Die Arbeiten am Entwicklungszentrums für autonomes Fahren in der Leonberger Innenstadt liegen voll im Zeitplan. An der benachbarten brachliegenden Baugrube soll es bald weitergehen.

Wer in der Leonberger Innenstadt in der Poststraße entlangläuft, kommt gleich an zwei stählernen türähnlichen Drehgittern vorbei: Durch das erste geht es zum jetzigen Haupthaus des hiesigen Bosch-Standorts. Der zweite Zugang ist einige Meter weiter nördlich. Durch ihn gelangen vornehmlich Bauarbeiter, die an einem kühnen Projekt arbeiten, das schon jetzt die Stadtsilhouette prägt und in einem Jahr eine der zentralen Bosch-Niederlassungen werden soll: jene, in der die Technik für das autonomen Fahren entwickelt wird.

Auch samstags wird gearbeitet

An dem terrassenförmigen Gebäude, das ein markanten architektonischen Gegenpol zu den benachbarten Industriebetrieben und Einkaufsmärkten setzt, wird an sechs von sieben Tagen in der Woche gearbeitet. Auch samstags sind Männer in Schutzwesten und mit Helmen zu sehen, die mit Miniraupen, die an Marsfahrzeuge aus alten Science-Fiction-Filmen erinnern, den Bodenplanieren oder mit einem provisorischen Aufzug 26 Meter in die Höhe fahren.

Denn die großflächigen Fenster sind auf den sechs Stockwerken schon eingesetzt. In den künftigen Büro- und Konferenzbereichen läuft der Innenausbau. Wie die genau aussehen sollen, das wird dieser Tage gemeinsam mit den Mitarbeitern, die hier einziehen werden, ermittelt. „Es laufen Workshops und Bedarfsanalysen, um die Ausgestaltung der Arbeitsbereiche entsprechend den Bedürfnissen der zukünftigen Nutzer zu planen und umzusetzen“, erklärt der für das Projekt zuständige Bosch-Sprecher Holger Scharf auf Anfrage unserer Zeitung.

Doch in dem mehr als 40 000 Quadratmeter großen Neubau wird es nicht nur um das Austüfteln modernster Technologien gehen, um für die Menschen das Fahren so bequem und vor allem so sicher wie möglich zu machen. Der Konzern versteht sein Projekt als Teil der Leonberger Stadtentwicklung. Ganz bewusst ist von einem Campus die Rede, einem Bereich, der für alle zugänglich ist.

Bosch und die Stadt kooperieren beim Betriebskindergarten

So wird es dort einen Kindergarten geben, der aber keine klassische Betriebs-Kita ist. Von den 70 Plätzen sind 35 für Kinder des eigenen Personals reserviert, die andere Hälfte kann die Stadtverwaltung mit Kindern aus firmenfremden Familien belegen. Für die Stadt, die seit Jahren Kita-Plätze regelrecht am Fließband schafft, ist diese Kooperation ein Segen. Denn trotz aller Bemühungen sind Plätze in Tagesstätten ein rares Gut.

Außerdem sind im Campus drei gastronomische Betriebe geplant, die für alle zugänglich sein sollen. Momentan sucht das Unternehmen passende Betreiber. „Mit ersten Interessenten sind wir im Austausch, aber für weitere Anfragen offen“, sagt Scharf.

Zum gastronomischen Konzept gehört auch ein Café im Freien. Blickt man auf den heutigen – nicht eben ansehnlichen – Zustand der Poststraße, scheint das nur schwer vorstellbar. Doch der Bereich zwischen der Römerstraße und der Benzstraße wird komplett verkehrsberuhigt.

Das Stichwort hierbei lautet „Shared Space“. Fußgänger, Radfahrer und Autos sind gleichberechtigt. Da bleibt dann auch ausreichend Platz für ein schönes Café. Im vergangenen Sommer hatte es eine politische Diskussion zum Umbau der Poststraße gegeben. Die Grünen wollten hier einen gesonderten Radweg durchsetzen, fanden dafür aber keine Mehrheit.

1500 Arbeitsplatz im Desksharing-Prinzip

Während bei öffentlichen Bauvorhaben Verzögerungen zum Alltag gehören, liegt das Bosch-Projekt voll im Zeitplan: Ende dieses Jahres soll der Campus vollendet, Anfang 2024 der Betrieb in dem Terrassenbau aufgenommen sein. Im Neubau gibt es rund 1500 Arbeitsplätze, die aber von 1900 Menschen genutzt werden sollen. Beim Richtfest im vergangenen Juli kündigte der Standortleiter Thomas Irawan das Desksharing-Prinzip an, also den geteilten Arbeitsplatz: „Flexible Teams“ könnten zum Teil zuhause arbeiten und sich damit lange Abfahrtswege sparen.

Nicht ganz so glatt läuft es auf der anderen Straßenseite. Dort, zwischen dem jetzigen Bosch-Hauptgebäude und einer Tankstelle, klafft schon seit Monaten eine riesige Baugrube, die im vergangenen Jahr in Windeseile ausgehoben wurde und in der eine regelrechte Straße für die Lastwagen und andere Baufahrzeuge in die Tiefe führt.

An der leeren Baugrube soll es bald weitergehen

Hier, wo bis vor vier Jahren bei der Firma Fuchs hochwertige Felgen veredelt wurden, ist auf 18 000 Quadratmetern ein weiteres stufenförmiges Gebäude mit einer Kantine für 800 Gäste und einem Tagungssaal geplant. Doch die Grube liegt brach.

Der Bosch-Sprecher Holger Scharf dementiert allerdings, dass das Unternehmen von diesem Vorhaben Abstand genommen habe, wie in der Stadt schon gemunkelt wird. Vielmehr habe sich Bosch auf das Campus- Gebäude „fokussiert“. Die nächsten Schritte für das Kantinen- und Hallenprojekt seien im ersten Quartal dieses Jahres geplant.

Demnach müsste bald wieder auf beiden Seiten in der Poststraße reger Baubetrieb herrschen. Nicht nur dort. Denn wenn der Campus feierlich eröffnet wird, soll auch die Straße selbst als verkehrsberuhigter Bereich umgebaut sein. Dafür allerdings ist die Stadt zuständig. Das sollte funktionieren, ist doch der Leonberger Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) ein regelrechter Fan des Campus-Projektes. Auch Baubürgermeister Klaus Brenner ist zuversichtlich, dass zur Campuseröffnung das Umfeld fertig ist.