Davide Bortot über die Geschichte von Deutsch-Rap Rap mit Häusle-Bauer-Attitüde

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Der Autor Davide Bortot hat gemeinsam mit Jan Wehn die sehr lesenswerte „Oral History des deutschen Rap“ vorgelegt. Am Freitag stellen die beiden ihr Buch „Könnt ihr uns hören?“ im Wizemann vor – mit illustren Gästen aus der Mutterstadt.

Haben das bisher ausführlichste Werk zur Geschichte von deutschem Rap vorgelegt: Jan Wehn (li.) und Davide Bortot. Foto: Robert Winter
Haben das bisher ausführlichste Werk zur Geschichte von deutschem Rap vorgelegt: Jan Wehn (li.) und Davide Bortot. Foto: Robert Winter

Stuttgart - Davide Bortot hat gemeinsam mit Jan Wehn Pioniere der Deutsch-Rap-Vergangenheit und aktuelle Vertreter des Genres interviewt. Die Erinnerungen und Einschätzungen der Hip-Hop-Player haben die beiden Autoren kunstvoll montiert zu einer Collage, die eine „wahnsinnige Zeitreise“ (Marteria) durch die deutsche Rap-Geschichte ergibt. Im Interview erzählt Bortot von seiner Spurensuche.

Sehen Sie hier eine Multimedia-Reportage über die Hip-Hop-Stadt Stuttgart!

Herr Bortot, in Ihrem Buch lassen Sie sämtliche Generationen des deutschen Hip-Hops zu Wort kommen. Wer hat das Genre denn erfunden?

Da gibt es mindestens zwei Wahrheiten. Je nach Lesart waren die Heidelberger um Torch und Advanced Chemistry die ersten oder die Fantastischen Vier aus Stuttgart. Es gab aber auch in der DDR sehr früh deutschen Rap mit subkulturellem Anspruch.

Wie sind diese Pioniere auf Rap gestoßen?

Viele beziehen sich auf den Film „Wild Style!“, der 1983 im ZDF lief und die amerikanische Hip-Hop-Szene dokumentierte.

Wie wurde Hip-Hop hier adaptiert?

Sehr unterschiedlich. Advanced Chemistry und die Fantastischen Vier waren Antagonisten. Erstgenannte waren Anhänger der vermeintlich reinen Lehre, die Fantas haben Rap eher aus einer deutschen Mittelschichten-Realität spaßig interpretiert.

Ist es Zufall, dass zwei Orte in Baden-Württemberg eine Vorreiterrolle einnahmen?

Nein. Die GIs in den amerikanischen Kasernen brachten ihre Hip-Hop-Kultur mit nach Baden-Württemberg. In Stuttgart kamen die Kessellage und eine gewisse Häusle-Bauer-Attitüde mit dazu.

Wie meinen Sie das?

Man hatte in Stuttgart sehr früh Zugang zu Schallplatten, Clubs und Klamotten, dazu gab es eine Studio-Infrastruktur. Dank der Kessellage liefen sich die Hip-Hop-Protagonisten immer wieder über den Weg. Einige Szene-Vertreter sorgten dann für eine Struktur, mit deren Hilfe man mit Musik Geld verdienen konnte.

In Ihrem Buch wird ein Musikmanager mit der These zitiert, dass Rap erst dann massenkompatibel wurde, als die ersten Mädchen einen Zugang zu dem Musikstil gefunden hatten. Wie sehen Sie das?

Da schwingt natürlich ein gewisser Altherren-Sexismus mit. Ich würde eher sagen, dass Musik dann Erfolg hat, wenn man auch die Leute beim Konzert überzeugt, die nicht das ganze Frühwerk auswendig kennen. Leider ist es bis heute so, dass im deutschen Hip-Hop relativ wenig Frauen involviert sind. Da müssen wir uns als Community kritisch hinterfragen. Wenn viele männliche Egos eine Rolle spielen, kann das kompetitive Element anstachelnd, aber auch anstrengend sein.

Was fasziniert Sie an Rap aus Stuttgart ?

Die Vielfältigkeit der Musik. Die Relevanz der Anfangszeit konnte fortgeführt werden mit Bands wie den Orsons, die einen Meilenstein in der Geschichte des deutschen Rap darstellen, über Cro, mit dem sich die endgültige Popwerdung des deutschen Rap vollzogen hat, bis zu Künstlern wie Rin oder Bausa.

Lesung: Davide Bortot und Jan Wehn stellen ihr Buch „Könnt ihr uns hören? Eine Oral History des deutschen Rap“ am Freitag, 15. März um 20 Uhr im Wizemann vor. Die Autoren diskutieren mit Max Herre, DJ Schowi und Dexter über den Siegeszug eines Genres.




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