Für Joachim Baier gehört das Weindorf zum Stuttgarter Sommer dazu
Während ich genug Leute kenne, die sich schon vor Wochen einen Tisch in einer der Lauben auf dem Weindorf reserviert haben, meiden andere das Weindorf wie das andere Stuttgarter Großevent mit W. Und ja, die Ist-der-Wasen-cool-oder-nicht-und-wie-teuer-ist-die-Maß-und-warum-tragen-Leute-Tracht-Diskussion wird in den nächsten Wochen auch garantiert wieder hochkochen.
Ähnlich polarisierend wie der Wasen ist jedenfalls auch das Weindorf. Ich persönlich gehe ganz gerne aufs Weindorf, denn für mich ist es jedes Jahr ein bisschen der perfekte Abschluss für den nicht immer so perfekten Stuttgarter Sommer. Denn sind wir mal ehrlich: Solche Feste machen das Stadtleben doch einfach aus. Den ganzen Sommer über freut man sich auf die Straßenfeste, die natürlich immer ein bisschen zu voll sind und auf denen man natürlich viel zu lange für Bratwurst oder Bier ansteht und dafür auch noch recht tief in die Tasche greifen muss. Das Weindorf gehört da einfach dazu und macht den Sommer in unserer Stadt dann doch so besonders. Denn ohne all die Feste wäre es hier einfach nur heiß. Wenn es denn nicht regnet. Die Wetteraussichten für die nächsten Wochen sind jedenfalls recht stabil und so wird man auch mich das ein oder andere Mal auf dem Weindorf finden. Und das ist auch gut so!
Doch kaum wurde das erste Glas Wein eingeschenkt, geht auch der Weindorf-Hate los. Zu voll, zu elitär, zu teuer. The same procedure as every year. Oder nicht? Ich kann dieses Weindorf-Bashing, wie auch das Bashing der anderen Feste in unserer Stadt, nicht verstehen. Denn: Es wird ja niemand gezwungen, aufs Weindorf zu gehen. Genauso wenig muss man sich auf dem Weindorf abschießen. Just saying! Weindorf ist, was du draus machst.
Und auch das Argument, dass es ja so elitär und verstaubt sei, lasse ich nicht unbedingt gelten. So sorgen in den letzten Jahren immer mehr Jungwinzer:innen mit eigenen Lauben dafür, dass das Weindorf cooler und auch für ein jüngeres Publikum, das mit der Bahn statt mit der G-Klasse anreist, interessanter wird. Und schaut man sich beispielsweise in den Lauben von Wein-Moment, der Fritzle Weinlaube oder jetzt auch ganz neu in der Laube von Sitt Wein aus der Tübinger Straße um, scheint das Konzept aufzugehen. Weindorf, aber in cool.
Ein Kritikpunkt, der natürlich völlig legitim ist, sind die Preise. Ja, der Besuch auf dem Weindorf kann schnell teuer werden. Muss er aber nicht unbedingt. Denn auch hier ist die Range recht groß und jede:r kann selbst entscheiden, ob es ihm oder ihr wirklich wert ist, so viel Geld für Wein oder Maultaschen auszugeben. Das Viertele Wein gibt’s in diesem Jahr übrigens ab sechs Euro. Und da wir in einer Stadt leben, in der die Kugel Eis zwei Euro kostet und Cafés einen Aufpreis für Hafermilch und Eiswürfel im eh schon teuren Cappuccino berechnen, muss man sich eigentlich gar nicht weiter aufregen. Cheers!
Für Björn Springorum ist das Weindorf polarisierend
Viele Jahre war das Weindorf für mich ein Gruselkabinett, eine Veranstaltung, die exemplarisch dafür stand, was falsch läuft in der Württemberger Weinwelt. Wie ein Volksfest, nur mit Lauben statt Bierzelt. Ohne Dirndl, dafür mit der Halbhöhenlage-Uniform von Monika und Lutz. Ohne Maßkrüge, aber dafür mit diesen Henkelgläsern, aus denen man literweise unsäglichen Trollinger mit Lemberger in sich hineingestürzt hat und sich aus vollkommen unverständlichen Gründen feiner und elitärer gefühlt hat als auf dem Wasen ein paar Kilometer weiter Richtung Osten.
Und machen wir uns nichts vor: So ist es an den meisten Ständen bis heute.
Es gibt den Trollinger aus der großen Literflasche, warum denn nicht mit ordentlich Restzucker, man gönnt sich ja sonst nichts, und es gibt die schlimmen Henkelgläser. „Aber die Henkelgläser sind Tradition!“, mögen da manche hartgesottenen Laubenultras empört aufschreien. Na ja, Stierkampf, Papstwahl, Feuerwerk und Walfang sind auch Traditionen.
Weindorf also. Einmal im Jahr verwandelt sich die Stadt in eine Horde Betrunkener, die über Nacht auf magische Weise zum Weinkenner mutiert ist. Während man munter weiter den Primitivo für 3,99 Euro in den Einkaufswagen lädt, wenn niemand hinschaut, wird an den Lauben plötzlich munter über Wein schwadroniert, als wäre man urplötzlich unter einem Teamausflug von Sommeliers geraten. Mit einem Unterschied: Niemand hat so Recht Ahnung. Das wäre gar nicht schlimm, man muss keine Ahnung von Wein haben, um ihn gern zu trinken. Aber dieses pseudoelitäre Gewäsch von Menschen, die Kessler tatsächlich für einen sensationellen Sekt halten ohne zu wissen, dass die meisten Trauben billige Massenware aus Italien sind, ist mitunter schwer zu ertragen.
Sicher, wir sind hier genossenschaftlich geprägt, weswegen es völlig okay ist, dass auch auf dem Weindorf eine Menge Wein von Winzergenossenschaften ausgeschenkt wird. Insbesondere auswärtigen Besuchern vermittelt das aber eben ein unvollständiges Bild von der Weinwelt hier. Denn wer nur das Weindorf kennt, weiß in der Regel nicht, wie viele grandiose Winzer und Weltklasseweingüter wir hier in der Region haben.
Doch halt. Auch auf dem Weindorf tut sich was. In den letzten Jahren habe ich erfreut festgestellt, dass sich vermehrt junge Winzer oder Gastronomen von guten oder zumindest grundsoliden Weingütern auf dem Weindorf präsentieren. Mal als Jungwinzer-Vereinigung, mal angehängt an einen Weinhandel, mal als Repräsentation eines guten Restaurants mit toller Weinauswahl. Das ist auch Joachim nicht entgangen.
Plötzlich herrscht hier und da tatsächlich ein frischer Wind zwischen den verquasten Lauben, die in etwa dasselbe Image haben wie der Trollinger außerhalb von Württemberg: Altmodisch, überholt, höchstens was für Rentner:innen. Stimmt aber eben nicht. Während das auf viele Trollinger aus Großbetrieben zutreffen mag, gibt es auch hier in der Region zahlreiche Winzer, die einen bodenständigen, rustikalen Landwein daraus keltern, der leicht gekühlt die perfekte Alternative zur grassierenden Spritz-Manie ist. Man muss diese Trollinger eben nur suchen. Genau so verhält es sich mit dem Weindorf: Es gibt sie, die gallischen Dörfer unter den zahllosen Römern. Man muss sie nur finden.
Den Rest des Weindorfs muss man sich dabei natürlich immer noch geben. Und das ist im Grunde auch nichts anderes als das Volksfest. Nur dass man danach nicht die U11, sondern den Marktplatz vollkotzt.