Autorin Mirna Funk „Ich fordere Frauen auf, ihre faulen Männer zu verlassen“

, aktualisiert am 21.12.2022 - 11:02 Uhr
Mirna Funk lebt mit ihrer kleinen Tochter in Berlin und Tel Aviv. Foto: Anna Rose

Kinder bekommen, Vollzeit arbeiten und auch noch guten Sex haben? Lässt sich alles vereinbaren, sagt Mirna Funk, wenn Frauen es nur wollen.

Um zu rechtfertigen, dass Mütter nicht oder in Teilzeit arbeiten, schieben Feministinnen die Sorgearbeit vor. Das sagt die Autorin Mirna Funk, die Frauen auffordert, sich endlich finanziell unabhängig zu machen. Für ihre kühnen Thesen bekommt die alleinerziehende Mutter beides: Beifall und Hass. Sie wird vor allem von Frauen angegriffen, denen sie vorwirft, „Reihenhausfeministinnen“ zu sein.

 

Frau Funk, was sind denn Ihrer Ansicht nach Reihenhausfeministinnen?

In Deutschland werden die Diskussionen über Feminismus und Gleichberechtigung immer von ganz bestimmten Frauen geprägt. Und zwar von solchen, die in der privilegierten Situation sind, gar nicht oder nur Teilzeit arbeiten zu müssen. Weil ihr Mann genug verdient. Wobei man sagen muss: Solange bis die Scheidung kommt. Um ihr Lebensmodell zu rechtfertigen, sagen sie, dass es in Deutschland gar nicht möglich sei für Frauen mit Kindern, Vollzeit zu arbeiten.

Das sehen Sie anders?

Es gibt doch genug Frauen, die Vollzeit arbeiten müssen, weil das Geld sonst gar nicht reicht. Für die stellt sich diese Frage nicht. Aber die werden von diesen privilegierten Frauen nie mitgedacht. Nur zehn Prozent der Frauen in Deutschland verdienen mehr als 2000 Euro brutto. Das liegt an der Teilzeit.

Was raten Sie den Reihenhausfeministinnen?

Jede Frau kann tun, was sie möchte, auch als Hausfrau leben. Sie muss nur mit den Konsequenzen leben, und das werden persönliche und gesellschaftliche sein. In Westdeutschland sind viele der heutigen jüngeren Frauen mit Müttern aufgewachsen, die nicht gearbeitet haben. Ich komme aus Ostdeutschland und kannte den Begriff Vereinbarkeit nicht. Ich habe nie in Frage gestellt, dass Arbeiten und Muttersein zusammen geht.

Manchmal scheitert es am Betreuungsangebot.

Klar ist das in Westdeutschland ein Problem. Aber dann müssen Eltern das einfordern. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Wenn ich auf dem Land lebe und alle anderen Muttis sind daheim und ich gehe arbeiten, dann werde ich von denen vielleicht angegriffen, klar. Aber dann muss ich das trotzdem tun. So entwickelt sich eine Gesellschaft weiter.

Sie haben eine Tochter im Grundschulalter und von Anfang an Vollzeit gearbeitet. Wie ging das?

Ich bin alleinerziehend seit meine Tochter sechs Monate alt ist. Ich habe sie anfangs mit ins Büro genommen oder von zuhause aus gearbeitet. Ich hatte das vorher so mit meinen Chefs besprochen. Als sie acht Monate war, wurde meine Tochter von einer Tagesmutter betreut, später ging sie von 8.30 bis 17 Uhr in den Kindergarten, heute in die Ganztagsschule. In einem späteren Job als Führungskraft bei einem großen amerikanischen Unternehmen habe ich meinem Chef von Anfang an gesagt, zu welchen Zeiten ich arbeiten kann und zu welchen nicht. Das wurde akzeptiert.

So etwas kann sich eine Supermarktkassiererin wohl nicht aushandeln.

Es gibt sicher Berufe, in denen das schwieriger ist. Aber das kommt auf den Vorgesetzten an. Wenn der selbst eine Hausfrau als Partnerin daheim hat, versteht er gar nicht, dass Familienleben Flexibilität braucht. Im Osten war es normal, Kinder auch mal mit zur Arbeit zu nehmen, wenn der Hort ausfiel. Es ist auch in Ländern wie Frankreich oder Israel normal, dass Mütter Vollzeit arbeiten.

Schieben Sie damit nicht wieder den Frauen den schwarzen Peter zu, nach dem Motto: Ihr müsst es nur wollen.

Nein. Ich will, dass Frauen arbeiten und finanziell unabhängig sind, weil nur so echte Freiheit möglich ist. Aber ich sage auch Männern, dass sie genauso die Kinder von der Kita abholen müssen und nicht bis 20 Uhr im Büro bleiben. Ich habe mal Frauen in einem Artikel aufgefordert, ihre faulen Männer zu verlassen. Wenn Männer sich nicht beteiligen am Familienleben, dann darf man mit ihnen nicht zusammen sein.

