Literatur und Depression „Klar ist leider gar nichts“ –Thomas Melle über ein Leben am Rand des Suizids

Der Schatten des Wahns will nicht weichen: Paulina Alpen als Thomas Melle in der Stuttgarter Bühnenadaption von „Die Welt im Rücken“. Foto: Julian Baumann

Als Schriftsteller gefeiert, psychisch zerrüttet: Ein Gespräch mit Thomas Melle im Angesicht seiner manisch-depressiven Erkrankung.

Kultur: Stefan Kister (kir)

In seinem Memoir „Die Welt im Rücken“ hat Thomas Melle eine bipolare Erkrankung in ein Stück Weltliteratur verwandelt. Literarisch gelingt dem Autor alles. Doch die Manie sitzt ihm weiter im Nacken. Davon handelt sein neuer Roman „Haus zur Sonne“ – und das Gespräch vor einem Besuch am Schauspiel Stuttgart.

 

Herr Melle, Sie schauen sich in Stuttgart die Theater-Adaption von „Die Welt im Rücken“ an, worin Sie vor knapp zehn Jahren Ihr von manisch-depressiven Attacken zerrüttetes Leben offengelegt haben. Oder müsste man korrekterweise von der Krankheit eines Protagonisten namens Thomas Melle sprechen?

Dass es immer auch fiktive Elemente gibt, selbst im authentischsten Bericht, selbst in der bloßen Erinnerung, ist wohl klar. Man kann hier von einer literarischen Figur sprechen, die aber mit mir übereinstimmt, soweit das überhaupt geht bei den Zersplitterungen dieser Krankheit.

Wie fühlt man sich vor so einer Form der Selbstbegegnung?

Sehr seltsam, wie in einem von Charlie Kaufman geschriebenen Film, in dem die fiktiven und biografischen Erzählebenen ständig durcheinandergehen, „Being John Malkovich“ etwa. In der Fassung meines Buches, die Joachim Meyerhoff an der Wiener Burg auf die Bühne gebracht hat, war das noch auf fast unheimliche Weise sehr psychologisch. Ich glaube, die Stuttgarter Inszenierung von Lucia Bihler abstrahiert stark, ist vielleicht eine Art Graphic-Novel-Version des Ganzen, und ich kann es wohl betrachten, als würde es von jemand anderem handeln, als wäre es eben ganz zu Kunst geworden. Aber ich lasse mich überraschen. Das Buch ist ja auch schon weiter weg von mir.

Thomas Melle Foto: Regina Schmeken

Ihrer Produktivität ist die Krankheit nicht abzulesen. Vor gut drei Jahren erschien Ihr Roman „Das leichte Leben“ über eine ermüdete, ausgelaugte Gesellschaft, im Herbst waren Sie mit dem „Haus zur Sonne“ für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Buch schließt direkt an die „Die Welt im Rücken“ an und erzählt von einem schweren Rückfall, schlimmer als alles Bisherige. Wie konnten Sie dem, was Sie schildern, das Schreiben abtrotzen?

Ich finde, da sind schon sehr krasse Einschnitte bei mir. Ich weiß, wo die Produktivität völlig versiegt ist. Und ich weiß es manchmal gar nicht mehr, wie ich diese Sachen schreiben konnte. Wahrscheinlich, weil ich nichts anderes mehr konnte als zu schreiben.

Auslöser der Krise war eine sich aufschaukelnde Social-Media-Dynamik wegen eines Peter-Handke-Artikels. So weit, so wahr?

Ja, vor allem auch der sofort folgende Stress und die Schlaflosigkeit. Aber vielleicht hatte ich mir sowieso zu viel zugetraut in dieser Zeit. Die Dynamik war nur der Auslöser, der eigentliche Grund war wohl das zu große Vertrauen in die Medikamente und in ein mögliches neues, normales Leben. Da wurde ich unvorsichtig.

Dieses Mal führt der Weg aus der selbst erlebten Misere tiefer in die fiktive Welt eines Selbstmordsanatoriums. Irritierend mischt sich die radikale Destruktivität psychischen Leidens mit der Konstruktivität literarischer Erfindung.

Das finde ich immer überraschend, wenn darin Konstruktives gesehen wird – und auch schön. Aber der Protagonist versucht ja wirklich, noch irgendetwas an Leben herauszupressen vor seinem Abgang, und es gelingt ihm wohl gegen sein besseres Wissen.

Je rückhaltloser Sie den Blick auf die individuelle Innenwelt des hochgradig suizidalen Protagonisten freigeben, desto beziehungsreicher wird der Text. Auf eine Weise erzählen Sie in „Haus der Sonne“ die faustische Geschichte von einem, der einen Teufelspakt mit den Lebensoptimierungsimperativen der neoliberalen Gesellschaft eingeht, die die Erfüllung sämtlicher Wünsche verspricht, allerdings um den Preis des Todes.

Das ist die Zweischneidigkeit, denn an sich ist die Idee doch vielleicht keine schlechte? Ich habe das dargestellt, ohne es letztgültig zu bewerten. Ja, neoliberal, aber vielleicht doch würdiger als – aus lauter Obhut des Staates – gezwungenermaßen auf den nächsten Schienen zu landen, weil man sonst nichts packt und darf? Würdiger für alle Beteiligten? Jede Lösung hat auch etwas Schreckliches.

Ist die Erzählung über die Krankheit ein Medium für all das, was man das Mal du siècle unserer Zeit nennen könnte?

Insofern vielleicht, als dass die Sehnsüchte des Protagonisten auch nicht aus sich herauskönnen. Die Sehnsüchte wissen auch nicht weiter. Das könnte ein Signum der Zeit sein.

