Autorin Lena Dunham Außenseiterin, mittendrin

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Durch ihre Fernsehserie „Girls“ ist Lena Dunham zur Identifikationsfigur vieler planloser junger Frauen geworden. Jetzt erscheint das Buch der 28-jährigen klugen Amerikanerin, eine Mischung aus Memoiren und Frauenratgeber.

Sie kennt das echte Leben:  Lena Dunham Foto: AFP
Sie kennt das echte Leben: Lena Dunham Foto: AFP

Stuttgart - Kann man ein internationaler Star und die „Stimme einer ganzen Generation” sein, vom „Time“-Magazin zu den weltweit einflussreichsten Personen gezählt werden – und gleichzeitig glaubhaft erzählen vom Außenseitertum, vom Versagen, vom Alleinsein?

Lena Dunham, Jahrgang 1986 und bekannt durch die Fernsehserie „Girls“, hat es mit ihrem Buch „Not that Kind of Girl“ wieder versucht. Schon in ihrer Serie beschreibt Dunham als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin, wie schwer es sein kann, heute eine junge Frau zu sein. Die Serie ist absolut empfehlenswert und ehrlich gut, kein proseccotriefender Mainstreamquatsch. Sie ist authentisch und oft lustig. In fast jeder Folge ist Dunhams pummeliger Körper nackt oder in peinlichen Situationen zu sehen. Sie ist eine Exhibitionistin. Aber eine sehr kluge. Und dieses Buch, das sie jetzt geschrieben hat, für das ihr zuvor 3,5 Millionen Dollar bezahlt worden sein sollen, wird ein Erfolg werden. Zumindest bei allen in den achtziger Jahren geborenen Lesern.

Lena Dunham erinnert darin an so vieles, was die meisten Angehörigen ihrer Generation selbst vergessen (oder verdrängt?) haben dürften. Sie aber nicht! Lena Dunham ist so besessen von sich und ihrem eigenen Leben, dass sie natürlich noch weiß, wie sie waren, diese allerersten wirren Flirts in den blöden Chatrooms der neunziger Jahre, in denen man sich mit Namen wie Pyro0001­ und Trixiebelle86 einloggte. Und dann diese Fernsehserien, die jeder geschaut hat und die eigentlich die Vorlagen für das echte Leben waren – nicht umgekehrt. Wenn Lena Dunham also heute nach San Francisco kommt, fällt ihr als erstes auf: die Straßen dort „erinnern an den Abspann von ,Full House’“.

Wie in den Serien – oder auch nicht

Deshalb weiß Dunham natürlich auch noch, wie es ist, sich als Zwölfjährige die Oberstufe vorzustellen: als eine Zeit, in der man mit eng an die Brust gepressten Büchern cool durch Schulflure geht, wie Angela Chase aus „Willkommen im Leben“. Dementsprechend ist Sex für Dunhams medienverseuchte Generation im Grunde etwas, bei dem zwei Gesichter einander anatmen, das Licht im entscheidenden Moment ausgeht, und dann ist alles perfekt (wie bei Kelly und Dylan in „Beverly Hills 90210“) oder etwas, bei dem die Frau multiple Orgasmen hat und ihr Apartmenthochhaus in New York zusammenschreit (wie Samantha aus „Sex and the City“.)

Doch wie ist das echte Leben? Lena Dunham erzählt von schlechtem Sex (gefundenes Fressen ist manches aus dem Buch schon jetzt für die Boulevardmedien: „Lena Dunham wurde im College vergewaltigt!“), ihren Internetflirts, von E-Mails, die sie lieber nicht verschickt hätte, von Diät-Wahnsinn, vom Inhalt ihrer Handtasche, von ihren Eltern und ihrer Schwester, von ihrer Liebe zu New York, vom Ferienlager und von ihrer Hypochondrie.

Sprachlich ist das nicht gerade der ganz große Wurf, was daran liegen mag, dass es quasi unmöglich ist, Lena Dunham zu übersetzen. Was im Englischen oft originell und locker drauf los erzählt klingt (wie am Telefon mit der besten Freundin), wirkt in seiner deutschen Übersetzung schnell umständlich und oberflächlich.

Wut, große Wut!

An vielen Stellen in ihrem Buch schlägt Dunham erstmals einen sehr viel ernsteren Ton an als in ihrer Serie. Man merkt, wie viel Frust – und auch Wut, große Wut! – sich angestaut hat. Lena Dunham beschreibt, „wie es sich anfühlt, bei einem Praktikum den Arsch getätschelt zu bekommen“ und „sich in Meetings vor lauter fünfzigjährigen Männern beweisen zu müssen“. Sie, erzählt von all den männlichen Hollywoodbekanntschaften, die zu ihr Sätze sagten wie „Du bist so ein kluges Kind“ und „Ich hoffe, dein Freund behandelt dich gut. Du hast doch einen, oder?“ und „Weißt du, viele Männer sind von starken Frauen überfordert . . .“

Und das ist eben das Problem, der harte Aufprall in den ersten Jahren im Arbeitsleben für viele in den achtziger Jahren Geborenen. Sie hatten diese verständnisvollen, lobenden Eltern („Mein Vater versicherte uns, meine Schwester und ich seien die hübschesten, schlausten und coolsten Kids der Stadt, egal, wie oft wir uns in die Hose machten oder mit einer stumpfen Küchenschere den Pony verschnitten“), dazu die Pädagogik der Alt-Achtundsechziger in den Klassenräumen – vor diesem Hintergrund musste die Rebellion der Kinder aus den Achtzigern ja eigenartig ausfallen. Die nehmen keine Drogen zur Bewusstseinserweiterung mehr, höchstens zur Bekämpfung all der Psychosen und Neurosen, die sie umtreiben. Und richtig hart landen sie eben erst, wenn sie in der Berufswelt ankommen, die nun einmal noch nicht ganz so fortschrittlich und gleichberechtigt ist, wie es ihnen ihre freigeistigen Eltern und Lehrer immer weismachen wollten.