Jetzt ist oft die Rede von Care-Arbeit, also der Sorgearbeit in Familien. Sie mögen den Begriff nicht, warum?

Für mich ist das Zusammenleben mit meinem Kind keine Arbeit – ebenso wenig wie das Telefonat mit meiner liebeskranken Freundin. Da stelle ich keine Rechnung und erwarte, dass der Staat meine Therapieleistungen bezahlt.

Aber das Großziehen von Kindern ist die Basis unseres Systems, auch die Basis wirtschaftlicher Prosperität. Das könnte eine Gesellschaft honorieren, zum Beispiel in Form von Rentenpunkten.

Ich lehne materialistischen Feminismus ab. Ein Kind ist ein Lebewesen, das nicht als Teil eines kapitalistischen Systems gedeutet werden darf. Derzeit rechtfertigen Frauen ihre finanzielle Abhängigkeit damit, dass sie so viel Care-Arbeit leisten müssen. Aber was ist das? Dass ich meinem Kind ein Brot schmiere, es morgens frage, was es geträumt hat, ihm ein Buch vorlese? Das Arbeit zu nennen, finde ich schrecklich! Klar ist aber: Ein Paar muss sich das gleichberechtigt aufteilen. Dann stellt sich die Frage, ob das Arbeit ist, vielleicht auch gar nicht.

Gibt es aus Ihrer Sicht gar nichts, was sich politisch ändern müsste?

Doch, das Ehegattensplitting muss sofort in ein Familiensplitting umgewandelt werden. Denn das ist die steuerliche Basis für Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau, weil die Frau dafür belohnt wird, wenn sie sich aus der Gesellschaft und dem Arbeitsleben zurückzieht.

Konzepte wie Familienarbeitszeit, in denen Eltern einige Jahre bei vollem Rentenausgleich weniger arbeiten können, lehnen Sie aber ab?

Ich bin für eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich für alle. Wenn sie finanziell unabhängig sind, können sie auf Augenhöhe Beziehungen führen. Das spielt übrigens auch beim Sex eine Rolle.

Inwiefern?

Die sexuelle Zufriedenheit ist im Vergleich zwischen Ost- und Westfrauen sehr unterschiedlich. Westfrauen sind deutlich unzufriedener. Das zeigen Befragungen. Wenn ich mich in einem Abhängigkeitsverhältnis befinde, dann habe ich einen begrenzten Handlungsspielraum, meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Denn was habe ich gegen diese andere Person in der Hand? Das einzige, was ich im Notfall sagen kann, ist: Dann gibt es eben gar keinen Sex. Weil ich abhängig bin und nicht sagen kann: Dann gehe ich.

So konfrontativ geht es wohl nicht in jeder Ehe zu.

Aber das ist immer eine schreckliche Situation, für jede Liebesbeziehung. Dass der eine diese Macht hat und der andere in einer Ohnmachtsposition gefangen ist. Und um mit Hegel zu sprechen: Der Ohnmächtige schenkt dem Herrn ja seine Macht. Wenn ich das aufbrechen will, dann muss ich verstehen, was meine Verantwortung ist in diesem Machtgefälle.

Sie schreiben sehr viel über Sex. Was ist denn guter Sex?

Wenn beide ihre Bedürfnisse, Wünsche und Kinks frei ausleben können. Das schönste ist ja, wenn man auf einen Menschen trifft, mit dem man sich sexuell total ergänzt. Ich hatte kürzlich anderthalb Jahre lang eine Affäre mit einem total jungen Typen. Den werde ich eher nicht heiraten, er ist erst 27! Aber wir hatten einfach den Sex unseres Lebens. So etwas passiert nicht oft. Viel häufiger versteht man sich sonst super und hat die gleichen Lebensziele, aber im Bett will einer kuscheln, der andere geschlagen werden. Dann muss man viel verhandeln. Dafür braucht es Diskussionen auf Augenhöhe.

Manchen ist Sex vielleicht gar nicht so wichtig.

Klar, man muss nicht immer wie irre vögeln. Das kann jeder machen, wie er will. Mir geht es um Freiheit. Jeder soll sich ausleben und glücklich werden. Dafür ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und sie auch kommunizieren zu können.

Sie schreiben, Sie hätten mit 150 Männern geschlafen. Wollten Sie Rekorde aufstellen?

Mittlerweile sind das auf jeden Fall schon 170! Ich finde das gar nicht viel. Wir reden jetzt von 25 Jahren Sexualleben, in denen ich nur sechs Jahre lang in Beziehungen war. Also 19 Jahre Singleleben – das sind nicht mal 10 Männer pro Jahr, nicht mal ein Mann pro Monat. Das ist ja gar nix!

