Eberspächer nach dem Stellenabbau Wie es am Standort Esslingen weitergeht
Bis Jahresende schließt der Automobilzulieferer Eberspächer seine Produktion in Esslingen. Geschäftsführer Martin Peters sagt, was danach passiert.
Bis Jahresende schließt der Automobilzulieferer Eberspächer seine Produktion in Esslingen. Geschäftsführer Martin Peters sagt, was danach passiert.
Esslingen - Die vergangenen Monate bei Eberspächer waren geprägt von tiefen Einschnitten: Die Verlagerung der Produktion nach Polen kostet 260 Mitarbeitende in Esslingen ihre Jobs. Und dann wurde die Firma vom plötzlichen Tod ihres erst 54-jährigen Geschäftsführers Heinrich Baumann erschüttert. Nun ist Martin Peters allein das Gesicht des Unternehmens. Im Interview sagt er, wie es am Standort Esslingen und allgemein weitergeht.
Herr Peters, mit welchen drei Worten würden Sie das Jahr 2020 bei Eberspächer beschreiben?
Transformation in jederlei Hinsicht. Transformation natürlich, was die Familie angeht und die Schicksalsschläge, die wir erlebt haben. Transformation, was die Mobilität als solche angeht. Aber sicher auch die Transformation der Geschäftsmodelle eines automobilen Zulieferers.
Ein großer Einschnitt war die Entscheidung, die Produktion von Standheizungen zu schließen. Der Abbau von 260 Stellen wird dieses Jahr abgeschlossen. Was passiert danach in Esslingen?
Lassen Sie es mich einordnen: Wir sind 156 Jahre alt. Das Unternehmen hat es immer wieder geschafft, sich neu zu erfinden. Leider hat das niemals funktioniert, indem immer nur Gewinner daraus hervorgegangen sind. Beispielsweise im Jahr 2000, als wir uns von unserem Glasdachbau in Esslingen getrennt haben. Sicher ist die Schließung der Produktion in Esslingen ein tiefer Einschnitt. Aber es ist auch letztendlich eine Manifestierung der Stärken am Standort. Und die haben wir zweifellos. Unsere tief ausgeprägten Fähigkeiten in Forschung und Entwicklung, in der Verwaltung, der weltweiten Steuerung unseres Geschäfts – das werden wir hier weiter machen und auch ausbauen. Wir fühlen uns an diesen Standort gebunden, hier sind die Wurzeln unseres Unternehmens, hier hat vor 156 Jahren alles begonnen. Deshalb steht dieser Standort nicht infrage. Zum Jahresende werden es noch mehr als 1000 Mitarbeiter sein, die hier eine ganz wichtige Rolle für die Wertschöpfung unseres Unternehmens einnehmen.
Könnte es sein, dass Sie am Standort Esslingen auch wieder wachsen?
Ich würde das nicht ausschließen, aber im Moment haben wir genau das hier positioniert, wovon wir einen großen Nutzen haben und womit wir wettbewerbsfähig sind. Und das sind, das muss ich zugeben, hoch qualifizierte Funktionen. Wir haben hier 40 offene Stellen im Moment. Der begrenzende Faktor ist vor allem der Wettbewerb um die besten Talente in der Region.
Wie wirkt sich der Rohstoff- und Bauteilemangel bei Eberspächer aus?
Das Jahr 2021 könnte ein so schönes sein – wirtschaftlich. Jetzt bremst uns aber genau das aus: Die mangelnde Verfügbarkeit von Halbleitern, die wir indirekt merken. Und zwar überall da, wo unsere Kunden keine ganzen Autos mehr herstellen können. Produktionsstopps werden eingelegt. Deshalb dürfen wir dann auch nicht liefern. Aber es hat auch direkten Einfluss. Wir haben eine große Produktpalette in der Elektromobilität, wofür wir Halbleiter brauchen. Es ist bei uns, wie in der ganzen Branche, eine große Herausforderung, die Lieferwünsche unserer Kunden komplett einzuhalten.
Gibt es Kurzarbeit bei Eberspächer?
Ja, an Standorten, die Elektronikkomponenten produzieren, das betrifft vor allem die Werke in der Pfalz. Dort haben wir Kurzarbeit zwischen null und 25 Prozent. Wir müssen letztendlich von Tag zu Tag immer wieder neu disponieren, weil wir auch den Fluss an Nachschub nur sehr schwer einschätzen können. Wir hoffen, dass sich alles normalisiert. Aber ich prognostiziere, dass sich das wohl bis in das Jahr 2022 reinziehen wird.
Die Mobilitätswende spielt eine sichtbare Rolle bei Neuerungen des Unternehmens. Wie viel wird Eberspächer künftig noch mit dem Verbrennungsmotor zu tun haben?
