Verschränkung von Gefühl und Politik

O’Brien, am 15. Dezember 1930 in County Clare geboren, zählt zu den mutigsten Schriftstellerinnen ihrer Generation, bewundert von Kolleginnen wie Elena Ferrante. Frauen, die wegen ihres Kampfes für Selbstbestimmung Ausgrenzung und Gewalt erfahren, stehen im Mittelpunkt ihrer Romane. Ihr spätes Meisterwerk „Die kleinen roten Stühle“ erzählt von dem Martyrium einer jungen, unglücklich verheirateten Frau, die sich in einen rätselhaften Fremden verliebt, der sich als gesuchter serbischer Kriegsverbrecher entpuppt. Die Weise, wie sich hier die Passionsgeschichte einer Liebenden mit der Leidensgeschichte des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien verschränkt, ist typisch für das wechselseitige Verhältnis von Gefühl und Politik im Schaffen der Autorin. So lebt mit existenzieller Kraft im Werk der großen alten Dame der irischen Literatur immer noch das Bad girl ihrer frühen, skandalumtosten Anfänge fort.