Autor Anton Hunger im Interview "Am Ende kneift der Schwabe immer"

Anton Hunger hat eine Gebrauchsanweisung für Schwaben geschrieben. Foto: achim zweygarth 11 Bilder
Anton Hunger hat eine "Gebrauchsanweisung für Schwaben" geschrieben. Foto: achim zweygarth

Der Schwabe habe ein historisch verbürgtes Problem mit der Obrigkeit, sagt der Autor Anton Hunger. Was sagt das über Stuttgart 21 aus?    

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Stuttgart  - Was ist bloß mit den Schwaben los? Vor einem Jahr haben die Verhältnisse mit dem Beginn der Abrissarbeiten am Bahnhof zu tanzen begonnen. Selbst "Le Figaro" und die "New York Times" schickten ihre Reporter nach Stuttgart.

Auch Anton Hunger hat versucht, sich auf die Ereignisse seinen Reim zu machen. Der Autor der "Gebrauchsanweisung für Schwaben" kennt den Volksstamm schließlich gut. Rebellisch waren Schwaben schon immer, sagt der frühere Kommunikationschef von Porsche im StZ-Interview.

Herr Hunger, wegen eines Tiefbahnhofs sind in Stuttgart schwäbische Grundtugenden untergegangen: Toleranz und Gelassenheit. Wie konnte es so weit kommen?

Toleranz und Gelassenheit werden zurückkommen. Der Schwabe hat immer ein Problem mit der Obrigkeit. Das ist historisch verbürgt. König Wilhelm I. hat sich schon vor mehr als 200 Jahren beschwert: "Wenn der Schwabe auf die Welt kommt, lernt er zwei Worte: noi und nedda." Herzog Ulrich von Württemberg ist es mit seinen schwäbischen Untertanen zuvor auch nicht besser ergangen. Weil er sein teures und sündhaftes Leben finanzieren musste, ließ er die Maßgewichte verändern. Für den gleichen Preis gab es statt einem Kilo Mehl plötzlich nur noch 700 Gramm. Das brachte die Schwaben ordentlich auf die Palme.

Auf der hocken sie nun wieder. Hat es Sie überrascht, dass der Bahnhofsstreit Zehntausende von Demonstranten auf die Straße gebracht hat?

Die Wucht der Proteste hat mich verblüfft. Plötzlich zeigte sich eine Bewegung mit enormer Kraft und einem gemischten Protestpublikum. Es kamen viele gut ausgebildete und honorige Leute, die anständigen Berufen nachgehen. Der Widerstand hatte eine intellektuelle Schärfe, die haben nicht nur ihre Wut rausgebrüllt, die haben bei den Demonstrationen meistens auch sauber argumentiert.

Die psychische Verfassung der Stuttgarter Halbhöhe ist daraufhin selbst von internationalen Medien ausgiebig untersucht worden.

Das ist ja das Absurde an der Geschichte: Stuttgart hat sich jahrzehntelang bemüht, in die internationalen Schlagzeilen zu kommen - vergeblich. Die Demonstranten haben es geschafft. Plötzlich kamen die "New York Times", "Le Figaro"...

...was dem Protest noch mehr Sex-Appeal verliehen hat.

Ich erinnere mich an den sagenhaften Auftritt eines Fernsehreporters. Der stand vor dem Bahnhof und rief "das ist Stuttgart: Ich bin begeistert, was hier los ist".

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass ausgerechnet in Stuttgart der vom TV-Mann gefeierte Wutbürger geboren wurde?

Es ist schwierig, sich darauf einen Reim zu machen. Aber mit Sicherheit hängt es mit einer Missachtung all jener zusammen, die gegen Stuttgart 21 sind. Sie wurden zu lange nicht einbezogen und nicht ernst genommen. Aber das würde als Erklärung nicht ausreichen. Die Motive der Demonstranten sind höchst unterschiedlich: Manchen geht es um den Bonatzbau, anderen um das Mineralwasser, wieder andere stört die Großbaustelle. Und die Weltverbesserer sind natürlich auch wieder mit dabei.

Teurer als geplant wird es bekanntlich auch.

Nennen Sie mir ein Großprojekt, das am Ende nicht teurer wurde als zunächst veranschlagt. Wenn das bei Stuttgart 21 anders kommen sollte, müssten alle nachträglich noch einen Orden bekommen. Mein Lieblingsspruch in dem Zusammenhang: Der teuerste Bahnhof Deutschlands trifft auf das geizigste Volk der Welt.

Das partout nicht einsehen wollte, warum es Milliarden von Euro dafür bezahlen soll, dass es schneller nach Bratislava kommt. Sie leben am Starnberger See. Wie sehen die Bayern den Schwabenstreit?

Mit großem Interesse. München soll ja auch einen Durchgangsbahnhof bekommen. Deshalb wird die Bürgerbeteiligung und das Geißlerthema sehr aufmerksam verfolgt.

Brauchen die Bayern eigentlich länger, bis sie auf die Palme klettern?

In Bayern findest man das "Mir-san-mir"-Prinzip öfter. Dazu gehört auch das "mir egal, was ich gestern gesagt habe". Nehmen Sie nur Münchens Oberbürgermeister Ude. Der war einmal gegen einen geplanten Straßentunnel. Dann gab es eine Volksabstimmung und eine Mehrheit dafür. Anschließend stellte er sich hin und sagte: gute Entscheidung, jawohl! Und war daraufhin der Erste, der bei der Eröffnung das Bändle durchschnitt.

In München regiert ein Volkstribun mit einem geringen Wendekreis. In Stuttgart ein Rathauschef, der seine Überzeugungen aktenkundig vorträgt.

Das darf man ihm nicht vorwerfen. Die Menschen sind verschieden. Aber eines muss man schon sagen: der OB und die früheren Landesregierungen haben den Zündstoff im Bahnhofsstreit lange Zeit nicht erkannt. Es genügt nicht, wenn man immer nur darauf hinweist, dass alles rechtskräftig und entschieden sei. Das hat letztendlich die Demonstranten zu Recht aufgebracht.

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