Autor aus Esslingen Gedicht gefällig? Dirk Werner überrascht an vielen Ecken
Der Esslinger Autor und Satiriker Dirk Werner bringt mit seinen spontanen Kurz-Lesungen kleine lyrische Texte in die Stadt.
Der Esslinger Autor und Satiriker Dirk Werner bringt mit seinen spontanen Kurz-Lesungen kleine lyrische Texte in die Stadt.
„Für zwei Euro spreche ich für Sie ein witziges Gedicht von mir.“ Mit einem gerahmten gelben Plakat sieht man dieser Tage immer mal wieder den Esslinger Autor Dirk Werner in der Stadt stehen. Gegen einen kleinen Obolus trägt er einen Limerick vor, präsentiert ein Gedicht oder liest eine Mini-Geschichte vor – alle aus eigener Feder. Aufmerksam beobachtet er bei seinem Experiment, wie Menschen reagieren, wenn jemand spontan Lyrik in die Stadt bringt.
Manche schauen neugierig her, andere bleiben kurz stehen, werfen einen Blick aufs Plakat, winken dann ab, wieder andere schütteln den Kopf und gehen schnell weiter – aber immer wieder fasst sich auch jemand ein Herz, kommt näher und genießt eine kleine Portion Lyrik zwischendurch. „Wer sich traut, freut sich über die Aktion“, erzählt Dirk Werner, der für seine Mini-Vorträge selbst verfasste humorvolle und satirische Texte ausgewählt hat. Er weiß genau, dass die Konfrontation mit Lyrik, zumal im öffentlichen Raum, nicht bei jedem auf Begeisterung stößt: „Man sieht manchen ihre Gedanken an: Warum steht der hier? Was macht der da? Gedichte? Die haben mir ja schon in der Schule nicht gefallen.“ Und der 63-Jährige weiß natürlich auch, dass viele Menschen im Alltag weder die Zeit noch die Muße haben, sich auf Kunst einzulassen, weil der nächste Termin ansteht, die Kinder drängeln oder eine Verabredung wartet. Dirk Werner, der seit vielen Jahren neben satirischen Kurzgeschichten regelmäßig auch Gedichte schreibt, freut sich, dass seine Werke bei dieser Aktion sichtbar werden, dass sie gehört werden und dass sie mitten hinein in die Gesellschaft kommen. „Mit manchen Menschen komme ich ins Plaudern. Ein kurzer Dialog, ein kleines Zwiegespräch, das ist schön“, erzählt er von seinen bisherigen Erfahrungen, den Esslingern Lyrik nahe zu bringen. Und natürlich freut sich Dirk Werner ganz besonders, wenn er seinen Zuhörerinnen und Zuhörern ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann und sie nach dieser kurzen lyrischen Begegnung beschwingt weiter ihren Weg gehen.
Dirk Werner, der schreibt, zeichnet und fotografiert, Foto-Kurse gibt und Schreibwerkstätten leitet, ist nicht der Erste, der auf diese Idee kommt: Der walisische Schriftsteller Dylan Thomas ging mit seinen Texten in der Kneipe von Tisch zu Tisch, der Dichter Joseph Brodsky forderte in seiner Nobelpreisrede, Gedichte müssten „als gedanklicher Treibstoff“ an Tankstellen erhältlich sein. In den Stuttgarter Straßenbahnen ist Lyrik plakatiert, die Esslinger Dichterin Anna Breitenbach gibt bei ihren Lesungen „Poetry to go“ auf Papier für zuhause mit, und in Leipzig standen vor zwei Jahren Poesie-Automaten, aus denen man Kärtchen mit je einem Gedicht ziehen konnte.
Vor allem die Gedichtform des Limericks hat es Dirk Werner angetan. Die scherzhaften Fünfzeiler mit zündender Schlusspointe sind für ihn „eine Lebenseinstellung“, erklärt er. Sie sind kurz und prägnant, haben ein charakteristisches Reimschema und einen treibenden Rhythmus, und sie zeichnen sich durch knitzen Witz aus. Viele kann er auswendig, Text-Nachschub hat er in einer Mappe mit dabei. Einen festen Tag für seine lyrischen Interventionen in der Stadt hat er nicht: „Ich entscheide mich ganz spontan, stelle mich hin, und nach einer Viertelstunde bin ich vielleicht schon wieder weg“, erzählt er. Nach Küferstraße, Maille und Bahnhofstraße möchte er demnächst auch mal in den Stadtteilen Station machen.
Dass er um eine kleine Spende bittet, ist für ihn ein Ausdruck der Wertschätzung für die Anstrengungen eines Autors: „Gedichteschreiben ist Arbeit, auch wenn die Texte leicht und witzig daherkommen. Dafür möchte ich genauso bezahlt werden wie ein Fleischer für seine Leberwurst.“ Doch bei seiner Aktion geizt Dirk Werner auch nie mit gedichteten Zu- oder Dreingaben, wie etwa dieser: „Hast Du einen Reißverschluss? Der bald rauf, bald runter muss. Elevatorhaft und emsig, mal beschleunigt und mal bremsig.“