Autorenserien aus den USA Das mutigere Kino hat eine Fernbedienung

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Mit raffinierten Fortsetzungserzählungen wie "The Wire" , "Mad Men" und "Boardwalk Empire" hat sich das Fernsehen viel Lob eingehandelt.  

Die glitzernde Fassade des Spielerparadieses Atlantic City wird in der HBO-Serie „Boardwalk Empire“ sorgfältig rekonstruiert und kritisch hinterfragt. Foto: AP Photo/HBO
Die glitzernde Fassade des Spielerparadieses Atlantic City wird in der HBO-Serie „Boardwalk Empire“ sorgfältig rekonstruiert und kritisch hinterfragt. Foto: AP Photo/HBO

Stuttgart - Ein Gesprächsthema waren Fernsehserien schon immer. Aber in manchen Zirkeln, da war ein Gespräch über diese Serien lange Zeit gleichbedeutend mit einem Gespräch über Volksverdummung. Diese Verachtung für eine Erzählform hat sich fast ganz aufgelöst. Sie hält sich allenfalls noch als eingekrusteter Gesinnungsrest bei Menschen, die sich schon lange nicht mehr selbst angeschaut haben, was sie pauschal verdammen.

Die besten Fernsehserien der vergangenen Jahre werden von Kritikern, Feingeistern, Actionfreunden und Genießern bissigen Witzes in höchsten Tönen gelobt. Fernsehen, liest man, sei das intelligentere, mutigere Kino geworden, es habe den Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts beerbt und liefere wichtige Neuzugänge im kollektiven Bildvorrat. Allerdings hat sich, umgekehrt, das neue Edelfernsehen - "The Sopranos", "Six Feet under", "Deadwood", "The Wire", "Mad Men" sind oft zitierte Beispiele - dem klassischen Kulturverständnis auch einen großen Schritt genähert. Es ist kein anonymes Industrieprodukt mehr, denn die neuen Serien entspringen der Vision einzelner Kreativer, die als Produzenten und Chefautoren die Integrität ihres Werkes schützen. So können große Erzählbögen gewagt werden, über mehre Episoden, über eine ganze Staffel, ja, gar über mehrere Staffeln hinweg. Gern wird darum der Begriff vom Autorenfernsehen auf diese Serien angewandt.

Mit desaströsen Quoten verheizt

An diesem Prestigezuwachs sind zwei Umstände besonders erstaunlich. Zum einen fußt er keineswegs auf Anstrengungen des öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens, dessen Kulturauftrag gut finanziert wird, sondern auf den Serien amerikanischer Sender, vor allem des Bezahlkanals HBO, die im Kampf um Zuschauer, Werbekunden und Abonnenten stehen. Zum anderen spielen diese hochgelobten Serien im deutschen Fernsehen nur eine Nebenrolle. Sie werden gar nicht oder spät gekauft und dann auf miesen Sendeplätzen mit desaströsen Quoten verheizt - oder sie tauchen in den reichweitenschwachen Spartensendern des hiesigen Bezahlfernsehens auf. Derzeit ist das an der in Amerika zu den Kritikerlieblingen zählenden HBO-Serie "Boardwalk Empire" zu beobachten, die einen Einblick in die Geschichte der Spieler- und Kasinostadt Atlantic City gibt. Die läuft hierzulande beim Bezahlkanal TNT.

An klassischen Maßstäben gemessen, müsste man also sagen, die neuen Autorenserien seien beim deutschen Publikum noch gar nicht angekommen. Die klassischen Maßstäbe aber gelten nicht mehr: Die Serien erfreuen sich bei uns großer Beliebtheit - dank der Staffelboxen auf DVD. Obwohl die Deutschen nur zögerlich Bezahlkanäle akzeptieren, sind sie bereit, für Fernsehproduktionen auf DVD viel Geld auszugeben. Das könnte auch damit zu tun haben, dass - wie Kritiker und Medienwissenschaftler regelmäßig anmerken - diese neuen Autorenserien erst durch die DVD-Box die ihren Inhalten gemäße Präsentationsform finden. Dank der DVD kann der Zuschauer den komplexen Erzählsträngen in einem ihm passenden Tempo folgen, er kann sich verlieren in nächtelangen Sitzungen, die immer wieder mit dem gebannten Lesen dicker Romane verglichen werden. Dazu passt, dass die Abfolge mehrerer Staffelboxen im heimischen Regal an die Klassikerausgaben im bürgerlichen Wohnzimmerregal erinnern.

Kult ums Originalgenie

Die Auseinandersetzung mit den US-Serien erschüttert den bürgerlichen Kulturbegriff aber auch ein wenig, denn dieser Kulturbegriff umfasst auch immer den Kult ums Originalgenie. So stark die Persönlichkeit und Produzentenstellung eines sogenannten Showrunners auch sein mag, er führt immer ein Team von Autoren und Regisseuren an. Im vergangenen Jahr hat die Stuttgarter Merz-Akademie Medienfachleute zu einem Symposium geladen, um Arbeitsweisen und Serienbotschaften zu erkunden. Die in diesem Zusammenhang entstandenen Beiträge liegen jetzt in dem Buch "Autorenserien - Die Neuerfindung des Fernsehens" vor.

Die Einblicke in den Serienbetrieb, die Erfinder und Zuarbeiter wie Tom Fontana ("Oz"), Ted Mann ("Deadwood") und Karen Thorson ("The Wire") bieten, sind hochinteressant, die Aufsätze - beispielsweise von Diedrich Diederichsen und Thomas Morsch - schotten sich aber auch durch ihren akademischen Jargon gegen die Lektüre ab. Wer aber mit Formulierungen wie jener von der "Selbstbespiegelung der Serie innerhalb der Diegese" keine Schwierigkeiten hat, kann mit Hilfe des Bands zu einer Erkenntnis aufschließen, die für viele DVD-Käufer längst nicht mehr neu ist: Autorenserien liefern feinsten Gesprächsstoff.