Sie umkreisen das Tabu des Suizids, welche Reaktionen erreichen Sie seitens der Leserschaft?

Nicht so viele wie bei der „Welt im Rücken“, da ging es ja auch mehr um eine Hoffnung. Aber überraschend viel Verständnis gibt es jetzt, auch viel Zugeständnis, dass man selbst schon einmal an dem Punkt war. Das Tabu ist da, aber der Umgang damit in dem Buch scheint manchen etwas zu eröffnen.

Oder ist der Text das Medium der Selbsterhaltung: Am Fluchtpunkt des Todes überführen Sie die eigene Geschichte in die Fiktion. Ist das eine Form der Todesabwehr, wer schreibt, der lebt?

Höchstens für die Dauer des Prozesses des Schreibens. Aber als Resultat nicht. Abgeschlossen ist hier noch nichts. Und ich habe noch Dinge zu bearbeiten, aus genau demselben Komplex, schambesetzte zumal, wirklich keine leichte Aufgabe. Ob sie mir gelingt? Und welche Form muss ich wählen, welchen Modus, vielleicht größere Fiktion? Ich weiß es noch nicht.

Läge darin nicht genau die Hoffnung der Literatur, sich mit Erzählen gegen die Schrecken der Welt zu behaupten?

Woher die Schrecken wirklich kommen, ist nicht trennscharf festzustellen. Innen und Außen sind da eine tödliche Verbindung eingegangen, und die Schrecken der Welt sind Teil des Ichs, genauso wie das Ich die Welt schon verformt. Aber ja, während der Autor erzählt, lebt er. Und wenn er manchmal noch Schönheit erschafft, lebt er fast schon gut.

Andererseits wendet sich der Protagonist gerade dagegen: wenn er gegen die Leute polemisiert, die zur Literatur gewordene Schicksale wie das seine goutieren, gegen die saturierte Lust auf Rettungsgeschichten.

Er sagt nur, dass die Ungeretteten eben nicht mehr zu Wort kommen können, und als solchen empfindet er sich. Das ist natürlich ein Widerspruch, denn das Buch ist ja erschienen. Klar war das aber nicht. Klar ist leider gar nichts.

Ihr Buch ist ein radikaler Einspruch gegen eine Ökonomie, die noch die intimsten Wünsche Sterbender zu kapitalisieren versucht.

Das ist so, und gleichzeitig wird gefragt, ob man diese zerstörerische Ökonomie – im Sinne eines teuflischen Deals – nicht auch möglichst sinnstiftend für sich nutzen könnte, wenn man einmal an diesem Punkt der gewollten Selbstabschaffung angelangt ist. Und irgendwie ist das Buch ja selbst Teil dieser ökonomischen Logik.

Wie erleben Sie den Erfolg Ihrer Bücher im Verhältnis zu den katastrophalen Ereignissen, von denen sie handeln: dem eigenen Leiden an einer unbarmherzigen Krankheit?

Ich erlebe den Erfolg gar nicht so stark. Und es ist ein total angespanntes Verhältnis, das mir selbst oft auf die Nerven bis an die Nieren geht, vor allem im täglichen Leben inzwischen, im Umgang mit den Folgen. Aber es ist eine Aufgabe, die mir aufgetragen wurde, und nun erfülle ich sie, soweit ich kann.

„Die Welt im Rücken“ endet mit einem Gebet, welcher Art ist das Helle am Schluss des „Hauses der Sonne“?

Der letzte Satz wieder: „Langsam wurde es heller“. Er ist wie aus einem anderen Roman entnommen, wirkt wie ein Kategorienwechsel, wieso plötzlich „langsam“? Darin sind sowohl das Jenseits wie auch das Weiterleben enthalten, und es öffnet sich kurz in alle Richtungen. Mehr kann ich nicht sagen.

Sie haben suizidale Gedanken? Hier wird Ihnen geholfen 

Wenn Sie selbst unter Depressionen leiden oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge. Auch wenn eine nahestehende Person betroffen ist, zögern Sie nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. Telefonnummer: 0800 1110 111

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Es ist wichtig, dass Eltern, Verwandte und Freunde besonders aufmerksam sind, wenn bei Kindern oder Jugendlichen Anzeichen von Depressionen oder Suizidgefahr auftreten. Im Jahr 2023 war Suizid die häufigste Todesursache bei jungen Menschen im Alter von 10 bis 25 Jahren.

Auch hier gibt professionelle Hilfe:

www.deutsche-depressionshilfe.de

Info-Telefon Depression für Betroffene und Angehörige: 0800 33 44 5 33

E-Mail-Beratung für Betroffene und Angehörige: bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de

Kinder und Jugendtelefon: 116 111 (Montag bis samstags 14 bis 20 Uhr)

Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

Info

Autor
Thomas Melle, 1975 geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Er ist Autor vielgespielter Theaterstücke und übersetzte unter anderem William T. Vollmann und Quentin Tarantino ins Deutsche. Sein Debütroman „Sickster“ war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman „3000 Euro“, 2016 „Die Welt im Rücken“, die beide auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis standen, ebenso wie sein neuer Roman „Haus zur Sonne“ (Kiepenheuer&Witsch, 320 Seiten, 24 Euro).

Termin
Am 17. Januar, 18 Uhr, liest Thomas Melle im Schauspiel Stuttgart aus seinem Buch „Haus zur Sonne“. Im Anschluss ist Lucia Bihlers eindrucksvolle Bühnenfassung von „Die Welt im Rücken“ zu sehen.

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