Ihre Bücher wurden in Irland verbrannt und verbannt. Edna O’Brien zählt zu den mutigsten Schriftstellerinnen ihrer Generation. An diesem Dienstag feiert sie ihren 90. Geburtstag.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Vielleicht ist es absurd, eine 90-Jährige noch als „Bad girl“ zu charakterisieren. Doch erstens sind die Zeiten noch nicht lange vorbei, in denen Edna O’Brien in ihrem Geburtsland Irland genau als solches verrufen und geächtet war. Und zweitens hat die seit vielen Jahren im britischen Exil lebende Autorin bis heute nichts von ihrer Angriffslust und ihrem Engagement eingebüßt. Ihr Debüt „Die Fünfzehnjährigen“ aus dem Jahr 1960 über die Freundschaft junger Mädchen, die sich der repressiven Sexualmoral einer bigotten Gesellschaft nicht beugen wollen, wurde in Irland einst öffentlich verbrannt und aus den Buchhandlungen verbannt. Und noch in diesem Frühjahr schockierte sie mit ihrem Roman „Das Mädchen“ eine allzu vergessliche Öffentlichkeit, der sie das Martyrium einer von der dschihadistischen Terrormiliz Boko Haram entführten jungen Frau in schonungsloser Drastik vor Augen führt.

Verschränkung von Gefühl und Politik

O’Brien, am 15. Dezember 1930 in County Clare geboren, zählt zu den mutigsten Schriftstellerinnen ihrer Generation, bewundert von Kolleginnen wie Elena Ferrante. Frauen, die wegen ihres Kampfes für Selbstbestimmung Ausgrenzung und Gewalt erfahren, stehen im Mittelpunkt ihrer Romane. Ihr spätes Meisterwerk „Die kleinen roten Stühle“ erzählt von dem Martyrium einer jungen, unglücklich verheirateten Frau, die sich in einen rätselhaften Fremden verliebt, der sich als gesuchter serbischer Kriegsverbrecher entpuppt. Die Weise, wie sich hier die Passionsgeschichte einer Liebenden mit der Leidensgeschichte des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien verschränkt, ist typisch für das wechselseitige Verhältnis von Gefühl und Politik im Schaffen der Autorin. So lebt mit existenzieller Kraft im Werk der großen alten Dame der irischen Literatur immer noch das Bad girl ihrer frühen, skandalumtosten Anfänge fort.