Autonome Fahrzeuge in Waiblingen Die Busse der Zukunft fahren ohne Lenkrad
Von Juli an verkehren in Waiblingen die ersten autonomen Fahrzeuge. Nun durften Bürger schon mal probehalber Platz nehmen – und waren überrascht.
Von Juli an verkehren in Waiblingen die ersten autonomen Fahrzeuge. Nun durften Bürger schon mal probehalber Platz nehmen – und waren überrascht.
Die Zukunft sieht auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär aus – zumindest, wenn es um das autonome Fahren geht. Von Juli an werden zwei Minibusse im Rahmen eines Forschungsprojektes vom Waiblinger Bahnhof zum Berufsbildungswerk im Industriegebiet Ameisenbühl fahren – einer davon ist ein klassischer Kleinbus, der die Sensoren eines autonomen Fahrzeugs hat, bei dem der Fahrer aber noch eingreifen kann. Das andere ist ein tatsächlich selbstständig fahrender Minibus, bei dem es nicht einmal mehr ein Lenkrad gibt. Ziel ist es, möglichst viele Daten zu sammeln und die beiden Fahrzeugtypen vergleichen zu können, sagt Projektleiter Ralf Wörner von der Hochschule Esslingen. Am Donnerstag konnten Neugierige am Waiblinger Bürgerzentrum schon mal probehalber in beiden Minibussen Platz nehmen.
Einen Fahrersitz gibt es in der Kabine des vollautonomen Busses nicht mehr, auch ein Lenkrad fehlt – stattdessen gibt es nur noch sechs einander zugewandte Passagiersitze. Fahrten mit dem drollig wirkenden Sechssitzer, der aufgrund seines Einsatzgebietes Ameise genannt wird, waren allerdings noch nicht möglich, denn auch die Strecke muss noch durch das Regierungspräsidium genehmigt werden. Und auch wenn die Ameisen ab Juli an zwei Tagen pro Woche unterwegs sind, werden die Passagiere Geduld brauchen: Der Bus fährt maximal 25 Stundenkilometer, also etwa so schnell wie ein motorisierter Rollstuhl. Auf der Strecke in Waiblingen wird er aus Sicherheitsgründen wohl langsamer sein. „Wir werden uns eher wie eine Schildkröte bewegen als wie ein Hase“, sagt Reha Tözün von der Firma Bridging IT.
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Das Interesse an den Fahrzeugen war am Donnerstag groß – viel größer, als Daniel Sanchez Clemente von der Herstellerfirma Easymile aus Frankreich erwartet hatte. Easymile-Fahrzeuge fahren in Karlsruhe schon seit vergangenem Jahr. In Waiblingen drängelten sich die Besucher bei schönstem Frühlingswetter – sehr zur Freude der Forscher. „Uns geht es darum zu erfahren, was die Nutzer sagen“, sagt Reha Tözün. „Die Frage ist: Was muss passieren, damit die Leute gerne in die Fahrzeuge einsteigen?“
Einer, der diese Gelegenheit zum Dialog gerne nutzte, war Jürgen Kühn vom Waiblinger Stadtseniorenrat. Der agile 70-Jährige berät andere Senioren in Waiblingen, wie sie ihr Leben altersgerecht gestalten. Die autonomen Fahrzeuge hätten ihn natürlich sofort interessiert, sagt er, auch wenn er anfangs skeptisch gewesen sei. Aus seiner Sicht wären die Busse ein ideales Verkehrsmittel für Ältere, die nicht mehr selbst Auto fahren können oder wollen – vorausgesetzt, sagt er, dass von den Passagieren nicht erwartet wird, dass sie alles mit dem Smartphone organisieren. Gemeinsam mit seinem 84-jährigen Freund Wolfgang Maunz nimmt Kühn in dem Bus Platz – und ist angetan: die breite Tür, die Rampe für Rollstuhlfahrer, die Gurte zur Sicherung der Passagiere – all das überzeugt ihn. Dennoch hat Jürgen Kühn viele Fragen: Wo bekommt man das Ticket? Wo halten die Busse? Fahren sie auf Bedarf oder nach einem festen Plan? „Gehen Sie mal in ein Pflegeheim – das ist Ihre Klientel“, empfahl Jürgen Kühn. Tatsächlich will das Projekt nicht nur Senioren erreichen, sondern alle Gesellschaftsschichten, wie Projektleiter Ralf Wörner sagt. Am Berufsbildungswerk sollen beispielsweise die Schüler befragt werden. Viele wertvolle Hinweise hat offenbar eine Online-Diskussion im Februar geliefert, an der 50 Bürger teilgenommen haben. Vor allem von Rollstuhlfahrern seien wertvolle Hinweise gekommen, sagt Tözün.
Wolfgang Maunz und Jürgen Kühn fällt es jedenfalls schwer zu akzeptieren, dass sich mit den neuen Fahrzeugen eine Zeit ankündigt, in der die Menschen auf eigene Fahrzeuge verzichten. „Für uns war es doch in der Jugend das Größte, endlich den Führerschein zu machen und mobil zu sein“, sagt Kühn. Ebenso schwer fällt es den beiden, sich vorzustellen, was die Entwicklung für die Busfahrer bedeutet. Sylvia Stieler vom IMU-Institut in Stuttgart untersucht genau das – und sie kann die beiden beruhigen. Berufsverbände der Busfahrer betrachten die Entwicklung mit Wohlwollen. Es fehlt bereits heute vielerorts an Fahrern. Will man den Nahverkehr ausbauen, wird es ohne solche autonome Fahrzeuge nicht gehen.
Wer steigt in das autonome Fahrzeug – und wann?
Mitfahrt
Wer jetzt Lust auf eine Fahrt bekommen hat, muss sich per E-Mail auf der Projektseite www.ameise.wandelgesellschaft.de unter dem Stichwort „Fahrzeiten“ anmelden und dann eine Einverständniserklärung unterschreiben. Das Personenbeförderungsgesetz schreibt einen Vertrag zwischen Transporteur und Passagier vor, der normalerweise in Form eines Ticketkaufs zustande kommt. Weil die Mitfahrt während der Projektlaufzeit kostenlos ist, müssen Passagiere ihr Einverständnis extra erklären.
Start
Die Fahrzeuge werden wohl ab Juni die Strecke kartieren, eine Mitfahrt soll dann ab Juli möglich sein – aufgrund der Bürokratie rund um das Projekt könnte sich der Start aber auch bis September verzögern.
Projekte
Das Waiblinger Projekt ist nicht das erste dieser Art – autonome Fahrzeuge verkehren inzwischen in vielen Städten, darunter auch in Karlsruhe und in Bad Birnbach. In Karlsruhe handelt es sich um Busse, die nach Bedarf verkehren. In Waiblingen ist an zwei Tagen pro Woche ein viertelstündiger Takt zu den üblichen Berufsverkehrszeiten vorgesehen.