Etwas Entlastung gibt es durch die Coronaauflagen
Allerdings werden die Poser durch Corona etwas ausgebremst, berichtet Erich Theile. „Bisher gibt es deutlich weniger Belastungen“, sagt er. Das hänge mit der Ausgangssperre und der Schließung von bestimmten Lokalen im Lockdown zusammen. Doch er macht sich nichts vor: Wenn die Coronaauflagen zurückgenommen werden, würden die Selbstdarsteller im Auto wieder loslegen.
Jan Kempe, der Fellbacher Polizeichef, weiß, dass die Poserszene belastend sein kann. „Die Bürger haben ein Recht auf Nachtruhe“, sagt er. Allerdings seien die Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, leider begrenzt. Wenn ein genervter Anwohner anrufe und sich beschwere, dann seien die Raser meist schon wieder weg, wenn die Polizeistreife anrückt. Gut nachzuweisen sei, wenn unzulässige technische Veränderungen am Wagen vorgenommen wurden. So hatten beispielsweise mobile Streifen der Fellbacher Polizei im Herbst und am vergangenen Wochenende in gezielten Aktionen nach getunten Fahrzeugen gefahndet und waren fündig geworden.
Jüngste Kontrollaktion war am Wochenende
Bei der jüngsten Kontrollaktion hat die Fellbacher Polizei mit Spezialisten der Verkehrspolizei Backnang am Wochenende insgesamt zwölf Fahrzeuge kontrolliert, die wegen ihrer Lautstärke und optisch erkennbarer Veränderungen im Straßenverkehr aufgefallen waren. „Die Quote der Beanstandungen war überraschend hoch“, berichtete der Einsatzleiter Florian Wünsch. Lediglich drei der kontrollierten Fahrzeuge hatten keine Mängel. Bei allen anderen war durch technische Veränderungen die Betriebserlaubnis erloschen, teilte die Polizei mit.
Einige PS-Boliden werden in die Werkstatt abgeschleppt
Bei zwei PS-Boliden wurden gleich vor Ort wegen manipulierter Auspuffanlage und unzulässiger Rad-Reifen-Kombination die Kennzeichen abmontiert. Der Weg von der Kontrollstelle in die Werkstatt wurde dann mit einem Abschleppwagen zurückgelegt. Im Schnitt hatten die kontrollierten Fahrzeuge 256 Pferdestärken unter der Haube. Dass man aber auch mit dieser enormen Leistung ohne „übertriebenes Gasgeben“ im Straßenverkehr unterwegs sein könne, hätten laut Polizei drei „ältere“ Fahrer unter Beweis gestellt – „also Fahrer um die 30 Jahre“, so Jan Kempe. Im Durchschnitt waren die Fahrer 25 Jahre alt. Nur einer kam aus Fellbach, einer aus Aachen, alle anderen stammten aus Stuttgart und Umgebung.
Allerdings, darauf verweist der Polizeichef, seien viele Autos schon serienmäßig so ausgestattet, dass sie „aufgemotzt daherkommen“ – etwa durch einen tiefen Sound. Technisch könne dies aber durchaus zulässig sein. Wenn es um das unzulässige Fahrverhalten gehe, dann müsse die Polizei zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.
Neue Straßenverkehrsordnung wird künftig greifen
Bis vor Kurzem hatte noch die Novelle der Straßenverkehrsordnung auf Eis gelegen. Sie sieht einen neuen Bußgeldkatalog vor, mit dem allgemeine Lärmbelästigung wie beispielsweise „unnützes Hin- und Herfahren“ höher bestraft werden kann. „Das war ärgerlich, dass sie lange auf Eis war“, sagt Jan Kempe. Er freut sich, dass die Novelle nun auf den Weg gebracht wird. „Das hat eine andere Aussagekraft.“ Die Verkehrsministerkonferenz mit Vertretern von Bund und Ländern hat sich im April unter anderem auf höhere Geldbußen für Raser geeinigt.
Jan Kempe ist bewusst, dass die Bahnhofstraße zu den Rennstrecken im Stadtgebiet zählt – aber auch die Esslinger Straße, die Bühlstraße oder auch die Strecke rauf auf den Kappelberg. Dass die Hirschstraße und die Cannstatter Straße ebenfalls für die überwiegend jungen Männer in den protzigen Karossen attraktiv sind, greife er auf. „Es geht ums Sehen und Gesehen werden“, so Kempe, und durch die Bebauung halle der Sound der Motoren besonders.
Anwohner der Hirschstraße leiden ebenso unter Lärmbelastung
Denn auch Anwohner der Hirschstraße leiden unter dem Lärm. „Beim Einparken hat es einen lauten Schlag gemacht“, erzählt eine Betroffene. Mit den Insassen der Fahrzeuge das Gespräch zu suchen und Rücksicht einzufordern, habe allerdings wenig gebracht. Die Anwohner, die bewusst in die Neubauten im Rathaus-Carrée gezogen sind, schätzen die Nähe zu Geschäften und allen weiteren Einrichtungen. „Es ist ein schönes Quartier, in dem alles da ist, aber der Lärm mindert die Lebensqualität und ist ein großes Thema“, machen Anwohner deutlich. Eine Anwohnerin bringt daher den Gedanken ins Spiel, warum nicht eine Fußgängerzone beim Rathaus-Carrée wie in anderen Städten möglich sei.
Jan Kempe verspricht, am Thema dranzubleiben. Im Frühjahr stehe ein neues Lasermessgerät zur Verfügung. „Das soll mehr eingesetzt werden“, sagt der Polizeichef. Das ist wohl ganz im Sinne von Erich Theile. Er habe schon viele Vorschläge gegenüber der Verwaltung gemacht, um Raser und Poser auszubremsen. Der bisherige mobile Blitzer in einem blauen Kastenwagen sei so auffällig, dass sich die einschlägigen Autofahrer gegenseitig warnen. Erich Theile hält stationäre Blitzer für eine gute Lösung.
Dass das Thema auch junge Menschen nervt, zeigt das Beispiel eines anderen Anwohners der Bahnhofstraße. Der Teenager hat im vergangenen Jahr einen Brief an Oberbürgermeisterin Gabriele Zull geschrieben. Und wie er berichtet, habe sie geantwortet und angekündigt, dass sie sich um das Thema kümmern wolle. Gerade sei allerdings zum Glück etwas Pause von den dröhnenden Motoren, dank Corona, berichtet der Jugendliche. Gerade deshalb erlebe man, wie gut es tue, wenn die Lärmbelastung mal eine Zeit lang niedriger sei, sagt Erich Theile.