Automobilindustrie Startups Agilität bei ZF: Leuchtende Augen gewünscht

Von Susanne Roeder 

Agilität bei ZF: Der Technologiekonzern aus Friedrichshafen hat die unterschiedlichsten Wege gefunden, um von Startup-Ideen und Technologiekooperationen zu profitieren.

An dem niederländischen Startup 2getthere hat ZF seit März 2019 eine Mehrheitsbeteiligung. Foto: Roeder
An dem niederländischen Startup 2getthere hat ZF seit März 2019 eine Mehrheitsbeteiligung. Foto: Roeder

Friedrichshafen - Dass die Automobilindustrie wegen Digitalisierung auf breiter Front und der Suche nach alternativen Antriebsformen neben dem Verbrennungsmotor sich dem größten Umbruch ihrer mehr als 130 Jahre alten Historie gegenübersieht, hat unmittelbare Auswirkungen auf die gesamte „Nahrungskette“ dieser weltumspannenden Industrie. Am direktesten zu spüren bekommen die Zulieferer den Kurswechsel, den die Automobilhersteller in die Wege leiten. ZF Friedrichshafen, mittlerweile der weltweit viertgrößte Zulieferer der Automobilindustrie, will sich dafür strategisch rüsten. Die Finanzkrise vor zehn Jahren hat der Zulieferer, der mit seiner Zeppelinstiftung einen soliden Geldgeber im Rücken weiß, ohne Personalabbau überstanden.

Und diesmal? Bosch ver­äußert Geschäftsbereiche, ZF kauft zu. Viele Zulieferer bauen zudem massiv Stellen ab. Bei ZF sind die Bedingungen insgesamt merklich besser. Zaubern kann der Zulieferer trotzdem nicht. „Wir merken den Abschwung, liegen wegen der schrumpfenden Automobilmärkte deutlich unter unseren Planungen“, kommentierte ZF Chef Wolf-Henning Scheider kürzlich die negativen Signale.

Agilität bei ZF bedeutet Corporate Ventures

ZF geht aber systematisch neue Marktchancen an. Man setzt auf sogenannte Corporate Ventures, die viel von der Wirkungsweise eines Startups haben. Die Ventures agieren in Einklang mit der übergeordneten ZF-Firmenphilosophie – daher die Bezeichnung „Corporate“ – gezielt, flexibel und schnell. Torsten Gollewski, dirigiert als Leiter des Systemhauses für Autonomes Fahren im Unternehmen genau diese potenziellen Zukunftsunternehmen. Das Prinzip: Die Beteiligungen und Partnerschaften sind angedockt an das restliche Unternehmen.

„Um auf die Trends der Automobilindustrie zu reagieren, also Elektrifizierung, Automatisierung, Digitalisierung, muss sich unsere Arbeitsweise grund­legend verändern“, so Gollewski, der früher bei Audi unter anderem die Automotive Safety Technologies GmbH leitete. Dieses andere Arbeiten fange mit dem Design von Produkten an, bei mechanischen wie digitalen. Mitgestalten, Mitentwickeln und Erfahrungen von außen, von der sogenannten Crowd miteinbeziehen – das sind die Leit­linien.

„Wenn man sich die Produktion und die Lieferkette ansieht, dann verschiebt sich das von ‚Ich mache und verkaufe ein Produkt‘ zu einem kontinuierlichen Update des Produkts“, sagt Gollewski. In diesem Prozess seien Startups mit ihrer frischen Perspektive und ihrem oft komplett anderen Blickwinkel auf die Automobilindustrie hilfreich. Ein solches Denken sei in einem traditionellen Rahmen oft nicht möglich. „Wir fordern zwar auch unsere Mitarbeiter auf, anders zu denken. Aber wir sind uns bewusst, dass wir zusätzlich eine konsequente Infusion externen Denkens brauchen“, meint Gollewski.

Investitionen und Beteiligungen

Von den Corporate Ventures führen zwei typische Wege in den Konzern – einer über Investitionen aus einem dafür gut gefüllten Finanztopf, der andere über die Suche nach Beteiligungen mit der letztlichen Eingliederung der entsprechenden Firmen ins Unternehmen. Bei ZF beschreitet man ganz bewusst auch einen dritten Weg. Den beschreibt Gollewski so: „Wir suchen nach Ideen und nach solchen Unternehmen, die zu unserer ZF-Strategie passen und an denen wir uns signifikant beteiligen können. Wir belassen diese Unternehmen aber am Markt. Denn nur wenn sich das Startup oder die gestandene Firma weiter am Markt bewegt, profitieren auch wir vom fortlaufenden Reifeprozess der Produkte und Dienstleistungen.“

Die ZF Car eWallet GmbH ist ein ausgegründetes Startup, das vom direkten Umfeld der ZF nach Berlin weggezogen ist und dort selbstständig agiert. Strategiechefin Anam Zehra und Frau der ersten Stunde beim Startup, das sich der IBM-Blockchain-Technologie bedient, freut sich über die enge Kooperation mit ZF. „Wir haben einen innovativen, digitalen Assistenten entwickelt, der den Fahrer sicher und bequem unterwegs bezahlen und Zahlungen entgegennehmen lässt.“ Bei ZF glaubt man fest daran, dass ein Startup auch nach dem eigenen Investment so beweglich wie möglich bleiben muss. Erst dann sei der Vorteil auch für das eigene Unternehmen der größte.