Sie scheinen das alles eher pragmatisch als romantisch zu sehen . . .

Ich glaube, man sollte niemals jemanden zu sehr zum eigenen Lebensmittelpunkt machen, weil das langfristig nicht zu einer guten Beziehung führt. Frauen definieren sich gern über die Beziehung oder den Partner und haben Angst vor dem Alleinsein.

Das haben doch auch Männer.

Klar. Und auch Männer sind am liebsten in langfristigen Beziehungen. Sie gehen dann vielleicht eher mal fremd, trennen sich aber meistens nicht. Scheidungen gehen in den seltensten Fällen von den Männern aus. Die kommen nämlich gern immer wieder heim, wo es kuschelig warm ist.

Das ist ein ziemlich klischeehaftes Bild.

So etwas entwickelt sich gesellschaftlich natürlich immer weiter, die Vorstellungen von Beziehungen und Liebe. Das, was wir heute so definieren, gab es vor 200 Jahren nicht. Wir sind momentan am Ende der Phase angelangt, in der die bürgerliche Ehe dominierte. Das zeigen die Scheidungszahlen. In 300 Jahren redet kein Mensch mehr über das, worüber wir jetzt reden. Dann gibt’s gar keine Ehen mehr.

In den 70ern sind Frauen schon mal für mehr Gleichberechtigung eingetreten. Wieso hat sich seither so wenig getan?

Ich weiß nicht, ob 50 Jahre für so etwas so viel Zeit sind. Bis in die 60er mussten Frauen in Westdeutschland ihren Mann fragen, um überhaupt arbeiten gehen zu dürfen, bis in die 70er durften Frauen in der Schweiz nicht wählen. Das ist ja nicht lange her. Es hat viele tausend Jahre gedauert, bis Frauen wählen durften. So lange haben wir gebraucht, um die Frau als ebenbürtiges Individuum einer demokratischen Gesellschaft zu sehen.

Was sie jetzt tatsächlich ist.

Wir sind immer so ungeduldig. Vor 150 Jahren haben Frauen noch am Waschbrett geschrubbt. Da hat sich doch vieles verändert. Die Zeit der Haushaltstätigkeit hat sich weiter minimiert dank technischer Errungenschaften. So hatten Frauen überhaupt erst die Zeit, über ihre Rolle nachzudenken.

Manche wollen jetzt zurück zum alten Hausfrauenleben, benutzen Stoffwindeln und kochen Babybrei selbst.

Ja, sollen die mal machen. Aber ich mache das nicht. Und ich glaube auch nicht, dass es eine gute Idee ist, anderen Frauen zu sagen, sie sollen Babybrei selbst kochen.

Warum haben Frauen eigentlich immer so ein schlechtes Gewissen?

Ihr westdeutschen Frauen habt ein schlechtes Gewissen. Ostdeutsche Frauen nicht.

Aber diese Trennung gibt es doch seit 30 Jahren nicht mehr!

Ja, deswegen wird gerade in den jüngeren Generationen im Osten öfter dieses traditionelle westdeutsche Adenauermodell gelebt, Mann und Vater als Ernährer, Frau im Haushalt. Obwohl die Betreuungsmöglichkeiten dort echt gut sind. Das ist bitter. Was bringt es, wenn die Kita bis 17 Uhr offen hat, aber kein Kind mehr da ist?

Die Sozialisation prägt, wie man sich sein Leben vorstellt. Darf nicht jeder so sein, wie er geprägt ist?

Ich werfe keinem seinen Lebensstil vor. Ich erinnere nur daran, dass es eine Sozialisation ist, und dass es auch andere gibt. Im Übrigen kenne ich auch sehr viele Frauen, die mit sehr unglücklichen Müttern aufgewachsen sind – und die das nicht für sich wollen. Oder Frauen, die mir schreiben, sie fühlen sich durch mich gestärkt, mehr zu arbeiten und ihr Gehalt besser zu verhandeln. Und genau das will ich ja, ich möchte Frauen bestärken.

Zur Person

Mirna Funk
wird 1981 in Ost-Berlin geboren und wächst in einer deutsch-jüdischen Familie auf. Sie studiert Philosophie und Geschichte und lebt mit ihrer Tochter in Berlin und Tel Aviv.

Die Autorin
mischt sich regelmäßig in aktuelle Debatten ein, unter anderem über jüdisches Leben in Deutschland und Gleichberechtigung, zuletzt mit ihrem Buch „Who Cares! – Von der Freiheit Frau zu sein“ (dtv Verlag). Außerdem schreibt sie regelmäßig Kolumnen und Essays über Körper und Sexualität. In ihren Romanen „Winternähe“ und „Zwischen Du und Ich“ erzählt sie von jungen Frauen auf der Suche nach ihrer deutsch-jüdischen Identität und stellt die Frage, welche individuellen und kollektiven Ereignisse prägen, was wir sind.

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