Es ist wichtig, ein ausgewogenes Produktportfolio für reife, dynamische und neue Geschäftsfelder zu haben. Bei sehr reifen Geschäftsfeldern, wie zum Beispiel dem Abgasbereich, haben wir zwar noch Wachstumschancen, aber das Ende des Produktlebenszyklus ist nicht in hundert Jahren, sondern wahrscheinlich viel früher. Man darf niemals nur reife oder nur neue Geschäftsfelder haben, denn die alten Geschäftsfelder bringen Cashflow. Diesen benötigen die neuen, in die intensiv investiert werden muss. Wenn wir nun in die Zukunft blicken: Im Jahr 2025 wird bereits 45 Prozent des Nettoumsatzes mit unseren Produkten unabhängig vom Pkw-Verbrenner sein. Und das dynamische Geschäftsfeld batterieelektrische Fahrzeuge, für die wir unter anderem die Heizungen liefern, hat bereits 2021 erstmals einen signifikanten Anteil am gesamten Absatz bei Eberspächer. Die Mobilitätswende bedeutet für Eberspächer technologisch mehr Chancen als Risiken.
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Sie hatten im Mai eine positive Prognose für den Geschäftsverlauf im Jahr 2021 gegeben. Können Sie die noch halten?
Das erste halbe Jahr ist tatsächlich sehr ordentlich verlaufen. Das zweite Halbjahr wird umsatz- und auch ergebnismäßig sehr stark beeinflusst werden vom Halbleitermangel. Dass das Jahr insgesamt wesentlich besser sein wird als 2020, ist klar. Aber ich bin nicht mehr so euphorisch wie noch im Mai.
Sie hatten es zu Beginn des Gesprächs schon angedeutet: Der Tod Heinrich Baumanns war ein schwerer Schlag für die Familie und Eberspächer. Was hat sich seither verändert für Sie?
Heinrich Baumann und ich hatten das Unternehmen als Doppelspitze geleitet. Wobei Heinrich eher das Gesicht nach außen war. Wir haben uns jeden Tag ausgetauscht, teilweise stundenlang. Natürlich fehlt mir das sehr. Nach seinem Tod haben wir uns überlegt: Wie können wir das ausgleichen? Jetzt sind wir von einem vermutlich ganz außergewöhnlich geführten Unternehmen, in dem sich zwei absprechen, zu einem viel typischer geordneten geworden, indem wir unseren Beirat wesentlich gestärkt haben. Heute ist alles etwas formalisierter, funktioniert aber sehr gut. Ich genieße die Zusammenarbeit in der Geschäftsführung sehr und auch die mit den sehr erfahrenen Beiräten.
Und Sie sind jetzt das Gesicht der Firma und haben auch andere Aufgaben von Heinrich Baumann übernommen.
Ja natürlich. Ein ganz wesentliches Thema ist die Strategieentwicklung. Und, ein Bild nach außen abzugeben, die Repräsentation. Das ist das Typische an einem Familienunternehmen, dass es einen oder mehrere in der Familie gibt, die verantwortlich zeichnen für das tägliche Geschäft. Uns ist es sehr wichtig, greifbar zu sein. Und nicht nur anonymes Kapital zur Verfügung zu stellen.
Gibt es Pläne, wieder jemanden aus der Familie ins Boot zu holen, vielleicht aus der nächsten Generation?
Das wäre schön und da kann sich auch mittel- oder langfristig etwas ergeben. Aber der gesamten Unternehmerfamilie ist es wichtig, niemanden unter Druck zu setzen und auf niemanden einen Anspruch zu erheben.
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Zur Person und Firma
Martin Peters
Der gebürtige Düsseldorfer und Diplom-Kaufmann arbeitete in der Kreditwirtschaft, bevor er 2001 als einer von zwei geschäftsführenden Gesellschaftern an die Spitze von Eberspächer trat. Der 55-Jährige ist Schwiegersohn des im November verstorbenen Hans Eberspächer, Urenkel des Firmengründers Jakob Eberspächer.
Geschichte
1865 wurde die Firma als Betrieb für Dachverglasungen gegründet. Die Sparte wurde in den 2000ern verkauft. Eberspächer ist komplett in Familienbesitz. Seit dem Tod Heinrich Baumanns ist Peters das einzige Familienmitglied an der Spitze, unterstützt von den Geschäftsführern Thomas Waldhier und Jörg Schernikau.
Geschäft
Eberspächer erlebte 2020 coronabedingt ein Krisenjahr mit einem Verlust von 35 Millionen Euro. 73 Prozent des Nettoumsatzes kamen aus der Abgastechnik, der Rest aus den Bereichen Klimatisierung und Fahrzeugelektronik. Weltweit hat Eberspächer etwa 10 000 Mitarbeitende, in Esslingen Ende des Jahres 1000.