Autor aus Weil der Stadt Krimis im Fernsehen schaut er gar nicht gerne

Von Bartek Langer 

Mordermittler Hans-Peter Schühlen hat ein Buch über seine spektakulärsten Fälle verfasst.

Sein Buch ist für Hans-Peter Schühlen auch eine Art des Verarbeitens. Foto: factum/Granville
Sein Buch ist für Hans-Peter Schühlen auch eine Art des Verarbeitens. Foto: factum/Granville

Weil der Stadt - Es war bei einem Einsatz im Jahr 1990, als Hans-Peter Schühlen eine Wohnung in Stuttgart-Hallschlag betrat, und das, was er zu sehen bekam, sollte sich unwiderruflich in sein Gedächtnis einbrennen. Vier Kinder einer tunesischen Familie hatten in ihrem Zimmer ­gezündelt und waren an den Rauchgasen erstickt. „Gerade als Familienvater ging mir das sehr nach“, sagt der 65-Jährige. „So ­etwas kann man nicht einfach wie ein Kleidungsstück in der Garderobe abhängen, wenn man nach Hause kommt.“

Schühlen, der seit dem Jahr 1983 in Weil der Stadt lebt, ermittelte mehr als 40 Jahre als Kriminalhauptkommissar für die Mordkommission Stuttgart und hat in seinem Buch „Stuttgarter Tatorte – Meine spektakulärsten Fälle“ authentisch und mit dem Blick eines Insiders über seine Fälle aus dieser Zeit geschrieben. Nicht nur, weil er und die Kollegen bei der gemeinsamen Aufarbeitung darüber gesprochen hätten, die Erlebnisse zu dokumentieren. „Es ist auch eine Art des Verarbeitens“, sagt Schühlen, der vom ersten Arbeitstag an jeden Presseartikel zu seinen Fällen aufbewahrt hatte, was die Buch-Recherchen um einiges ­erleichterte.

192 Seiten voller Spannung

Auf 192 Seiten finden sich aufsehenerregende Fälle, wie etwa der Volksfest-Mord von 1978, als ein Mann in Bad Cannstatt von seinem Arbeitskollegen nach einem Streit mit einer Eisenstange erschlagen wurde. Zudem gewährt der ehemalige Kriminalhauptkommissar einen Einblick in die Geschehnisse während des „Deutschen Herbsts“, als das in Stammheim einquartierte Führungstrio der RAF nach der Befreiung der Landshut-Maschine in Mogadischu durch die Antiterroreinheit GSG9 Selbstmord beging. „Da wurde ich am nächsten Morgen alarmiert, um die Todesermittlungen durchzuführen”, erzählt Schühlen und erinnert sich: „Um Vorwürfen vorzubeugen, dass es sich um einen staatlichen Mord handelte, ließen wir auch Rechtsmediziner aus der Schweiz und Österreich einfliegen.“

Die meisten Mordfälle sind ihm zufolge nach wie vor Beziehungstaten, was die ­Ermittlungsarbeit erleichtert, da es viele Ansatzpunkte gibt, um die Täter zu finden. „Daher ist die Aufklärungsquote sehr hoch“, sagt Hans-Peter Schühlen. In Stuttgart liege diese bei 98 Prozent. „Der letzte ungeklärte Mordfall war 2008“, weiß er. Bei der Mordkommission hatte er es aber nicht nur mit Mordfällen zu tun, sondern auch mit Großbränden und Brand­serien. „Das macht nicht die Feuerwehr, wie viele fälsch­licherweise meinen“, sagt der 65-Jährige, den die Kripo in der heißen RAF-Zeit angeworben hatte, weshalb er auch zum Sprengstoffmeister ausgebildet wurde. „Ich hatte schon eine Zusage für eine Ausbildung zum Flugsicherungslotsen“, erzählt er. Doch zufällig entdeckte er ein Werbeplakat mit der Sonderlaufbahn bei der Polizei und hörte sich die Sache „spaßeshalber“ an.

Der „Katakombenkommissar“

In den letzten Jahren seiner Laufbahn verdiente sich Schühlen den respektvollen Spitznamen „Katakombenkommissar“, als er mit dem Aufkommen der DNA-Analyse im alten Ölkeller des Polizeipräsidiums am Pragsattel in den Akten mit ungeklärten Morden kramte – schließlich verjährt Mord nicht. Von den 64 „Cold Cases“ von 1945 bis 2013 konnte er mit seinem Team neun jahrzehntelang ungeklärte Fälle lösen. Hätten seine Kollegen damals aus Platzgründen die meisten Asservate nicht entsorgt, wäre die Quote wohl noch um ­einiges höher ausgefallen. „Aber keiner konnte wissen, dass eines Tages die DNA-Analyse kommt“, sagt er. Womöglich wird dank seiner Arbeit noch der ein oder andere Fall aufgeklärt. „Bei neun weiteren Mordfällen hatten wir eine tatrelevante DNA gefunden, die noch im Nachhinein zu Treffern führen könnte“, erklärt Schühlen, der sich in seinem Buch aber nur mit abgeschlossenen Fällen beschäftigt, um die Arbeit seiner Nachfolger nicht zu behindern. Daher ist auch der Fall von der 1981 in Möhringen ermordeten Sabine Binder, mit dem er sich lange befasst hat, nicht darin zu finden. Vieles lässt ihn bis heute nicht los. Einmal musste er sogar einem Bekannten die Nachricht überbringen, dass seine Tochter Selbstmord begangen hatte. Seine Familie wollte der introvertierte Mann aber nie mit seiner Arbeit belasten, auch wenn dies oft nicht einfach war.

Seit seiner Pensionierung veranstaltet Schühlen Krimi-Touren in Stuttgart und erzählt Spannendes im Polizei-Museum – die Idee dazu hatten er und zwei seiner früheren Arbeitskollegen. Krimis schaut der gebürtige Sindelfinger übrigens äußerst ungern – nicht nur, weil die Gattin ihn mit einem „Kommentarverbot“ belegt hat. ­„Jedes Mal sage ich mir, das war das letzte Mal“, meint er, ärgert er sich doch ein ums andere Mal über die Darstellung der ­Polizeiarbeit. „Da gibt es so viele Gemeinsamkeiten wie zwischen Al Capone und Mutter Theresa!“