Kein Alleinanspruch auf erfolgreiche Startups

ZF erhebt also im Gegensatz zu manch anderem Investor keinen Alleinanspruch auf ein erfolgreiches Startup. Die Strategie ist differenziert. „Es geht uns mehr um die Erweiterung des eigenen Produktport­folios und der Expertise. Wir lassen also zu, dass sich auch andere Investoren an den Firmen beteiligen können. Das geschieht in der Absicht, die Unternehmen an den Märkten zu entwickeln, um die besten Produkte zu kreieren.“ Gollewski sieht das Vorgehen nüchtern. „Alle Technologiefelder aus eigener Kraft heraus zu entwickeln, funktioniert nicht. ZF hat hier mit der ZF Zukunft Ventures ein wirksames Instrument an der Hand, in dem sie ihr Ökosystem an Partnerschaften vereinen.“ Auch Kooperationen wie die zwischen ZF und Nvidia, einem der größten Entwickler von Grafikprozessoren, werden dort koordiniert.

Gollewski wirbt dafür, sich erfolgreiche große Konzerne wie einen vielfältigen Fischschwarm vorzustellen und die darin enthaltene Schwarmintelligenz zu heben. „Unsere rund 150 000 Mitarbeiter haben ein enormes Innovationspotenzial. Das versuchen wir, über vielfältige Maßnahmen zu aktivieren und zu nutzen.“ Ein Beispiel sind interne Präsentationsevents oder auch Formate, in denen unser Management in Mitarbeiterideen mit Innovationspotenzial investieren kann.“

Akustiksensoren statt Radar

Ein Beispiel: Zwei Mitarbeiter fragten sich, warum man in automatisierten Fahrzeugen nicht Akustiksensoren nutzt, sondern nur optische wie Radar und Lidar. Wenn sich ein Krankenwagen nähert, weiß man meist nicht, aus welcher Richtung er kommt. Sie bauten deshalb Mikrofone in Autos ein. Sound.AI warnt den Fahrer und   informiert ihn, wohin er ausweichen kann. Von der Idee im März 2017 zur Umsetzung vergingen nur wenige Monate. Im Juli gewannen sie einen internen Präsentationswettbewerb, und ZF investierte in sie. „Mit den Ressourcen und dem Budget bauten sie ein minimal funktionsfähiges Produkt, das mittlerweile in Richtung Serie weiterentwickelt wird“, sagt Gollewski.

Agilität bei ZF mit unterschiedlichem Tempo

Das Innovationspotenzial innerhalb der ZF steigt weiter durch interne Prozesse, die unterschiedliche Geschwindigkeiten und Organisationsmodelle erlauben. Hinzu kommen die System- und Projekthäuser, die abteilungsübergreifend Themen, wie automatisiertes Fahren oder Elektromobilität, vorantreiben.

„Mit neuen Strukturen und Prozessen haben wir Hierarchien und Komplexität vereinfacht“, sagt Gollewski. Er wünscht sich beim Thema Agilität bei ZF „Leute mit leuchtenden Augen“.

Der Technologiekonzern ZF

Das baden-württembergische Unternehmen liefert Systeme für die Mobilität von Pkw, Nutzfahrzeugen und die Industrietechnik. Das Produktportfolio des Unternehmens mit Hauptsitz in Friedrichshafen ist damit sehr umfassend. Automobilherstellern und Mobilitätsdienstleistern sowie neu entstehenden Unternehmen im Bereich Transport und Mobilität will man so Lösungen aus einer Hand anbieten.

Die Friedrichshafener, deren Forschungsstandort am Hauptsitz verortet ist, treiben die nächste Generation der Mobilität in vier Technologiefeldern voran: Elektromobilität, Steuerung der Fahrzeugbewegung , Automatisiertes Fahren und Integrierte Sicherheit.

Jährlich investiert ZF mehr als sechs Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung. ZF sieht sich als innovationsstarkes Unternehmen, das aus eigenen Forschungs- und Entwicklungsleistungen serien­fähige Produkte macht.

Größenordnung Der Konzern hat knapp 150 000 Mitarbeiter weltweit – an 230 Standorten in 40 Ländern. Das Unter­nehmen machte im Jahr 2018 insgesamt 36,93 Milliarden Euro Umsatz.