Stuttgart - Manche Kinder wissen sehr genau, was sie wollen – und vor allem: was nicht. Sabine Hahn (Name geändert) kann ein Lied davon singen. Seit ihre zweitgeborene Tochter Luna auf der Welt ist, weiß die Stuttgarterin, was ein starker Wille ist. Das geht schon morgens los: Luna soll sich anziehen, frühstücken, die Zähne putzen. Sie ignoriert ihre Mutter. „Egal, was ich sage, sie macht das Gegenteil oder geht komplett in eine Abwehrhaltung.“ Also sucht sie das Gespräch mit ihrer Sechsjährigen. „Warum bist du heute gegen alles, was ich sage?“ Antwort: „Ich will bestimmen!“
Das Kind gibt den Ton an
Kleider rauslegen für den Kindergartentag? Braucht Sabine Hahn gar nicht erst zu versuchen. Luna weiß selbst sehr genau, was sie anziehen mag. „Das war schon mit zwei Jahren so.“ Auch beim Abendbrot gibt sie den Ton an. Dem Mädchen einfach irgendwas aufs Brot schmieren? Nö, selbst is(s)t das Kind. Wenn die Schlafenszeit naht, ist es Luna wichtig, selbst zu bestimmen, wann sie sich umzieht, ins Bad geht und wann ihr die Eltern vorlesen. Ist die Familie mit dem Auto unterwegs, möchte sie die Route bestimmen. „Das ist anstrengend“, sagt ihre Mutter, „aber wir haben einen Weg gefunden, damit umzugehen.“ Sie fragen ihre Tochter, was sie zu ihren Entscheidungen bewegt. Warum ihr etwas wichtig ist. Sie erklären, dass es Dinge gibt, die nicht verhandelbar sind. Sie bringen Luna bei, dass sie freundlich bittet, wenn sie etwas möchte.
Warum lassen sich Eltern auf der Nase herumtanzen?
Mancher fragt sich jetzt vermutlich: Warum lassen sich die Eltern so auf der Nase herumtanzen? Ist das Kind nicht erzogen? Doch so einfach ist es nicht. Der international bekannte, 2019 verstorbene Familientherapeut Jesper Juul hat Kindern wie Luna einen Namen gegeben: Er nannte sie die selbstbestimmten, autonomen Kinder. Ohne sie abstempeln zu wollen, „das ist schließlich keine Krankheit“. Sein letztes Buch, das 2020 erschienen ist, handelt davon: „Dein selbstbestimmtes Kind – Unterstützung für Eltern, deren Kinder früh nach Autonomie streben“. Juul beantwortet darin mehr als 30 Fragen von betroffenen Müttern und Vätern und erklärt, wie sie ihre Kinder besser verstehen und begleiten können.
Der Junge hat seinen eigenen Kopf
Auch Juuls langjähriger Geschäftspartner und Co-Autor Mathias Voelchert weiß, wie es sich anfühlt, wenn Kinder besonders stark auf die Erfüllung ihrer Wünsche pochen. Als sein Sohn ein paar Jahre nach der Tochter auf die Welt kam, stellte er das Leben seiner Eltern komplett auf den Kopf. „Sein erstes Wort war nicht ‚Mama‘ oder ‚Papa‘“, erzählt Voelchert, „es war ‚Nein‘.“ Von Anfang an sei spürbar gewesen: Der Junge hat seinen eigenen Kopf. Wenn er etwas wollte, ging er keine Kompromisse ein. Er kämpfte für seinen Willen, als hinge sein Leben davon ab.
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Voelchert ist Betriebswirt und Unternehmer, systemischer Coach und Autor zahlreicher Sachbücher. 2006 hat er das „familylab“ in Deutschland gegründet, eine Organisation, die Eltern und Pädagogen berät, Vorträge und Seminare veranstaltet. Alles mit dem Ziel, die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen zu stärken. Dass er einmal ratlos vor dem eigenen Sprössling stehen würde, hätte er nicht gedacht. Wie geht man mit einem Kleinkind um, das alle Entscheidungen für sich selbst treffen möchte? „Jesus, bis ich das kapiert hatte!“, sagt er rückblickend und muss lachen. „Damals dachte ich: Dass ein 38-Jähriger vor einem zweieinhalbjährigen Pimpf in die Knie geht, das kann doch nicht sein!“
Autonome Kinder brauchen keine strengeren Regeln
Inzwischen weiß er: Autonome Kinder brauchen nicht mehr oder strengere Regeln. Sie brauchen Eltern, die sie ernst nehmen, sie behutsam führen, ihren Willen aber anerkennen. Voelchert nennt das: konstruktive Beziehung. Mit selbstbestimmten Kindern könne man schon früh wie mit einem Erwachsenen reden. Er ließ damals jegliche Strategien sausen. Gemeinsam mit seiner Frau beschloss er, den Sohn einfach genau so sein zu lassen, wie er ist. Begleiten statt erziehen. Vorleben statt verpflichten. „Fühlt das Kind sich verstanden, ist es eher bereit zu kooperieren.“ Voelchert wird nicht müde, Eltern zu vermitteln, bloß nicht die Disziplin-Keule auszupacken oder ein Wenn-dann-Theater zu inszenieren. „Ein diszipliniertes Kind ist gebrochen, das hat mehr Angst vor der Strafe, als seine Persönlichkeit zu leben. Das braucht kein Mensch im Beruf.“
Alle Kinder sind selbstbestimmt
Grundsätzlich seien alle Kinder selbstbestimmt, sagt der 69-Jährige. In unterschiedlichem Maße. Er schätzt, dass ein Drittel aller Kinder stärker über sich selbst bestimmen möchte. Dass diese Kinder häufig als wütend oder tyrannisch wahrgenommen werden, ärgert ihn. „Das zeugt davon, dass Erwachsene nicht in der Lage sind, mit ihnen umzugehen.“ Im Gegensatz zu aggressiven, emotional vernachlässigten Kindern verhielten sich autonome Kinder gegenüber anderen sozial, wenn sie genügend Freiraum haben. Natürlich sei das, was Kinder sich wünschten, nicht immer das, was sie auch brauchten. Es sei an den Eltern, das zu erkennen und entsprechend zu steuern. Das Wichtigste: authentisch bleiben. Selbstbestimmte Kinder reagieren sensibel auf Widersprüche.
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Sabine Hahn umgeht Machtkämpfe mit ihrer Tochter am besten, wenn sie klare Ansagen macht und ihre Entscheidungen begründet. Manipulieren lasse sich Luna nicht. Gerade hat sie eine Phase, in der sie nicht so gern in den Kindergarten geht. „Mama, ich bin zu müde“, sagt sie öfter. Die Eltern gönnen ihr regelmäßig freie Tage. „Es ist eine Gratwanderung“, sagt Hahn. „Natürlich möchten wir ihr nicht zu viele Entscheidungen überlassen, das kann Kinder ja auch überfordern.“ Mathias Voelchert rät, selbstbestimmten Kindern mehrere Möglichkeiten anzubieten und ihnen die Freiheit zu lassen, über das Was und Wann zu entscheiden. Manchmal müssten Eltern aber auch einfach Nein sagen. „Und die Wut ihrer Kinder ohne schlechtes Gewissen aushalten.“