

Leonberg: Sophia Herzog (she)

Wer Autos mag, hat wahrscheinlich schon einmal eine Aufnahme von René Staud gesehen: Der Leonberger hat Aston Martin Roadstars vor isländischen Vulkanstränden fotografiert, einen Mercedes CLS auf der großen Mauer in China und einen Porsche 911er auf österreichischen Skipisten. Inzwischen kann Staud auf eine Karriere zurückblicken, die fast sechs Jahrzehnte umspannt, kann selbstbewusst sagen, dass er wohl einer der bekanntesten seiner Branche ist.

 

Stillstand bedeutet das für den 74-Jährigen aber nicht. Für den Termin mit unserer Zeitung ist er nur kurz in die Staud-Studios in Leonberg gekommen, berichtet davon, dass er gleich am nächsten Tag schon auf dem Weg nach München sein wird. Und auch neuen Technologien ist er offen: Vor zwei Jahren veröffentlichte Staud ein Buch über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Automobilfotografie und ist damit seitdem, so sagt er, auf „Vortragstournee“.

Wo die KI funktioniert – und wo nicht

Denn im Gegensatz zu vielen anderen Fotografen, die in KI wohl eher einen Untergang ihres Berufsstands befürchten, sieht Staud vorallem: Chancen, wenn auch mit Grenzen. Für sein Buch hat er KI-Tools mit seinen bekanntesten Bildern gefüttert, ausprobiert, wie die KI jene Bilder reproduzieren kann, was sie gut verändert, wo sie fantastische Bildelemente erfindet oder ins comichafte abdriftet. „Hier ist sie völlig überfordert“, sagt Staud, und deutet auf einen Tunnel aus Eis, der eindeutig unnatürlich wirkt. „Aber diese organischen Hintergründe, von denen konnte man früher nur träumen.“

Gefüttert mit einem Staud-Foto eines Konzeptautos der japanischen Marke Infinity spuckte die KI in Stauds Experiment beeindruckende, organische Hintergründe aus. Foto: René Staud

Gemeint sind Bilder, in denen Sportwagen vor elegant geschwungenen Formen posieren, oder hellen, höhlenartigen Wabenmuster. Früher, so erinnert sich Staud, habe man solche Hintergründe im Studio aufwendig konstruieren müssen. „Um so eine Wand zu bauen, hätte ich 25 000 Euro gebraucht und viele Stunden Schreinerarbeit“, sagt der Fotograf. „Zum Schluss hätte der Kunde jahrelang damit arbeiten wollen, damit sich das amortisiert.“ Gelitten hätte dadurch aber der Wiedererkennungswert der Fahrzeuge. Inzwischen lassen sich die Farben, Schatten oder Strukturen der Hintergründe mit KI-Tools durch wenige Klicks anpassen. „Heute reicht es, wenn ich ein Bild mache, weil ich auf Knopfdruck noch hunderte andere Hintergründe generieren kann.“

Mit diesem Ergebnis der KI war René Staud nicht zufrieden: Das Eis wirkt unnatürlich, im Gegensatz zur Originalaufnahme eines BMW X5. Foto: René Staud

Überhaupt fangen die Anwendungsbereiche von KI laut Staud schon weit vor der Bildbearbeitung an. In kürzester Zeit könne an dem Kunden eine Visualisierung der Aufnahme, so wie sie später entstehen soll, vorlegen. KI hilft außerdem bei der Vorbereitung – ungern überlässt Staud bei seiner Arbeit etwas dem Zufall. „Die Kunst besteht nicht nur in der Umsetzung, sondern in der Planung“, sagt der Fotograf.

Scheint die Sonne nicht, fällt der Schatten dank KI

Dabei ist ein Foto von vielen Faktoren abhängig, die sich nicht immer steuern lassen. Staud beschreibt es so : „Ich gehe raus, das Auto steht, der Baum blüht, nur die Sonne ist weg. Aber die brauche ich für den Schattenwurf, sonst funktioniert das Bildkonzept nicht.“ Nachhelfen könnte man da entweder mit einem großen Scheinwerfer – oder heute eben mit KI.

Viele andere Beispiele fallen dem Maestro ein: Etwa die Pflastersteine, die er bis heute nicht händisch mit Photoshop nachbasteln könne. „Die KI kann das besser“, sagt er. Das Bild hat das falsche Format? Früher musste man ein neues schießen. Heute können intelligente Tools die Fotos einfach um ein Stückchen mehr Himmel erweitern.

An Ehrlichkeit gehe da wenig verloren, findet Staud. „Ich mache nur grundehrliche Bilder, bei denen ich sage: Das ist genau die Situation, die ich vermitteln will.“ Da wäre etwa die berühmte Aufnahme „Gullwing in Heaven“. Über die recht simple Aufnahme des Fahrzeugs legte Staud damals ein zweites Foto eines Himmels mit Wolken. „Da sagt jeder, sowas gibt es doch gar nicht, das Auto schwebt ja nicht im Himmel“, so Staud. „Ich sage: So würde ich mit das Fahrerlebnis vorstellen. Das ist selbstverständlich ehrlich.“

Künstliche Intelligenz – nur ein weiteres Werkzeug?

Klar wird: Für René Staud ist KI ein Werkzeug. Und bei den Werkzeugen gilt es, „up to date“ zu bleiben. „Ich bin noch heute auf der Suche nach der besten Kamera, nach dem besten Licht“, sagt er. Das musste man übrigens schon immer. „Der Wechsel von Fotografie in die Möglichkeiten der Retusche, der war auch sehr groß, und der Wechsel von der Analogie zur digitalen Fotografie war noch viel größer“, erinnert sich Staud.

99 Prozent aller Fahrzeugaufnahmen, die man in der Werbung wahrnimmt, seien heute per CGI oder KI generiert, schätzt Staud. Das wirft sehr viel mehr Content ab, ist billiger und schneller. Dass das bei Künstlern und Fotografen auch Ängste auslöst, kann Staud nachvollziehen. Aber auch hier gilt für ihn: Mit den Zeiten muss man mitgehen. „Kreative müssen jetzt auch schauen, wie sie sich neue Märkte erschließen, mithilfe der neuen Werkzeuge. Dass das auch Gefahr und Risiko bedeutet, ist klar.“ Aber: „Sie können mit jedem Werkzeug viel Schaden anrichten“, so Staud, „oder viel Gutes tun.“

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